Ein Klassiker neu betrachtet: „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas

Eine Rezension von Lutz Dehenn

Im Jahr 1815 steht der einfache Seemann Edmond Dantés nicht nur kurz vor seiner  Beförderung zum Kapitän, sondern auch vor der Vermählung mit seiner Geliebten. Doch das bevorstehende Glück wird am Altar zu Nichte gemacht: Auf Grund einer Verschwörung aus Habgier und Eifersucht – der eine trachtet nach Edmonds Karriere, der Andere nach seiner Frau – wird er unschuldig in den Kerker geworfen. Hier verbringt er 16 Jahre seines Lebens. Doch bevor ihm nach dieser schier unendlichen Zeitspanne die Flucht gelingt schließt er eine innige Freundschaft mit seinem Zellennachbar. Der Hauptprotagonist erhält durch jenen nicht nur ein beachtliches Maß an Bildung in Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Medizin und Philosophie, sondern verfügt zum Zeitpunkt seiner Flucht auch über das Wissen von einem Schatz von unermesslichen Reichtümern auf der Insel Monte Christo. Den Schatz geborgen lässt sich Edmond satte 9 Jahre Zeit um seinen Rachefeldzug zu planen, der ihn in die Gefilde des Pariser Adels führen wird, wo sich seine Verschwörer inzwischen ein anschauliches Leben durch tückische und unmoralische Methoden aufgebaut haben. Mittels unerschöpflichen Reichtums, universalgelehrter Bildung, in Haft erlernter unerschütterlicher Geduld und einem lang gereiften Plan trachtet der selbst ernannte Graf von Monte Christo nun nach Genugtuung.

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Von Schmetterlingen im Bauch, Fischen im Pool und Passwörtern im Kühlschrank

von Wiliam Mertens

Tanzend, mit suchenden Bewegungen bewegt sich ein achtjähriges Mädchen mit angenähten Schmetterlingsflügeln durch den heimischen Garten – eines von vielen metaphorisch aufgeladenen Bildern auf der 70jährigen Berlinale, die sich ebenfalls nach dem Wechsel der Festivalleitung von Dieter Kosslick zu Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek neu entwickeln muss. Der Garten stellt für die Protagonistin des berührenden französischen Dokumentarfilms Petite fille von Sébastien Lifshitz aus der Festival-Sektion „Panorama Dokumente“ einen sicheren Raum dar, in dem sie sich frei entfalten kann. Ihre Familie akzeptiert Sasha so, wie sie ist: Im Körper eines Jungen geboren, identifiziert sie sich schon seit ihrer frühen Kindheit als Mädchen. Doch in sehr aufwühlenden Interviews werden zum Teil Unverständnis und Druck durch die Gesellschaft sowie die daraus resultierenden psychischen Auswirkungen auf Sasha und ihre Familienangehörigen spürbar, die darum kämpfen, dass Sasha u.a. als Mädchen gekleidet zur Schule gehen darf. Insgesamt gelingt Lifshitz ein tiefschürfendes, engagiertes Plädoyer für Selbstbestimmung und Akzeptanz, das Sasha und ihrer Familie auf Augenhöhe mit Würde begegnet, nah an ihnen dran ist, nie reißerisch wirkt und dadurch zu echter Anteilnahme einlädt. Weiterlesen

Literaturtipp 2: Denis Schecks „Schecks Kanon. Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur von ,Krieg und Frieden‘ bis ,Tim und Struppi'“

Lektüretipp von Michael Fassel

Nein, ich möchte es mir nicht so bequem machen und in meiner Lektüreempfehlung einfach auf die 100 Werke verweisen, die der belesene Literaturkritiker Denis Scheck für hochrelevant erachtet. Vielmehr möchte ich auf den Lesegenuss dieses besonderen Buches aufmerksam machen. Mit unnachahmlichen Humor, Know How und erfrischendem Esprit weiß Denis Scheck auch vermeintlich sperrige Werke kurzweilig unterhaltsam zu vermitteln.  Weiterlesen

Der Jäger der los zog, die Welt zu erobern

Gametipp von Christian Bocksch

Mit dem Aufbausimulator „Dawn of Men“ versetzt das Spielestudio Madruga Works, von denen auch das Spiel „Planetbase“ stammt, die Spieler dieses Mal zurück in die Steinzeit. Durch sechs Zeitalter menschlicher Zivilisation entwickelt sich die geführte Siedlung immer weiter.

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Literaturtipp 1: Raymond Feists Midkemia Saga

Lektüretipp von Alexander Mosig

Du liebst Fantasy? Du hast Herr der Ringe im alljährlichen Rhythmus gerade zum 20ten mal durchgelesen und wartest sehnsüchtig auf das epische Ende von Das Lied von Eis und Feuer? Hohlbein und Heitz füllen deine Regale aber du suchst nach Abwechslung? Dann könnte der amerikanische Autor Raymond Feist genau der richtige Lesepartner für dich sein. Mit seinem Midkemia Zyklus hat er ein Fantasy Epos geschaffen, welches sich ohne Furcht mit anderen Riesen des Genres vergleichen lässt. Im Jahr 2016 wurde der erste Roman seiner Reihe neu aufgelegt und ist unter dem Titel Die Midkemia-Saga 1: Der Lehrling des Magiers in allen gängigen Buchläden zu erwerben. Die alten Ausgaben gibt es für kleines Geld als gebrauchte Werke. Weiterlesen

Über und gegen das Vergessen schreiben – Rezension zu David Wagners „Der vergessliche Riese“

von Michael Fassel

„Das Wohnzimmer sieht aus, als wäre es geplündert worden: Wo der Fernseher an der Wand hing, ist ein helles Rechteck auf der weiß getünchten Klinkerwand […] (S. 155).“ Was hier der Beschreibung nach wie ein Raub anmutet, ist keine Szene aus einem Krimi, sondern ein Einblick in die Gefühlslage eines Sohnes, der am Vortag seinen dementen Vater in ein Seniorenheim gebracht hat. Wenn nahe Angehörige dement werden, ist das oft ein Anlass, darüber zu schreiben. So auch David Wagners neuestes Buch Der vergessliche Riese, in dem der erzählende Sohn über seinen Vater schreibt, der allmählich sein Gedächtnis und auch peu à peu seine Autonomie verliert. Doch so tragisch sich dies zunächst anhören mag, ist der autobiographisch gefärbte Text nicht, der bewusst auf eine Gattungsbezeichnung verzichtet. Weiterlesen

Wenn Milchbauern auf die Barrikaden gehen – Ein Blick in Michel Houellebeqcs neuesten Roman

Rezension zu Michel Houellebeqcs Roman Serotonin 

von Michael Fassel

Das Lenkrad wird heftig nach links gerissen, der Wagen ist gefährlich nah am Abgrund. Der „Befreiungsschlag“ scheitert. Als Beifahrer an der Seite von Florent-Claude Labrouste möchte man sich in diesem Moment nicht wissen. Aber auch ohne dieses riskante, aus einem inneren Impuls gewagte Manöver würde man sich an der Seite des Ich-Erzählers und Anti-Helden in Michel Houellebeqcs neuestem Roman Serotonin nicht wohlfühlen. Der unter Depressionen leidende Mittvierziger hat keinerlei Hobbys und keine Freunde. Ebenso sind seine Beziehungen mit dem weiblichen Geschlecht gescheitert. Beim Lesen überkommt einen das Gefühl, dass suizidale Gedanken wie ein Damoklesschwert über der Hauptfigur schweben.

Handfeste Männlichkeitskrise

Schon zu Beginn klagt der Ich-Erzähler Florent-Claude Labrouste über seinen Vornamen, denn Florent passe sie nicht zu seinen „groben Gesichtszügen“, vielmehr zu einer „bottecellihaften Schwuchtel“ (S. 6). Wie bei Houellebeqc zu erwarten, deutet sich bereits auf den ersten Seiten eine Erschütterung des Männlichkeitsbildes des Protagonisten an, der sich als „substanzloses Weichei“ (S. 7) bezeichnet. Das Niveau des larmoyanten Duktus wird gehalten, allenfalls aufgelockert durch sarkastische Bemerkungen gegenüber Frauen, Homosexuellen und Migranten. Selbst längst überwunden geglaubte Vorurteilen werden durch den Ich-Erzähler erneut forciert, wettert etwa gegen Niederländer und Briten. Die unsympathisch wirkende Hauptfigur muss man aushalten, was eine literarische, aber auch gleichsam unterhaltsame Herausforderung darstellt. Weiterlesen

Große Themen, skurrile Figuren und ein Okapi

Rezension zu Mariana Lekys Was man von hier aus sehen kann

von Michael Fassel

Ein Dorf im Westerwald als zentrales Setting in einem Roman – das ist in der deutschen zeitgenössischen Literatur eine Besonderheit. Es muss nicht immer Berlin sein, um das pulsierende Leben darzustellen. Denn in ihrem Roman Was man von hier aus sehen kann entwirft die gebürtige Kölnerin Mariana Leky einen lebhaften Mikrokosmos, in dem ebenso skurrile Figuren für amüsante Unterhaltung sorgen. Weiterlesen