Zwischen Unbehagen und Ungewissheit

Rezension zu Anna Seghers‘ Transit

von Michael Fassel

„Die ,Montreal‘ soll untergegangen sein zwischen Dakar und Martinique. Auf eine Mine gelaufen. Die Schifffahrtsgesellschaft gibt keine Auskunft. Vielleicht ist auch alles nur ein Gerücht.“ Diese keinesfalls gesicherten Informationen teilt uns der Ich-Erzähler in Anna Seghers‘ Roman Transit mit, der aus einem Konzentrationslager geflohen ist und sich nach dem Einmarsch der Deutschen in Paris nun in der französischen Hafenstadt Marseille befindet, wo er wie viele andere Leidens- und Hoffnungsgenossen auf die Transitpapiere und sein Visa wartet. Doch es tut sich nichts. Die Ungewissheit ist ein ständiger Begleiter der Hauptfigur, der bewusst ist, dass ihr ein ähnliches Schicksal bevorstehen könnte wie den zahlreichen Passagieren, die zu in die Vereinigten Staaten emigrieren wollten, jenem Sehnsuchtsort, an dem sich die Freiheit wieder leben und atmen lässt. Weiterlesen

Mehr als Sachertorte und Schlagobers – Die Wiener Kaffeehaus-Kultur

von Michael Fassel

Gemütlich im Kaffeehaus eine heiße Schokolade trinken und beim Lesen einfach die Zeit vergessen. Ja, das ist in einer Hauptstadt möglich, denn die Wiener verstehen es, Lebensqualität zu atmen. Auch wenn man beim ersten Besuch von einer Sehenswürdigkeit zur anderen tapert und sich einfach an den prunkvollen (dieses Adjektiv nehme ich übrigens ausgesprochen selten aus meiner Wortschatzkiste heraus) Gebäuden optisch labt. Doch Österreichs Hauptstadt wurde und wird von namhaften Literatur- und Kulturschaffenden immer wieder durch den Kakao – pardon! – die heiße Schokolade gezogen. Der französische Schriftsteller Albert Camus bezeichnete in Der Fremde das Gesicht der Stadt als „oberflächliche, üppige Szenerie […] in der wenigst natürlichen Stadt der Welt […]“. Camus hat Vorarbeit geleistet, Kabarettisten wie beispielsweise Helmut Qualtinger oder Karl Farkas haben sich ebenso zu teils abwertenden, teils diffamierenden, aber gleichwohl provokant-unterhaltsamen Urteilen hinreißen lassen. Doch irgendwann hat auch das Verspotten seinen Reiz verloren. Wien-Bashing kann demnach heute nur geschehen, wenn man aus nostalgischen Gründen an dieser Traditionslinie festhalten will oder wenn man es metonymisch für die Regierung gebraucht.

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Zauberhafte Lieder

von Christian Bocksch

Joukahainen, Sohn aus reichem Hause mit einer bezaubernden Schwester, gehört nicht zu den sympathischsten Bewohnern des Landes Kalevala. Der schlaffe Jüngling verfügt jedoch über ein ungesund großes Ego. Er sieht sich als den besten Sänger des Landes, und behauptet am Anfang der Zeit Zeuge gewesen zu sein. Diese Kombination aus Inkompetenz und Hybris rächt sich schließlich, als er den Schlitten eines alten bärtigen Mannes absichtlich rammt. Dieser Mann, der weise Väinamöinen, erwartet eigentlich eine Entschuldigung des Jüngeren, doch dieser beschimpft ihn und fordert ein Wissens- und Gesangsduell. Beides verliert Joukahainen nicht nur, er verspricht Väinamöinen auch die Hand seiner Schwester und setzt damit eine Reihe von Tragödien in Gang.

Galiani

Buchcover „Kalevala“, Bildrechte: © Galiani Verlag 2014.

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Von Sartre bis Houellebecq – Iris Radischs kompakter Streifzug durch die französische Literatur der Nachkriegszeit

von Michael Fassel

Um die heutigen französischen Literaten und Intellektuellen zu verstehen, bedarf es mehr als ein Interview mit Michel Houellebecq zu lesen. Vielmehr ist ein Blick auf die Nachkriegszeit, auf Sartre und viele andere Autor*innen der vergangenen Jahrzehnte aufschlussreich, um sich ein literaturhistorisches und zugleich ein gesellschaftliches Bild der Literatur der Grande Nation zu machen.
Aber warum schreiben die Franzosen so gute Bücher, wie Iris Radisch mit dem Titel ihres Buches suggeriert? Die Redaktionsleiterin des Zeit-Feuilletons führt im unterhaltsamen Plauderton die Leser*innen durch das literarische Frankreich der Nachkriegszeit. Mit einem leicht subjektiven Blick hebt sie bekannte, umstrittene und teils – zumindest für deutsche Ohren – eher unbekannte Autor*innen hervor.  Weiterlesen

Star Wars-Blutsbande

von Christian Bocksch

Der Comic Star Wars: Blood Ties – A Tale of Jango and Boba Fett #2 von Autor Tom Taylor und Zeichner Chris Scalf unterscheidet sich bereits im Stil der Darstellung von anderen Comics des Genres, er wirkt düsterer und teilweise schmutziger, an die Welt der Protagonisten angepasst. Dabei gibt Scalf den Figuren ein natürliches Erscheinungsbild, womit sie sich von ihrer Umgebung abheben. Der Australier Tom Taylor gehört mit Werken für DC Comics (Injustice 2), Marvel (Generations. The Best) zu den erfolgreichsten Comic Autoren.

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Peter Härtling und nackte Kinder am See

von Natalie Meyer

Wieder ist ein berühmter Literat gestorben. Zugegeben: Der Tod von Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass haben mich mehr berührt. Denn von Peter Härtling (1933-2017) kenne ich nur ein einziges Buch. Ben liebt Anna.

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Eine kurze Recherche zeigt: Das wird seinem Lebenswerk nicht ganz gerecht, hat er doch den Jugendliteraturpreis 1976 verliehen bekommen. Bevor er zur literarischen Feder griff, war er als Journalist tätig und arbeitete sogar als Mitherausgeber der politischen und kulturellen Zeitschrift „Der Monat“ (bis 1970, die Produktion der Zeitschrift wurde 1987 eingestellt). Nur als kleiner Auszug. Ach, und eine beeindruckende Anzahl von 20 Schulen ist nach ihm benannt.

Es reihen sich in diversen Medien die üblich glorifizierenden und selten kritischen Nachrufe aneinander. Aber ich kann nur an dieses Buch denken, der Mensch dahinter interessiert mich eigentlich kaum. Auf der Buchmesse 2015 hatten wir Literalisten glücklicherweise die Möglichkeit, eine Lesung von Peter Härtling am Rande mitzubekommen. Es waren nicht viele Zuschauer gekommen, für sein neues Buch „Verdi“ schien sich auf der Messe kaum jemand zu interessieren. Und ich spähte nur ein bisschen, um den Autor hinter „Ben liebt Anna“ mal aus der Nähe zu sehen.

Aber was ist das nun für ein Buch? Weiterlesen

Mogador, ein Ort der Träumer und Trinker

von Theresa Müller

Ein junger Mann verlässt fluchtartig seine Heimatstadt Düsseldorf und reist nach Mogador – eine alte Fischerstadt, die heute unter dem Namen Essaouira bekannt ist. Dort angekommen, besucht er ein Dampfbad, in dem er die alte Haut von seinem Körper abreiben lässt und sich einer „Häutung“, sozusagen „Neuschaffung seiner Person“ unterzieht. Damit beginnt der Roman Mogador von Martin Mosebach, in dem Patrick Elff, Investmentbanker, im Glaube an der Veruntreuung von millionenhohen Geldbeträgen beteiligt zu sein, vor den Gesetzeshütern wegläuft. Zwar steht zu Beginn der Kriminalfall im Fokus des Romans, doch einmal in Mogador ankommen, verschwindet dieser in den Tiefen des Meeres und es zeigt sich eine fernöstliche Stadt, die in einem mystischen Nebel zu verschwinden scheint. Weiterlesen

„Ich hatte Angst vorm Jüngsten Gericht“ – Autorin Irma Krauß liest und spricht über Religion, Erziehung und persönliche Erfahrungen

von Michael Fassel

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Irma Krauß

„Ich hab heute zum ersten Mal öffentlich darüber gesprochen“, erklärt Irma Krauß, nachdem sie über ihren Fast-Absturz im Lechquellengebirge gesprochen hat. Betroffene Stille im Grünen Hörsaal, in dem die Autorin im Rahmen der von Dr. Jana Mikota und Prof. Dr. Mirjam Zimmermann organisierten Ringvorlesung „Religion in der Kinder- und Jugendliteratur“ am vergangenen Dienstagnachmittag (17. Januar) zu Gast gewesen ist. Weiterlesen

Heitere und nachdenkliche Töne – und die Sehnsucht nach Italien

Eine Rezension zu Jörn Hellers Lyrikband „Gute Gedichte und solche, die es gerne wären“

von Michael Fassel

„Gute Gedichte und solche, die es gerne wären“ – so lautet der jüngst erschienene Gedichtband von Jörn Heller. Schon hinter dem Titel verbirgt sich eine erfrischende Ironie: Nicht jedes Gedicht ist per se gut, will aber gerne gut sein. Das endgültige Urteil darf sich schließlich das Lesepublikum machen. Oder auch die LiteraListen, die gerne mal eine Leseempfehlung geben. Weiterlesen

Spannendes Katz- und Mausspiel – Paul Verhoevens neuer Psychothriller

Rezension zum französischen Psychothriller „Elle“

von Wiliam Mertens

„Did you ever experience this in your life?” Auf diese direkte Frage eines Reporters bei der Pressekonferenz zum Wettbewerbsfilm L’avenir auf der diesjährigen Berlinale fand die französische Schauspielerin Isabelle Huppert eine schlagfertige Antwort: „Ça ne vous regarde pas!“ (‚Das geht Sie gar nichts an!‘). Ob sie so etwas Krasses wie die Protagonistin in ihrem darauf folgenden, in Cannes uraufgeführten Psychothriller Elle (Regie:Paul Verhoeven) erlebt habe, hätte sich wohl niemand zu trauen gefragt. Schließlich spielt die Actrice hier eine Frau, die ihr Leben nach einer brutalen Vergewaltigung im eigenen Haus neu ordnen muss. Weiterlesen