Das Mineral

von Christian Bocksch

Ein Ehepaar lebte jahrelang in Frieden und Glück zusammen. Wobei sich die Glückseligkeit vorwiegend aus den getrennt verbrachten Stunden speiste. Gab es zu Anfang, als er begann mehr Zeit an dem Tresen seiner Stammkneipe, statt mit ihr zu verbringen, noch die verträumte Erinnerung an den Beginn der gemeinsamen Beziehung, dauerte es nicht lange, und sie erkannte den Vorteil, die Zeit für sinnvollere Tätigkeiten zu nutzen, und nicht damit zu vergeuden die marode Liebe zu restaurieren.
Ärgerlich war daran nur, dass der konsumierte Alkohol keinerlei positiven Einfluss auf sein Gemüt hatte. Kam er dann vollgepumpt mit legalen Nervengiften durch die Tür der Küche, lag bereits der Geruch von Unwetter in der Luft. Weiterlesen

Winterwunderland

von Ankay

Mit einem leisen Seufzer lasse ich mich auf den Stuhl sinken und lange nach dem Radio, um dem ewig dahin quietschenden „Last Christmas“ den Saft abzudrehen.
Hätte ich Amanda doch nie diese CD gekauft…
Ich schmiege mich an das warme Leder des Sessels und blicke mich kurz im Zimmer um, bleibe mit dem Blick an meiner schlafenden Freundin hängen, lächele und drehe mich dann zum großen und einzigen Fenster im Zimmer, welches, wie alle anderen in unserer WG, zur Straße hin zeigt. Weiterlesen

(Miss)Erfolg einer Rückkehr

von Jana Albrecht

Und irgendwann im Moment des Nicht-Erlebens, des Nicht-Seins erfährt der Schmerz den Höhepunkt der Einsamkeit ohne selbst existent sein zu können. Der Schmerz, nicht mehr ertragend und nicht mehr in Worten FORM-ulierbar, entzieht sich dem Sein, um zu überleben im Auflösen.  Was bleibt ist der Verstand, der versteht – im Nicht-begreifen, weil im Moment des Begreifens sich die Wahrnehmung des Verstandes, der des entflohenen Schmerzes der Entfremdung, anschließt. Weiterlesen

Jack

von Ankay

Als Jack den Raum betrat, schienen alle Gespräche mit einem Mal zu verstummen. Die Jukebox startete „Supermassive Black Hole“ von Muse, als würde sie die Anwesenheit des neuen Gastes spüren und untermalte durch die ersten Klängen des Rocksongs die beiden selbstbewussten Schritte, mit denen er den halben Raum durchmaß. Weiterlesen

Verlust der Unfassbarkeit

    – von  Jana Albrecht

Ein Unfall… ein emotionaler Unfall, entstanden aus einem belanglos lächerlichem Missverständnis zwischen Emotion und Sein. Keiner wollte aufgeben, die Emotion nicht, weil sie am Reichtum gefühlter Bilder klammerte, am Kern des emotionalen Überlebens – das Sein nicht, weil es an wortlosen Gedanken festhielt und nicht begreifen konnte, dass genau das die überlebenswichtige Mitteilung der Emotion war: Gemeinsames Überleben in wortlosen Gedanken und gefühlten Bildern. Weiterlesen

Tränenlos

  • Von Lisa Höller

Ob es Tränen der Trauer oder Tränen der Freude sind, spielt für ihn keine Rolle – Hauptsache ist, dass sie fließen. Lange hat er nach einem Ort gesucht, an dem er seiner Sucht nachgehen kann, ohne anderen aufzufallen. Als er vor einigen Jahren wieder ein Mal geschäftlich nach München reisen musste, kam ihm die Idee. Seitdem fährt er jedes Wochenende zum Flughafen; dabei wechselt er wöchentlich zwischen der Ankunfts- und der Abflughalle. Heute hat er sich wieder einen Platz auf einer Bank im Abflugbereich gesucht, von dem aus er unauffällig und ungestört das Geschehen um sich herum beobachten kann.

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Reloads

von Anna Wilhelm

Eine Frau mit Kopftuch lachte. Ihre braune Haut spannte über einer zarten Knochenstruktur, der Oberkörper schwankte leicht. Sie lachte oder nicht? Der Mann, der neben ihr ging, hatte ihr gerade mit einer eingerollten Zeitung ins Gesicht geschlagen. In meinen Ohren hallte das Geräusch nach, als Andrea, die neben mir am Steuer saß, hörbar die Luft einsog.
Der spinnt wohl!“ Schockstarre.

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Der Einbruch

von Sonja Lewandowski

Von weitem konnten sie mit trübem Blick und klarer Sicht durch die gebrochene Scheibe in den Innenraum des Wagens schauen. Der Weg dorthin glatt, der Schritt tastend und nicht mehr alltäglich. Der Bordstein verdeckt und die Rinne davor, von geschobenem Schnee aus der Mitte genommen, an den Rand getürmt. Kein Blick zum anderen, als beide versuchten hin zum Wagen zu rennen, die Augen zur Glätte gerichtet, obwohl die nicht sagte, wer wann den Boden verlor. Weniger wurde in dieser kurzen Eile nicht genommen. Eine schimmernde Pfütze Glas zu Fuß und Reifen. Kein Blick zum anderen, da griffen beide durch das offene Fenster in das durchwühlte Auto, noch verschlossen, und suchten nach Dingen, die fehlten. Ohne Inhalt lag dort ein Beutel, ohne Hülle lag dort Verhülltes. Glas und Schnee mischten sich auf dem schwarzen Leder der Rückbank. „Fass nicht hinein, du könntest dich schneiden.“ „Fass du nichts an, vielleicht gibt es Spuren.“ Und so wichen sie zurück, vor den übrigen Dingen, die dort lagen und froren. Weiterlesen