Fortsetzungsroman: Kreuzfahrt

Kapitel 1

von Michael Fassel

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Die schulterlangen Haare waren fransig. Sie hätte doch noch zum Friseur gehen sollen, als sie sich im Spiegel betrachtete.
Oder sie würde den Board-Friseur aufsuchen.
Der aber kostete mindestens das Doppelte als in der Stadt. Weiterlesen

Kohlenkind

von Kristin Scheller

Ich betrachte sie aus dem Augenwinkel. Hass brodelt in mir wie Gift in einem Hexenkessel. Niemand kennt sie so gut wie ich. Und das ist nicht bloß ein Spruch, nicht nur so daher gesagt. Ich kenne sie – ihren Geist, ihre Psyche, ihren Verstand. Die kleinen Narben und Kratzer auf ihrer Seele, die Risse, die sie durchziehen, die gähnenden Wunden ganz tief in ihr verschüttet – all das ist mir bekannt. Zu bekannt. Mir wird schlecht bei ihrem Anblick, in ihrer Gegenwart zehrt und schüttelt mein Seelenfrieden an mir, dreht mich weg, zieht mich in die entgegengesetzte Richtung. Weiterlesen

Die Nacht der Eule

von Andreas Hohmann

„Ali, denkst du wirklich, dass das nötig ist? Ich halte nichts von dieser absurden Kaffeesatzleserei.“
Alandina warf ihrem Verlobten über die Schulter ein strahlendes Lächeln zu, während sie ihn mit sanfter Gewalt in das auffallend unauffällige Zelt etwas abseits des Jahrmarkts zog.
Ein Schild vor dem Eingang verhieß die mystischen Dienste einer Madame Ophelia, die Interessierten einen erhellenden Blick in die Zukunft zu gewähren versprach.
Lord Wilmarth seufzte. Ihre Verlobungsreise nach Port Empériale war mit einem rauschenden Volksfest zusammengefallen. Er hätte es allemal vorgezogen, mit der Yacht eine ruhige Stelle vor der Küste anzusteuern und dort Zeit mit seiner zukünftigen Frau zu verbringen. Weiterlesen

Dilemma einer Reisenden

von Kristin Scheller

Das Quietschen der Bremsen hallt mir noch immer in den Ohren, als ich auf den Knopf mit den zwei Pfeilen drücke, die mir Eintritt in den Wagon verschaffen würden. Die Farbe, die ihn bedeckt, ist teilweise bereits abgeblättert. Zu viele Hände berühren ihn Tag für Tag, tragen nach und nach die Pigmente ab, an jeder Station wieder und wieder. Ich berühre meine Schläfe, wie um dieses strahlende Gefühl abzustreifen, das sich durch meinen Schädel zieht, seit Metall auf Metall getroffen, gequält aufeinander herumgerutscht und letztendlich zum Stillstand gekommen ist. Die Türen öffnen sich und ich trete aus der milden Frühlingsluft hinein in die unbewegte Kühle des Zuges, suche mir einen Platz – einen freien Zweisitzer – und stelle meinen Rucksack neben mir ab. Weiterlesen

Schach

von Alex Mosig

Wir sitzen zu zweit am Tisch. Gegenüber von mir eine Person, die ich nicht einschätzen, ja nicht einmal richtig sehen kann. Verschwommene Wahrnehmung wie nach einer zu langen Nacht in der Stadt oder einer zu kurzen vor der Arbeit. Meine Sinne sind betäubt wie unter Droge. Doch ich hatte nichts zu mir genommen. Vielleicht deshalb das beklommene Gefühl. Ich kneife meine Augen verkrampft zusammen, um mehr von meinem Gegenüber zu erfahren. Fixiere das Gesicht und merke nun zumindest, dass es sich um eine Frau handelt oder aber einen Mann mit langer brauner Mähne. Doch zu diesem passen die weichen Züge der Wangen nicht, die sich mir plötzlich offenbaren. Deutlich mehr also, als ich noch vor wenigen Augenblicken bemerken konnte. Das Bild schärft sich. Weiterlesen

Das Mineral

von Christian Bocksch

Ein Ehepaar lebte jahrelang in Frieden und Glück zusammen. Wobei sich die Glückseligkeit vorwiegend aus den getrennt verbrachten Stunden speiste. Gab es zu Anfang, als er begann mehr Zeit an dem Tresen seiner Stammkneipe, statt mit ihr zu verbringen, noch die verträumte Erinnerung an den Beginn der gemeinsamen Beziehung, dauerte es nicht lange, und sie erkannte den Vorteil, die Zeit für sinnvollere Tätigkeiten zu nutzen, und nicht damit zu vergeuden die marode Liebe zu restaurieren.
Ärgerlich war daran nur, dass der konsumierte Alkohol keinerlei positiven Einfluss auf sein Gemüt hatte. Kam er dann vollgepumpt mit legalen Nervengiften durch die Tür der Küche, lag bereits der Geruch von Unwetter in der Luft. Weiterlesen

Winterwunderland

von Ankay

Mit einem leisen Seufzer lasse ich mich auf den Stuhl sinken und lange nach dem Radio, um dem ewig dahin quietschenden „Last Christmas“ den Saft abzudrehen.
Hätte ich Amanda doch nie diese CD gekauft…
Ich schmiege mich an das warme Leder des Sessels und blicke mich kurz im Zimmer um, bleibe mit dem Blick an meiner schlafenden Freundin hängen, lächele und drehe mich dann zum großen und einzigen Fenster im Zimmer, welches, wie alle anderen in unserer WG, zur Straße hin zeigt. Weiterlesen

(Miss)Erfolg einer Rückkehr

von Jana Albrecht

Und irgendwann im Moment des Nicht-Erlebens, des Nicht-Seins erfährt der Schmerz den Höhepunkt der Einsamkeit ohne selbst existent sein zu können. Der Schmerz, nicht mehr ertragend und nicht mehr in Worten FORM-ulierbar, entzieht sich dem Sein, um zu überleben im Auflösen.  Was bleibt ist der Verstand, der versteht – im Nicht-begreifen, weil im Moment des Begreifens sich die Wahrnehmung des Verstandes, der des entflohenen Schmerzes der Entfremdung, anschließt. Weiterlesen

Jack

von Ankay

Als Jack den Raum betrat, schienen alle Gespräche mit einem Mal zu verstummen. Die Jukebox startete „Supermassive Black Hole“ von Muse, als würde sie die Anwesenheit des neuen Gastes spüren und untermalte durch die ersten Klängen des Rocksongs die beiden selbstbewussten Schritte, mit denen er den halben Raum durchmaß. Weiterlesen