Das orange Quadrat

von Lisa Pilhofer

Es ist ein simples Spiel, das anfangs recht unspektakulär scheint. Es beginnt damit, dass Thomas alleine ist. Thomas ist ein rotes Rechteck in einer zweidimensionalen Welt. Aber Thomas ist nicht einfach nur ein rotes Rechteck, er ist eine künstliche Intelligenz in einem Computersystem, die durch einen Fehler ein Ich-Bewusstsein erlangt hat und jetzt die 2D-Welt erforscht und nach dem Sinn seines Daseins sucht. In jedem Level muss der abenteuerlustige und neugierige Thomas über Hindernisse springen, bis er zu dem Ausgang gelangt, der exakt auf seine Form zugeschnitten ist. Weiterlesen

Ode an die Geschichte

von Christian Bocksch

Endlos hallt die Klage, ausgerufen von erschöpften Studenten, in den dunklen Hörsälen-Wozu braucht man denn Geschichte, und wieso kriegen wir nicht einfach gesagt was in den Klausuren drankommen wird?- wieder.

Wofür braucht man Geschichte, bringt einem das Studium etwas?

Geschichte sollte man schon mal deswegen studieren, weil es heute so viele, zum Teil abstruse Theorien, über die Geschichte gibt. Wer das nicht glaubt, kann ja mal auf N24 oder Facebook nachschauen. Mal versichern einem Forscher in der N24 Doku, beweise für die Abstammung der Chinesen von Aliens zu haben, mal hört man von geheimen Basen der Nationalsozialisten in dem ewigen Eis der Antarktis. Das Tupac Shakur zurückkommen wird stimmt allerdings ;). Weiterlesen

Klassenfahrt

von Marius Albers

Vermutlich würden einige Menschen sagen, dass wir hier und heute in einer klassenlosen Gesellschaft leben. Nun, eine offensichtliche sowie klar und explizit deklarierte Klassifikation lässt sich aber auch heute noch finden. Auf der Strecke Siegen-Essen rollen die Züge der Abellio (bei der Bahn ist es freilich nicht anders), in denen wie in den guten alten Zeiten zwei Klassen angeboten werden. Das normale Volk darf zusammenstehen (was nicht nur bei den kommenden sommerlichen Temperaturen manchmal etwas unangenehm wird), während in der ersten Klasse chronisch leere Sitze sehnsüchtig darauf warten, endlich einmal besetzt zu werden. Weiterlesen

Neulich an der Uni…

  • von Marius Albers

Vielleicht mag es ein wenig voyeuristisch klingen, doch ich kam vor einigen Tagen nicht umhin, ein Gespräch zwischen zwei Studierenden mitanzuhören, die neben mir an einem der Arbeitstische entlang des Weges zur UB saßen. Mit großem Stolz berichtete Person A (ich möchte hier eine explizite Geschlechtsnennung vermeiden), dass sie in ihrem fünften Semester nun endlich ihre Bachelorarbeit schreiben möchte. „Ich hab‘ auch keine Kurse mehr. Was soll ich denn sonst machen?“ Ein neiderfüllter Blick auf der Gegenseite. Wäre man doch selbst auch schon so weit! Ein Dozent übrigens riet dem Vernehmen nach, von diesem frühen Abschluss ab. „Ich hab aber doch schon alle Kurse, was soll ich denn sonst noch machen?“, so die empörte Antwort.

Ist die Uni denn so uninteressant? Bietet sie nicht so viel mehr, wenn man sich nur darauf einlässt? Der Begriff „Universität“ steht für die Gesamtheit, mithin für die Gesamtheit der Wissenschaften, die an diesem Ort gelehrt werden. Und dann soll es im Sinne einer Universität sein, dass man mal eben seine in der Studienordnung festgeschriebenen Kurse abschließt und damit fertig ist, ausstudiert? Das kann sicher nicht im Sinne des Erfinders sein. Humboldt würde sich wohl im Grabe umdrehen, wenn er das hören müsste. Auch dem (ich nehme ein möglicherweise nicht völlig beliebiges Beispiel) angehenden Ökonomen würde es nicht schaden, wenn er mal aus soziologischer Sicht erklärt bekäme, was ein bloß gewinnorientiertes Denken anrichten kann. Die Idee einer universalen Bildung ist jedoch leider völlig ausgestorben. (Ganz zu schweigen vom individuellen Reifeprozess, den ich hier etwas vernachlässige.)

Klar, ich weiß auch, dass Regelstudienzeiten Druck auf die Studierenden ausüben. Es ist zum Stigma geworden, wenn man sich nicht an die vorgegebenen Pläne hält, die jedoch nur für das eigene Fachstudium angelegt sind (und sich selbst dort durch absolute Zeitverknappung auszeichnen). Da bleibt kein Raum für den Blick nach rechts und links, und erst recht keine Zeit zum Denken. Schon Platon hat darauf hingewiesen, dass Geschwindigkeit und Denken nicht recht zueinanderkommen möchten. Die Muße als Tugend, das Nach-Denken, bleibt also im Turbo-Studium auf der Strecke.

„Ich habe schon 115 Punkte gesammelt.“ Punkte, das ist das neue Ziel der universitären Betätigung. Nicht mal mehr die ollen Kompetenzen, die bis vor kurzem noch ein wesentlicher Aspekt waren, sind noch wichtig. Und dass es bei einem universitären Studium längst nicht mehr um (umfassende) Bildung geht, braucht sicherlich kaum noch erwähnt zu werden. Bezeichnend ist folgendes, aus nämlichen Dialog: „Ich habe jetzt zur ersten Sitzung das Protokoll geschrieben, jetzt muss ich gar nicht mehr kommen.“ Was ist denn hier los? Und solche Leute bekommen am Ende als „Belohnung“ einen Universitätsabschluss geschenkt.

Arme Universität! Was wird dir nur angetan?

Kommen Sie nicht nach Europa

– von Marius Albers

Als ich am Freitag beim Frühstück saß und mein morgendliches Müsli mampfte, schlug ich die SZ auf und hätte beinahe den gerade eingenommenen Löffel über die Titelseite gekotzt: „Tusk: ‚Kommen Sie nicht nach Europa‘“, so prangt es auf der ersten Seite. Liest man weiter, bleibt der Brechreiz bestehen. Zwar richtet sich seine Kritik „nur“ an Wirtschaftsflüchtlinge, wie der Artikel gleich mehrfach betont. Aber dennoch: Der offene Appell, nicht nach Europa zu kommen, zeugt von zweierlei: Einmal wird den nationalistischen Strömungen europaweit mittlerweile immer mehr nach dem Mund geredet. Zum anderen zeigt sich die Wahrung des Status Quo als oberstes Ziel. Wir sind die Reichen, uns geht es gut, und wir möchten unseren Wohlstand, obwohl er auf dem Rücken der Armen ausgetragen wird, mit niemandem teilen. Bleiben Sie da, wo Sie sind, und sorgen Sie dort dafür, dass es uns noch besser geht, vielleicht wäre das ein treffender Satz für den EU-Ratspräsidenten Donald Tusk.

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Medialer Selbstdarsteller trifft auf Teflon-Kanzlerin

– ein Kommentar zu LeFloids Merkel Interview vom 13.07.2015

von Anna Sebastian

Ein YouTube-Interview mit unserer Frau Bundeskanzlerin – hohe Erwartungen und ein enttäuschendes Ergebnis! Eine mediale Diskussion entfachte das Interview des YouTube-Bloggers LeFloid alias Florian Mundt mit der Kanzlerin vom 13.07.2015 und zerschlug vielfach gehegte Hoffnungen auf das ‚mal-etwas-andere’-Interview. Weiterlesen

Ein Betonbär als Beispiel – Über das Problem der Schönheit in Siegen

von Christian Schütte

bär

Als ich vor sieben Jahren zum ersten Mal die Stadt vom Bahnhof bis zur Oberstadt erkundete, fielen mir außer einem Fluss, den man hörte, aber nicht sah, weitere geschmackliche Fragwürdigkeiten auf. Dazu zählte eine unförmige Bärenskulptur aus Beton am unteren Ende der Kölner Straße – mit der zynisch anmutenden Inschrift: „Spandau dankt Siegen“.
Aus dem sich aufbäumenden Betontier schienen gleichermaßen Ungeschick, Verzweiflung und Zorn zu sprechen. Wie zu erfahren war, handelt es sich um ein Geschenk des Berliner Stadtteils: So durften Kinder aus der Frontstadt des Kalten Krieges zum Erholungsurlaub ins Siegerland reisen. Irgendwas muss dabei schiefgelaufen sein, weshalb die Spandauer seinerzeit das plumpe Geschöpf als subtile Rache sandten. Wurden die Jungberliner gegen ihren Willen verschickt? Hat man ihnen in Siegen ein Leid getan?

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Don’t cum on human rights! – Fight for your rights! Warum ich Femen verstehe.

Kathrin Wagner kommentiert Thomas Marbachs Text „Sexismus“

Sextremismus macht Angst. Vor allem dem männlichen Geschlecht.

Sextremismus macht Angst. Vor allem dem männlichen Geschlecht. Die Provokation der Femen durch Oben-Ohne-Aktionen kommt nicht bei jedem gut an. Warum? Der männliche Blick, der die Frau als Fragment wahrnimmt, wird durch die weibliche Nacktheit natürlich auf die Brust gelenkt – aber seine Skopophilie wird enttäuscht, denn statt zwei prallen, glänzenden, im Rhythmus des Ganges wippenden Brüsten wird er von politischen Aufforderungen abgelenkt und irritiert. Stichwort: Kastrationsangst!

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Lasst Bücher wieder Bücher sein

von „Liesel Meminger“

Zum Wandel im Buchhandel

Thalia nimmt jetzt auch Payback-Karten an. Die Ironie an der Sache: Auf Bücher gibt es keine Punkte.
Was so paradox klingt, hat eine einfache Erklärung. Bücher sind anders, lernt schon jeder junge Buchhändler in der Buchhändlerschule. Und auch als Leser merkt man diesen Unterschied instinktiv. Es ist etwas anderes, ein Buch zu kaufen, als ein Stück Käse oder ein T-Shirt. Ein Buch zu kaufen, ist ein Abenteuer und wenn man es richtig machen will, braucht man Zeit dafür.
„Moment mal“, würde der Feinschmecker nun entrüstet rufen, „ich nehme mir auch die Zeit, den perfekten Käse zu finden.“ Dem möchte ich gar nicht widersprechen. Und doch – haben Sie es gemerkt? – klingt es merkwürdiger, nach dem „perfekten Käse“ zu suchen als nach dem „perfekten Buch“.

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Wenn die Postmoderne zweimal klingelt oder: Für den Realismus!

von Sven Gringmuth

Ein Gastbeitrag für die LiteraListen zur Debatte um Enno Stahls Werk „Diskurspogo – Über Literatur und Gesellschaft“ (Berlin, 2013)

„Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Partyservice anfangen“ (Jörg Fauser).

Was soll Literatur, was soll sie nicht? Viele Antworten sind möglich, viele sind sicherlich richtig, aber eine gewichtige Funktion von Literatur war und ist das „einfache, wahre Abschreiben der Welt“, wie Rainald Goetz es einmal formulierte. Die widerspiegelnde (hier wird Christian Schütte aufschreien und mich als Marxisten entlarven – das ist okeh – nehmen wir trotzdem einen anderen Begriff …) darstellende Kraft, die Literatur besitzt, ermöglicht es uns, unsere Lebensbedingungen zu erforschen, zu vergleichen; sie kann Lernprozesse in Gang setzen, Erfahrungen vermitteln und uns dazu bewegen, Dinge verändern zu wollen.

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