Schach

von Alex Mosig

Wir sitzen zu zweit am Tisch. Gegenüber von mir eine Person, die ich nicht einschätzen, ja nicht einmal richtig sehen kann. Verschwommene Wahrnehmung wie nach einer zu langen Nacht in der Stadt oder einer zu kurzen vor der Arbeit. Meine Sinne sind betäubt wie unter Droge. Doch ich hatte nichts zu mir genommen. Vielleicht deshalb das beklommene Gefühl. Ich kneife meine Augen verkrampft zusammen, um mehr von meinem Gegenüber zu erfahren. Fixiere das Gesicht und merke nun zumindest, dass es sich um eine Frau handelt oder aber einen Mann mit langer brauner Mähne. Doch zu diesem passen die weichen Züge der Wangen nicht, die sich mir plötzlich offenbaren. Deutlich mehr also, als ich noch vor wenigen Augenblicken bemerken konnte. Das Bild schärft sich. Weiterlesen

Das Mineral

von Christian Bocksch

Ein Ehepaar lebte jahrelang in Frieden und Glück zusammen. Wobei sich die Glückseligkeit vorwiegend aus den getrennt verbrachten Stunden speiste. Gab es zu Anfang, als er begann mehr Zeit an dem Tresen seiner Stammkneipe, statt mit ihr zu verbringen, noch die verträumte Erinnerung an den Beginn der gemeinsamen Beziehung, dauerte es nicht lange, und sie erkannte den Vorteil, die Zeit für sinnvollere Tätigkeiten zu nutzen, und nicht damit zu vergeuden die marode Liebe zu restaurieren.
Ärgerlich war daran nur, dass der konsumierte Alkohol keinerlei positiven Einfluss auf sein Gemüt hatte. Kam er dann vollgepumpt mit legalen Nervengiften durch die Tür der Küche, lag bereits der Geruch von Unwetter in der Luft. Weiterlesen

Winterwunderland

von Ankay

Mit einem leisen Seufzer lasse ich mich auf den Stuhl sinken und lange nach dem Radio, um dem ewig dahin quietschenden „Last Christmas“ den Saft abzudrehen.
Hätte ich Amanda doch nie diese CD gekauft…
Ich schmiege mich an das warme Leder des Sessels und blicke mich kurz im Zimmer um, bleibe mit dem Blick an meiner schlafenden Freundin hängen, lächele und drehe mich dann zum großen und einzigen Fenster im Zimmer, welches, wie alle anderen in unserer WG, zur Straße hin zeigt. Weiterlesen

(Miss)Erfolg einer Rückkehr

von Jana Albrecht

Und irgendwann im Moment des Nicht-Erlebens, des Nicht-Seins erfährt der Schmerz den Höhepunkt der Einsamkeit ohne selbst existent sein zu können. Der Schmerz, nicht mehr ertragend und nicht mehr in Worten FORM-ulierbar, entzieht sich dem Sein, um zu überleben im Auflösen.  Was bleibt ist der Verstand, der versteht – im Nicht-begreifen, weil im Moment des Begreifens sich die Wahrnehmung des Verstandes, der des entflohenen Schmerzes der Entfremdung, anschließt. Weiterlesen

Jack

von Ankay

Als Jack den Raum betrat, schienen alle Gespräche mit einem Mal zu verstummen. Die Jukebox startete „Supermassive Black Hole“ von Muse, als würde sie die Anwesenheit des neuen Gastes spüren und untermalte durch die ersten Klängen des Rocksongs die beiden selbstbewussten Schritte, mit denen er den halben Raum durchmaß. Weiterlesen

Verlust der Unfassbarkeit

    – von  Jana Albrecht

Ein Unfall… ein emotionaler Unfall, entstanden aus einem belanglos lächerlichem Missverständnis zwischen Emotion und Sein. Keiner wollte aufgeben, die Emotion nicht, weil sie am Reichtum gefühlter Bilder klammerte, am Kern des emotionalen Überlebens – das Sein nicht, weil es an wortlosen Gedanken festhielt und nicht begreifen konnte, dass genau das die überlebenswichtige Mitteilung der Emotion war: Gemeinsames Überleben in wortlosen Gedanken und gefühlten Bildern. Weiterlesen

Tränenlos

  • Von Lisa Höller

Ob es Tränen der Trauer oder Tränen der Freude sind, spielt für ihn keine Rolle – Hauptsache ist, dass sie fließen. Lange hat er nach einem Ort gesucht, an dem er seiner Sucht nachgehen kann, ohne anderen aufzufallen. Als er vor einigen Jahren wieder ein Mal geschäftlich nach München reisen musste, kam ihm die Idee. Seitdem fährt er jedes Wochenende zum Flughafen; dabei wechselt er wöchentlich zwischen der Ankunfts- und der Abflughalle. Heute hat er sich wieder einen Platz auf einer Bank im Abflugbereich gesucht, von dem aus er unauffällig und ungestört das Geschehen um sich herum beobachten kann.

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Reloads

von Anna Wilhelm

Eine Frau mit Kopftuch lachte. Ihre braune Haut spannte über einer zarten Knochenstruktur, der Oberkörper schwankte leicht. Sie lachte oder nicht? Der Mann, der neben ihr ging, hatte ihr gerade mit einer eingerollten Zeitung ins Gesicht geschlagen. In meinen Ohren hallte das Geräusch nach, als Andrea, die neben mir am Steuer saß, hörbar die Luft einsog.
Der spinnt wohl!“ Schockstarre.

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