Ohne Titel

von Theresa Müller

Ich sitze vor dem Laptop, schreibe Sven, ob er schon weiß, was er am Mittwoch bei der Lesung der LiteraListen vortragen möchte: „Eine Kurzgeschichte und vielleicht ein Gedicht“, antwortet er. „Ich habe jedenfalls vor die Leute ein bisschen zu schocken, mal schauen.“

„Da bin ich mal gespannt.“

„Ach, ich bin meistens selber schockierter als alle anderen, ich denke immer meine Geschichte sei ein Pit Bull, aber sie ist meistens ein Hamster. Du bist aber auch nicht unterwegs heute, ist doch Samstag?“

„Ja, keine Lust. Mache mir heute lieber einen ruhigen Abend, lese noch ein wenig und schreibe einen Text für Mittwoch.“

Es ist schon nach eins. Ich mache mir ein Bier auf, drehe mir eine Zigarette und nehme mir Die Zeit zur Hand.

Auf der Titelseite steht:
Alles unverträglich? Millionen Deutsche glauben, Brot, Milch oder Obst machten sie krank. Doch nur manche haben echte Beschwerden – über den Rest freut sich die Lebensmittelindustrie

Wie? Wenn aber doch Millionen Deutsche glauben, dass sie kein Brot, Milch oder Obst vertragen, also fast alles, dann freut sich die Lebensmittelindustrie? Alles klar, macht Sinn, oder auch nicht.

Darunter:
Erst mal verreißen. Die Große Koalition wird niedergemacht, noch bevor sie gebildet worden ist. Ein politisches und mediales Trauerspiel

Ja, lasst uns alles verreisen. Was für ein schönes Wortspiel. Ein mediales Trauerspiel würde ich das nicht nennen. Die Zeitungen haben recht. Dass die Große Koalition eine politische Tragödie sein wird, lässt sich vorhersehen. Da kann man nur hoffen, dass die Regierung und ihre demokratiepolitischen, nicht demokratischen Fehlentscheidungen weiterhin öffentlich in Frage gestellt wird.

Auf Seite drei:
Der Fisch ist noch nicht gebürstet

Und im Text schwarz gedruckt:
Was heißt es für unsere Demokratie, wenn Frauen und Männer nicht mehr in die Politik gehen wollen?

Ich antworte: Die Demokratie existiert dann nicht mehr.

Und:
Sozialdemokraten sind immer anstrengend, sie sind unzufrieden, sie wollen den Weg zum Besseren, sie nerven

Grandios. Peer Steinbrück.

Auf Seite vier und fünf, Matteo Renzi im Interview:
Wenn die Italiener den radikalen Wandel wollen, werde ich da sein. Wenn nicht, sollten sie mich besser nicht wählen

Na, das nenn ich mal ne Aussage. Peer Steinrück wollte wahrscheinlich etwas Ähnliches ausdrücken, es ist ihm nur missglückt.

Auf Seite sechs:
Einwanderung für Fortgeschrittene. Wer nützt Deutschland, wer nicht so sehr? Plädoyer für eine ehrliche Integrationspolitik.

Was für eine Frage. Von Nützen kann nicht die Rede sein. Sie sollten lieber fragen: Wer darf in Deutschland einwandern, wer nicht so sehr?

Seite zehn:
Du bist jetzt ein Geist. In Tacloban auf den Philippinen sind die Toten noch nicht begraben, der Präsident versagt, und das Leben ist nicht unterzukriegen

Du bist jetzt ein Geist […] und das Leben ist nicht unterzukriegen.

Daneben:
Schickt Merkel einen Iren nach Brüssel?

Na, die Zeit hats aber diese Woche mit Wortspielen. Er wird als Ire bezeichnet, nicht zu verwechseln mit dem Irren.

Auf Seite zwölf:
Musik ist Widerstand.

Bilduntertitel: Abdoulaye Bacoum hütet zerstörte Instrumente als Zeugnisse des Terrors

Seite fünfzehn:
Verdrängen hilft nicht mehr. Das Attentat von Beirut zeigt: Der Libanon ist längst Teil des syrischen Bürgerkriegs.

Im Text fett gedruckt:
Schiiten und Sunniten aus dem Libanon zündeln in Syrien mit

Solange sie nur zündeln und keine Menschen in die Luft gejagt werden, ist alles noch harmlos. Verharrende Verharmlosung über Gewalt ist das.

Im Wirtschaftsteil, Seite fünfundzwanzig:

Vielfalt schlägt Einfalt. Nun kommt die Frauenquote. Die Chefs haben es nicht anders gewollt.

Auch gut zu wissen, dass Männern eine Einfalt zugeschrieben wird.

Ich blättere weiter. Möchte wissen, was es mit der ersten Schlagzeile auf sich hat. Wissen. Seite einundvierzig:
Bauchgrimmen. Die Sorge sich falsch zu ernähren, greift um sich: Viele Deutsche glauben, Gluten, Laktose oder Fruktose mache sie krank. Tatsächlich leiden nur wenige wirklich an einer Lebensmittelunverträglichkeit.

Auf Seite dreiundvierzig:
Was tun, wenn Essen weh tut?

Jeder Bauch tut hin und wieder weh. Die beste Strategie ist dann: Nichts tun. Erst wenn starke Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Schmerzen, Luftnot, Hautausschlag oder Fieber auftreten oder schwächere Symptome länger als drei Monate anhalten, wenn man deutlich an Gewicht verliert oder ein Kind verzögert gedeiht, sollte man etwas unternehmen. Das empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. Bei anhaltenden Beschwerden gilt: Nicht googeln[…] Scheinbar objektive Seiten werden von PR-Agenturen oder Nahrungsmittelfirmen betrieben.

Jetzt schließt sich allmählich wieder der Kreis. Die Industrie nützt den Aberglauben der Menschen aus, um Profit daraus zu schlagen. Aber wenn weder Brot, Milch und Obst gekauft wird, kann der Profit doch nicht dermaßen groß sein für die gesamte Lebensmittelindustrie, nur für die einzelnen Profitgeier.

Schon nach drei. Ich lege Die Zeit zur Seite und ärgere mich darüber, diese abonniert zu haben. Abgesehen vom Inhalt übertrifft sie alle anderen Zeitungen mit Werbung. Zahlreiche Werbeprospekte fliegen einem entgegen, öffnet man diese. Doch das reicht ihnen nicht. In der Zeit diesmal achtzehn Seiten am Stück bedruckt mit Urlaubsangeboten, geschweige denn von der Werbung zwischen den Artikeln. Morgen bestelle ich als erstes Die Zeit ab.

Ich drehe mir eine Zigarette, lege Musik ein, flack mich ins Bett, sehe dass meine gedrehte Zigarette von vorher noch da liegt. Vor lauter Eifer Die Zeit zu lesen habe ich diese ganz vergessen. Lege den Aschenbecher auf meinen Bauch und versuche abzuschalten. Morgen stehe ich früh auf und kaufe mir eine neue Zeitung, nehme ich mir vor.

Kurz nach 13 Uhr, ich wache auf, stell’ die Kaffeemaschine an und schalte den Laptop ein. So, ein neues Zeitungsabo muss her. Die Junge Welt bietet ein kostenloses Probeabo an. Bestellt. Die Zeit verrennt. Es ist 16 Uhr und ich mache mir ein Frühstücksei. Dabei muss ich an Loriot denken. Ich schaue mir Loriot an, mir ist gerade danach.

Es ist schon dunkel, jetzt aber mal schnell zum Kiosk. Ich laufe zum Bahnhof und kaufe mir die Siegener Zeitung, ich erwarte nicht viel von ihr, möchte aber einmal einen Blick reinwerfen, zum Vergleich. Die taz kommt ebenfalls mit, die mir erst vor einigen Tagen ein Freund erneut empfahl. Ich solle doch lieber die taz anstelle der Zeit lesen, sei viel besser, meinte er. Und die konkret, in die ich noch das größte Vertrauen setze, nicht enttäuscht zu werden.