Eine Familie im Schatten des Alkoholismus

Lena Schätte schildert das Thema Sucht schonungslos und pointiert

Rezension von Michael Fassel

Lena Schättes Roman Das Schwarz an den Händen meines Vaters, erschienen 2025 beim S. Fischer Verlag, nähert sich dem Thema Alkoholismus, der sich gleich durch mehrere Generationen zieht. Die Autorin, 1993 geboren und im Ruhrgebiet aufgewachsen, arbeitet das Thema sehr direkt auf: ungeschönt, nüchtern und ohne schmückendes Beiwerk. Und doch gelingt der Autorin die Balance zwischen fragmentarischen Schilderungen der Ich-Erzählerin und Reflexion, die sich jedoch keineswegs in Erklärungen erschöpfen. Vielmehr ist die ebenso starke wie auch nüchterne Bildsprache durchdrungen von klugen Gedanken. Ungeschönt gewährt die Ich-Erzählerin Einblick in eine sozial benachteiligte Familie in prekären Verhältnissen.

Hervorzuheben sind insbesondere die ausgesprochen differenzierten Schilderungen ihres Vaters, der keinesfalls seinen hohen Alkoholkonsum reduziert wird. Denn die Tochter zeigt darüber hinaus die verletzlichen und sanften Seiten ihres Vaters, der im Schatten des in der Familie so selbstverständlich konsumierten Alkohols steht. Als Arbeiter in einer Fabrik verliert er wegen seines immer häufigeren Fehlens seinen Job. Fortan muss die Mutter das Geld verdienen, die Gesellschaft schaut verächtlich auf abwärts treibende Familie. Motte, so der Name der Ich-Erzählerin, beschließt auszuziehen oder vielmehr auszubrechen aus dem vom Alkohol vergifteten Klima. Und doch bleibt die Liebe zum Vater. Dass Motte dann ebenso selbstverständlich zum Alkohol greift wie er, ist schwer auszuhalten. Dies stellt aber eindringlich die Suchtgefahr dar.

Die fragmentarisch anmutenden Kapitel erschaffen eine schonungslose Unmittelbarkeit, die das Lesepublikum direkt ins Herz der Empfindungen und Konflikte führt. Besonders hervorzuheben ist die Offenheit des Erzählstils. Lena Schätte verzichtet darauf, Trauma zu verklären oder zu dramatisieren. Sie verleiht dem Text eine mutige Authentizität.

Als gewöhnungsbedürftig erweist sich hingegen die Struktur: Die Kapitel sind kurz, was grundsätzlich eine gute Dynamik erzeugen kann. So reizvoll das fragmentarische und unchronologische Erzählen zuweilen auch Raum für Interpretationen lässt, stört es den Lesefluss und irritiert die Zeit-Ort-Orientierung, zumal die Art und Weise der nicht-linearen Erzählstruktur keinen Mehrwert für den Inhalt des Romans erkennen lässt.

Insgesamt bietet der Roman eine mutige, direkte Auseinandersetzung mit einem relevanten Gesellschaftsthema, das durch ehrliche Schonungslosigkeit mit dem Thema Alkoholismus innerhalb der Familie auseinandersetzt.

Über den Roman sprechen wir auch im Podcast Zeilenerkundung in unserer Dezember-Ausgabe. Zu hören auf Spotify.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert