Fortsetzungsroman, Seite 10

Nora Manz wendet das Blatt erneut. Seite 10 des Fortsetzungsromans führt uns in die deprimierenden Weiten der Medienbranche.

von Nora Manz

Meine Finger sind taub, mein Unterarm schmerzt, lange warte ich hier schon auf die Fensterbank gestützt. Regungslos schaue ich hinunter und beobachte die Passanten. Früh morgens bin ich aufgewacht, voll Hoffnung, dass es heute soweit ist. Doch noch immer ist die Post nicht angekommen. Da endlich sehe ich den gelben Wagen um die Ecke kommen, dicht dahinter folgt ein junger Mann in Blau und Gelb. Er ist noch zu weit weg, drei Kreuzungen. Es muss ein neuer sein, so langsam, wie der vorwärts kommt. Nun wird er unsichtbar unter dem grauen Fensterbrett, ich höre ein Klappern, Stille, dann ein Schlagen. Schon schlüpfe ich hinein in meine Schuhe, springe durch das Treppenhaus, ein Stockwerk noch, die Tür. Mein Schlüssel rutscht ins Loch, entsperrt und: Werbung, Werbung, Rechnung, Urlaubspost. Und dort ein dicker, brauner Umschlag in A4. Es ist der Brief, auf den ich warte. Wie viele Wochen ist es her, dass solch ein Großumschlag in die andere Richtung ging? Meine Bewerbung und ein Drehbuch lagen darin, dazu die Hoffnung auf Karriere. Voll Euphorie sah ich seither täglich eine Folge: erst er, dann Keyla in Kambodscha.

Mit all der Post in beiden Händen steige ich wieder hinauf, am Küchentisch lese ich sorgfältig die Werbezettel Wort für Wort. So viele Tage habe ich sehnsüchtig auf Antwort gewartet, da kann ich sie auch ein paar Minuten später lesen. Urlaubsgrüße, Wetter und Italien. Ich will nicht länger trödeln und reiße doch den Umschlag auf.

„… erhalten täglich viele Drehbücher zur aktuellen Serie…“ Meine Idee ist mit dabei, mein Buch!

„… freuen uns immer, dabei junge Talente zu entdecken…“ Sie meinen mich!

„… Sie jedoch, sind keines.“ Ich lese noch einmal, verstehe nicht.

„… Sie jedoch, sind keines.“ Ich atme nicht.

„… Eindruck, Sie hätten nicht eine einzige Folge gesehen…“ Sie jedoch, sind keines.

„… junges Publikum will Exotik, Abenteuer, ferne Länder, Spaß und Drogen sehen…“ Sie jedoch, sind keines.

„… kein Platz für langweilige Biohausfrauen mit Milch vom Markt…“ Sie jedoch, sind keines.

„… so unpassend, dass wir uns auf den Arm genommen fühlen…“ Sie jedoch, sind keines.

„Anbei: Ihr Drehbuch, das nicht einmal der Schredder wollte.“ Schredder.

Ich lege das Blatt zur Seite, ziehe meine Seiten aus dem Umschlag. Zuoberst liegt die Seite vier. Ich blättere weiter und finde Kaffeeränder, die meine Worte überrollen. Ganz links glänzt mittig das Papier, ein runder Fleck, fast durchsichtig. Ein fettiger Daumen, der meine Seiten hielt. Und richtig, auf der anderen Seite lag schmierend der Zeigefinger, der meine Blätter Richtung Ende lenkt. Ich folge seinen Spuren, finde fehlende Ecken, Kritzelei und eine Einkaufsliste. Wohin ist Seite drei verschwunden? Geknickt, befleckt und dann bespuckt. So sehen meine Seiten aus. So fühlt sich auch mein Körper an. Mein Unterarm ist taub, meine Finger schmerzen. Wie lange sitze ich nun hier und verkrampfe meine Hände um den Stoß Papier? Ich höre ein Knirschen, spüre das Mahlen in meinem Mund. Weiter starre ich auf Seite zwei. Sina, Milch und Piccolo.

Sie jedoch, sind keines.

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