Ein musikalischer Abschied

von Clara Müller

„La Recherche“ erinnert an Lothar Barts.

Vor 20 Uhr sollte kein Einlass sein. Doch ein paar alte Damen mit strenger Miene stehen bereits eine halbe Stunde früher am Eingang. Ihre übertriebene Pünktlichkeit soll Anteilnahme zeigen. Drinnen angekommen wissen sie nicht wohin mit sich und ihren Händen. Sie kaufen schnell ein Glas Wasser oder Limonade, damit sie sich daran festhalten können. Der Raum ist so groß, dass acht Tafeltische Platz finden. Einer ist mittig vor der Bühne platziert. Dort werden die Familienangehörigen und ihre engsten Freunde sitzen. Jeder Tisch ist mit silbernen Seidenschleifen und kleinen violetten Dekosteinen festlich geschmückt, obwohl es eigentlich nichts zu feiern gibt. Noch fließen im Musiksaal Heppenbach in Belgien keine Tränen.

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Ein Mann, Pferd, ein Wald

von Judith Kaiser

Im Westerwald müssen Pferde richtig schuften – und das Holzrücken macht ihnen auch noch Spaß

Daniel Seidel mit Wasco auf dem Weg zur Arbeit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Wald ist noch düster, feucht und kalt. Man hört dasKlirren schwerer Ketten und vom weichen Boden gedämpftes Hufgetrappel. In der Luft liegt würzig-warmer Pferdegeruch. Auf dem verlassenen Waldweg trotten zwei schwere Kaltblüter, geführt von zwei jungen Männern. Die Tiere tragen Arbeitsgeschirre und ziehen Metallstangen hinter sich her, an denen schwere, eiserne Ketten befestigt sind.

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HARTherzig

von Pia Jantos

Wie ein „Coolness-Trainer“ jugendlichen Straftätern helfen kann, ihre Aggressionen im Zaum zu halten. 

Es dämmert bereits, als der siebenjährige Simon P. vom Zigarettenholen nach Hause kommt. Er gibt die Zigaretten seinem Vater;  die 10 Cent Wechselgeld behält er. 15 Minuten später: Der Vater ruft. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, die Schultern hochgezogen, geht Simon in die Küche. Ohne ein Wort packt der Vater ihn bei den Händen und zieht ihn zum Herd. Als der Junge erkennt, was mit ihm geschieht, ist es bereits zu spät. Mehrere Sekunden lang drückt der Vater Simons Hände auf die kochend heiße Herdplatte. Was 10 Cent ihn kosten können, wird Simon P. nie mehr vergessen; die Narben erinnern ihn daran – die äußeren, aber vor allem auch die inneren.

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Frühstück aus dem Müll

von Elisabeth Krause

Wenn Anna und Till morgens etwas zu Essen haben wollen, müssen sie vorher nachts losziehen und „Containern“ – sie holen sich Lebensmittel, die in Supermärkten weggeschmissen werden. Nur weil sie nicht mehr schön aussehen oder so grade abgelaufen sind.

Die Luft in der kleinen WG-Küche von Anna und Till war auch schon einmal besser. Die Fenster sind verrammelt. Die Jalousien sperren das natürliche Licht aus. Noch sitzen die beiden Studenten entspannt auf ihrem neuen Sofa; keins von Ikea, sondern vom Sperrmüll letzter Woche. In ihren Händen die qualmenden Glimmstängel. Beide drehen selbst. Gekaufte Zigaretten landen bei ihnen nicht auf dem Tisch. Aus Prinzip. Zu ineffizient, sagen sie. Den Rotwein trinken sie ganz klassisch aus Pokalgläsern. Es geht darum, was drin ist – nicht darum, wie es aussieht. „Beim Netto haben die jetzt auch ein Vorhängeschloss “, stellt Anna ernüchtert fest. Schon wieder ein Supermarkt, der den beiden das Leben schwermacht. Alternativen gibt es trotzdem genug. Noch.

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„Lasst uns einen Garten machen“

von Jan-Hendrik Schulz

Kräuter, Spinat und Kürbis – für alle! Die Gruppe „Transition Siegen“ will öffentlich zugängliche Stadtteilgärten anlegen und benutzt dazu Dinge, die nicht mehr gebraucht werden. Beim Urban Gardening werden nicht nur Kloschüsseln, Planschbecken oder Joghurtbecher mit Nutzpflanzen bepflanzt, sondern auch Nachbarn und Bürger zueinander gebracht.

Siegen. Rhabarber am Oberen Schloss käme vielleicht nicht so gut an bei der Stadt. Der Bewegung „Guerilla Gardening“, die öffentliche Plätze ohne Genehmigung – gerne auch mal mit Marihuana bepflanzt – folgt die Gruppe „Transition Siegen“ nicht: Sie wollen Greenspaces anlegen, öffentlich zugängliche Stadtteilgärten. Dabei geht es ihnen nicht um die Gestaltung öffentlichen Raums, sondern um Nutzpflanzen und Nahrungsmittel.

Der Garten am Effertsufer im Stadtteil Hammerhütte ist jetzt etwa einen Monat alt, und es wachsen schon Kräuter, Spinat, Kürbisse. Von außen sieht das umzäunte Areal nicht direkt aus wie ein Garten. Auf der Wiese stehen Pflanzkübel, lagern Paletten, am Zaun hängen Joghurtbecher und Flaschen. Kübel unter Klarsichtfolie sind Miniatur-Gewächshäuser. Was sich eignet, wird bepflanzt.

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Die gute Seele hinter dem Steuer

von Jan-Hendrik Schulz

In den hintersten Ecken der Provinz, wo kein regulärer Linienverkehr existiert, springt der Bürgerbus ein- Ehrenmedaille der Stadt für soziales Engagement des Bürgerbusvereins – Bärbel Langemann ist die einzige Frau unter zehn Fahrern

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Plettenberg. „Hör bloß auf“, ruft Bärbel Langemann und schnellt mit dem Sitz nach hinten. „Ich nehm das.“ Bärbel Schröder wollte gerade ihre Einkaufstaschen nehmen und aussteigen, aber das Tragen übernimmt Langemann. Bärbel Langemann ist Bürgerbusfahrerin in Plettenberg, die einzige Frau am Steuer des Fahrzeugs.

„Ich hatte Zeit“, sagt sie beim Losfahren und gewährt einem Auto Vorfahrt. Die wollte sie sinnvoll nutzen und stieß auf den Bürgerbusverein. 2005 war das. Ehrenamtliche Fahrer sucht der Verein immer. „Das gefiel mir, genau so wollte ich mich engagieren. Außerdem fahre ich gerne Auto.“ Sie grinst.

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Heute gegen Abschiebung – wie eine Studentin die Welt verbessern will

von Jana Gliese

Samba-Trommel und Trillerpfeife sind die Waffen der 24-jährigen Ronja in ihrem politischen Kampf

Im Schnellschritt laufen die Reisenden mit ihren Koffern und Taschen ins Düsseldorfer Flughafengebäude. Ronja lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie hat sich mit ihren Leuten vor dem Eingang „Terminal B – Ankunft“ verabredet, um sich in Ruhe vorzubereiten. „Wir sind sieben aus der Samba-Gruppe. Hier ist der Rucksack mit den Sachen.“

Ronja ist 24 Jahre alt und studiert im siebten Semester Medizin. Sie ist groß und schlank. Ihr helles, reines Gesicht und die grünen Augen strahlen Freundlichkeit aus; die blonden Dreadlocks hat sie am Hinterkopf zusammengebunden. Sie trägt pinkfarbene Gummistiefel. Unter dem etwas zu weiten Rock kommt eine geringelte Strumpfhose zum Vorschein. Auf ihrem Rücken klebt ein silbernes Pappschild mit der Aufschrift „Bleiberecht überall“. „Nur noch die Trillerpfeife und dann los“, sagt Ronja aufgeregt. Die sechs anderen greifen in den Rucksack und schmücken sich mit rosa sowie silbernen Ketten und Federn. Vor ihnen liegen Trommeln und Rasseln.

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Vom überzeugten Offizier zum Kriegsdienstverweigerer

von Lena Rippe

Seit gut eineinhalb Jahren ist die Wehrpflicht in Deutschland Geschichte. Die Bilanz: Rund ein Viertel der freiwillig Wehrdienstleistenden quittiert den Dienst vorzeitig und ohne große Erklärungen. Doch was passiert mit denjenigen, die sich nicht wenige Monate, sondern 13 Jahre für den gut bezahlten Staatsdienst verpflichtet haben und nun raus wollen? Wie schwer es Offiziersanwärtern gemacht wird, zeigt der Besuch bei einem, der den Ausstieg geschafft hat.

„Die spielen ein Jahr ein bisschen Krieg und können jederzeit gehen. Und wir sind gefangen im System.“ Georg Bösmann* sitzt verärgert in seinem ehemaligen Kinderzimmer. An die weißen Wände ist mit blauer Farbe ein Alpenpanorama gemalt. Während seiner Zeit bei der Bundeswehr musste er nur aus dem Fenster gucken, um sie zu sehen. Heute erblickt er draußen das graue Bremer Nieselwetter.

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Zwischen Weinflaschen und Badelatschen. Eine serbisch-orthodoxe Taufe in der Diaspora Deutschland

von Marijana Bojanic

Christliche Taufe einmal anders: Marijana Bojanic berichtet von einem Ritus, bei dem Priester verheiratet, Flipflops erlaubt, aber Hosengürtel verboten sind

Die Kirche ist leer und wird nur durch Altarkerzen beleuchtet. Auf den Bänken liegen bunte Sitzkissen, ganz am Rand liegt ein rotes Kissen mit Coca-Cola-Schriftzug. Neben einer Ikone des heiligen Michael steht eine verstaubte Plastikorchidee auf dem Regal.

Heute wird eine ganze Familie getauft: Vater, Mutter, Tochter. Ein christlicher Ritus mal ganz anders. „Hast du alle Weinflaschen dabei?“ Frau Vukotic spricht in schnellem Serbisch zu ihrer Tochter Nevenka und kramt zwischen Handtüchern und Ölflaschen im Kofferraum her-um. Diese Feier macht sie ganz nervös. In ihrer Heimat Montenegro war sie als Kind nicht getauft worden, dazu lebten sie und ihre Familie zu weit abseits in einem kleinen Dorf. Dort gab es nicht einmal Strom- und Wasserleitungen. Doch in Deutschland haben sie und ihre Familie jetzt die Chance dazu.

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