Schach

von Alex Mosig

Wir sitzen zu zweit am Tisch. Gegenüber von mir eine Person, die ich nicht einschätzen, ja nicht einmal richtig sehen kann. Verschwommene Wahrnehmung wie nach einer zu langen Nacht in der Stadt oder einer zu kurzen vor der Arbeit. Meine Sinne sind betäubt wie unter Droge. Doch ich hatte nichts zu mir genommen. Vielleicht deshalb das beklommene Gefühl. Ich kneife meine Augen verkrampft zusammen, um mehr von meinem Gegenüber zu erfahren. Fixiere das Gesicht und merke nun zumindest, dass es sich um eine Frau handelt oder aber einen Mann mit langer brauner Mähne. Doch zu diesem passen die weichen Züge der Wangen nicht, die sich mir plötzlich offenbaren. Deutlich mehr also, als ich noch vor wenigen Augenblicken bemerken konnte. Das Bild schärft sich.

Sie lächelt mich an und ich lächele zurück. Ob es ihr ähnlich ergeht wie mir? Mehr und mehr Details erschließen sich. Die Haare mit einem Scheitel zu ihrer Rechten gelegt. Das Ohr darunter verdeckt, durch die braune Pracht. Im linken Läppchen ein Piercing. Klein, metallisch. Es passt nicht zu ihr und doch zieht es mich an. Womöglich gerade deswegen. Aus welcher Zeit ihres Lebens es wohl stammen mag? Hinter den Ohren die Bügel einer braunen Brille. An ihr entlang bahne ich mir den Weg zur Augenpartie, ohne zu aufdringlich oder gar creepy wirken zu wollen. Doch kann ihr mein Starren überhaupt entgehen? Unwichtig. Einzig die Erkundung der Unbekannten barg das Ziel meiner Gelüste. Die Gläser der Brille lassen die dahinter liegenden Augen verkrümmt und groß erscheinen. Die Farbe der Pupillen nicht erkennbar. Egal. Sie strahlen für mich einzig eine Müdigkeit aus, die dem Gefühl glich, was ich noch vor wenigen Minuten empfunden habe. Unter den Augen, Nase und Mund. Nicht überraschend. Das Gesicht mit sanft wirkenden, hellbraunen Sommersprossen gepunktet, nur durch einen Krater verunglimpft. Nicht tief und aufdringlich, doch deutlich neben dem linken Nasenflügel zu erkennen. Eine Narbe, die aus der Kindheit stammen könnte? Ich sog alles in mich ein, sog die Züge ihrer Lider auf. Bruch.

Ihr Blick hat sich gen Tisch gerichtet, der sich zwischen uns befand.
Auf ihm liegt ein rechteckiges Schachbrett. Die Figuren aus Edelstahl. Angestrichen in den klassischsten aller Farben. Schwarz und Weiß. Die Gegensätze, die sich seit Anfängen der Erde perfekt ergänzen. Ich sehe, dass die ersten Züge bereits getätigt worden sind. Ihre Seite wirkt aufgeräumt, gesichert. Eine Figur beschützt die andere, womit sich eine lückenlose Verteidigung ergibt. Meine Seite: ein einziges Chaos. Mein Läufer in ihrer Hälfte. Der König nicht mehr zur Rochade in der Lage, weil ich ihn schon bewegt haben musste, wohl zum Ausweichen oder Verteidigen. Ich weiß es nicht mehr. Bedrückung. Keine eindeutige Absicherung kann ich erkennen. Sie blickt starrend und angestrengt drein. Wie lange mag diese Partie wohl schon gehen? Ich traue mich nicht zu fragen, denn obwohl ich wenig von ihr und auch von mir, von uns weiß, begriff ich, dass mehr als nur die Partie auf dem Spiel steht. Dann bewegt sie ihr Pferd. Springt in Richtung Läufer und postiert das Tier so, dass mir der Ausweg versperrt wird. Mit dem Bewegen kommt mehr Erinnerung. Sie heißt Julia. Sie ist keineswegs eine Fremde, sondern meine Partnerin, besser gesagt ehemalige Gefährtin. Trennung blitzt es in meinen Gedanken auf!

Die Sommersprossen sind mir vor Ewigkeiten das erste Mal aufgefallen. Wir sind damals nicht lange zusammen gewesen. Zwei, vielleicht drei Wochen, maximal. Frühling. Sonnenstrahlen und die ersten Blüten krochen sanft aus ihren Knospen, um den Betrachtern ihre Einzigartigkeit zu präsentieren. Ebenso wie ich mich vor diesem Phänomen bisher verschlossen habe, sind mir bis dato auch die Feinheiten ihres Gesichts trotz zweiwöchiger Beziehung nie so deutlich, wie zu diesem Zeitpunkt, unter den hellblauen durchlässigen Wolken des Vorsommerhimmels aufgefallen. Das eine Grübchen und die hellen braunen Fleckchen – erst durch diese der Jahreszeit geschuldeten Lichtverhältnisse wirklich erkennbar. Schachbrett.

Ich bin am Zug. Langsam begreifend, um was es hier geht. Verzweiflung! Wie kann ich meine Figuren nur so wahllos und unbedacht geführt haben. Rettung oder Resignation? Sturm oder Absicherung? Der Läufer verloren, wie die letzten Jahre der Gemeinsamkeit. Meine Deckung dahin. Ihr alles offenbarend was ich bin, ohne Maske oder die Kunst der Verstellung. Die Figur zu retten würde den Verlust einiger Mannen bedeuten. Bei diesem Spiel nicht von Belang, denn einzig der König ist doch wichtig oder? Erst jetzt sehe ich drei Bauern am Rand stehen, die bereits das Feld verlassen haben. Drei Figuren, die nicht wieder in das Spiel eingreifen dürfen. Außer bei einer Revanche, was mir keineswegs wahrscheinlich erschien. Bei Niederlage endet es hier. Das Wir, nur noch ein verblassender Gedanke in den Windungen meines Hirns.  Die Niederlage scheint unausweichlich, denn die Fehler im Aufbau verbieten es nun von einem Sieg zu träumen. Und doch will ich nicht aufgeben. Ich beschließe, nicht ohne Trauer, aufgrund Realisation, den Läufer zu opfern und ziehe mit meinem Pferd tapfer Richtung König.

Das Metall der Figur fühlt sich kalt in meinen Fingern an. Ich führe die Figur nur mit Daumen,  Zeige- und Mittelfinger und doch zieht sich die Kühle durch meine komplette Handfläche. Obwohl es jeglicher Logik entbehrt, kann ich spüren, dass sich dieses Gefühl wie ein Gift seinen Weg durch meine Adern Richtung Herz bahnt. Etwas Ätzendes, dass versucht tiefer in mich einzudringen. Ich versuche die rote Spur auf meinem Arm auszumachen, entdecke dort jedoch nichts, denn das Toxikum ist kein greifbares, kein sichtbares Element, sondern nur in meinem Empfinden zu erkennen. Kapitulation.

Schach. Kurzweilig, denn jeder Anfänger kann den Bauernblock erblicken, der ihren König schützt und über das lange Spiel beide meiner Pferde verschlingen wird. Sog. Ohne Zweifel wird der Sieg an sie gehen und das ist ihr bewusst. Denn ich weiß es. Und obwohl inzwischen distanziert, waren unsere Gedanken doch einst vereint gewesen.

Da blickt sie auf. Fixiert meine Augen und zieht mich damit vollends wie früher in ihren Bann. Sie lächelt sanft und streckt ihre Hand zu meiner aus. Ich vergesse die Kälte in meinem Herzen und besinne mich. Zwinge mich ihren Ausdruck zu erwidern, ohne zu wissen ob es mir gelingt, denn innerlich zerreißt mich die Situation, hat das Ganze doch so viel Trauriges, dass mich die Hoffnung verlässt. Ich will sie fassen, sie halten, ihr Sicherheit geben, kann aber nur in Starre sitzen bleiben. Ihr Lächeln löst sich zur Gleichgültigkeit hin auf. Verzieht sich langsam mit ihrer Hand, mit ihren Fingern. Ich folge ihnen. Sie bewegen sich nicht wie erwartet zum Turm, sondern stoßen ihren König um. Metall auf Metall. Ein durchdringlicher Laut. Ein Gong, der einen Widerhall in meinen Ohren erzeugt. Ein finales nicht zu vergessenes Geräusch. Sie schenkt mir den Sieg. Die Niederlage.
Meine Erinnerung verblasst mit ihrer Gestalt. Ich will schreien, ihren Namen rufen. Nichts. Erst langsam durchlässig werdend, dann ist sie komplett verschwunden. Nur das Brett mit den Figuren und dem umgestoßenen König bleibt von ihr zurück. Mich alleine lassend. Trauer. Verlust. Verzweiflung.

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