Schach

von Alex Mosig

Wir sitzen zu zweit am Tisch. Gegenüber von mir eine Person, die ich nicht einschätzen, ja nicht einmal richtig sehen kann. Verschwommene Wahrnehmung wie nach einer zu langen Nacht in der Stadt oder einer zu kurzen vor der Arbeit. Meine Sinne sind betäubt wie unter Droge. Doch ich hatte nichts zu mir genommen. Vielleicht deshalb das beklommene Gefühl. Ich kneife meine Augen verkrampft zusammen, um mehr von meinem Gegenüber zu erfahren. Fixiere das Gesicht und merke nun zumindest, dass es sich um eine Frau handelt oder aber einen Mann mit langer brauner Mähne. Doch zu diesem passen die weichen Züge der Wangen nicht, die sich mir plötzlich offenbaren. Deutlich mehr also, als ich noch vor wenigen Augenblicken bemerken konnte. Das Bild schärft sich. Weiterlesen

Winterwunderland

von Ankay

Mit einem leisen Seufzer lasse ich mich auf den Stuhl sinken und lange nach dem Radio, um dem ewig dahin quietschenden „Last Christmas“ den Saft abzudrehen.
Hätte ich Amanda doch nie diese CD gekauft…
Ich schmiege mich an das warme Leder des Sessels und blicke mich kurz im Zimmer um, bleibe mit dem Blick an meiner schlafenden Freundin hängen, lächele und drehe mich dann zum großen und einzigen Fenster im Zimmer, welches, wie alle anderen in unserer WG, zur Straße hin zeigt. Weiterlesen

(Miss)Erfolg einer Rückkehr

von Jana Albrecht

Und irgendwann im Moment des Nicht-Erlebens, des Nicht-Seins erfährt der Schmerz den Höhepunkt der Einsamkeit ohne selbst existent sein zu können. Der Schmerz, nicht mehr ertragend und nicht mehr in Worten FORM-ulierbar, entzieht sich dem Sein, um zu überleben im Auflösen.  Was bleibt ist der Verstand, der versteht – im Nicht-begreifen, weil im Moment des Begreifens sich die Wahrnehmung des Verstandes, der des entflohenen Schmerzes der Entfremdung, anschließt. Weiterlesen

Jack

von Ankay

Als Jack den Raum betrat, schienen alle Gespräche mit einem Mal zu verstummen. Die Jukebox startete „Supermassive Black Hole“ von Muse, als würde sie die Anwesenheit des neuen Gastes spüren und untermalte durch die ersten Klängen des Rocksongs die beiden selbstbewussten Schritte, mit denen er den halben Raum durchmaß. Weiterlesen

Sahnewolke & Kandiswürfel

von Jan Rottmann

Das Kristallgitter des Kandis löst sich unter einem leisen Knistern und ich frage mich warum man keinen anständigen Tee mehr bekommen kann, denn das Zitrusaroma vom Bergamottenöl lässt mir jedes mal einen Schauer über den Rücken jagen. Felix kommt ins Wohnzimmer, und dreht sich, als wolle er mir sein neues Sommerkleid präsentieren, um die eigene Achse. „Sahne habe ich nicht da aber Milch tuts doch auch, oder?“ Da ein „Nein“ die Tatsache nicht ändern würde, nehme ich den Karton schweigend entgegen. Weiterlesen

Freund aus Silber

von Michael Fassel

Ein geschmeidiges Gesicht, geformt von einem Bildhauer vor einigen hundert Jahren, verfeinert im klaren Licht der warmen Abendsonne. Eine liebenswerte Statue, inmitten einer Flut aus Silber. Sie wohnt in einem großen Schloss, wo sie die Steine sprechen und das Kellergewölbe singen hören kann. Gesänge aus einer fernen Vergangenheit, dumpf, aber freundlich. Silbernes Wasser fließt aus dem Hahn und benetzt seine Haut, seine Kleidung, alles. Weiterlesen