von Jana Gliese
Der tägliche Gang ins Fitnessstudio, Bodyart mit Piercing oder Tätowierung, das Streben nach Schönheitsidealen: Wie weit kann Körperkult gehen? Was tun Menschen für Fitness und gutes Aussehen? Welchem Idealbild folgen sie?
„Scheiße, es blutet wieder!“
Markus macht alles für seinen Traum: einmal dabei sein – bei der Deutschen Meisterschaft im Bodybuilding.
Der Schweiß rinnt sein braungebranntes Gesicht herunter. Tropft von den Ohren auf den grauen Linoleumboden. Markus liegt auf dem Rücken und macht immer wieder die gleiche Bewegung. Seine Arme stemmen eine silberne Langhantel in die Luft, 70 Kilo, immer und immer wieder. Jedes Mal scheint sein unnatürlich großer Trizeps noch größer zu werden; auf Stirn und Schläfen zeichnen sich Adern ab. Er gibt verzerrte Stöhnlaute von sich – als würde er es vor Schmerzen kaum aushalten. „Das ist erst das Aufwärmprogramm“, presst er aus sich heraus.
Als Markus 14 war, fing er mit dem Training an – mit den Sandhanteln seines Vaters. Die muskulösen Körper aus der Manga-Serie „Dragon Ball“ faszinierten ihn. „Ich wollte genauso aussehen wie die! Vier Jahre hab ich mein Taschengeld gespart, mit 18 habe ich mich dann im richtigen Fitnessstudio angemeldet.“ Dort lernte Markus Leute kennen, die waren wie er. „Ich hing im Studio rum, so oft ich konnte. Wir haben uns gegenseitig motiviert; jeder wollte besser sein als der andere.“ Seinen Eltern zuliebe absolvierte er die Schule – mit 17 hatte er endlich seinen Realschulabschluss. Den Ausbildungsplatz als Werkzeugmechaniker hat ihm sein Vater besorgt – bis heute ist Markus in diesem Betrieb beschäftigt. „Mein Traum war und ist immer noch die Deutsche Bodybuilding Meisterschaft. Aber dafür muss ich mich erst mal qualifizieren.“
Der mittlerweile 28-Jährige ist 1,78 m groß und wiegt 118 kg. Auf den muskelbepackten Schultern, der prallen Brust und dem trichterförmigen Rücken wirkt sein kahl rasierter Kopf zu klein. Das verwaschene graue Feinrippunterhemd umspannt seinen Oberkörper wie eine zweite Haut; sein Nacken und die Rückseiten seiner Oberarme sind mit Akne übersät. Die Beine werden von einer ballonartigen, schwarzen Baumwollhose mit weißen Tribals bedeckt. Seine strahlend blauen Augen lenken von seinem herben, für sein Alter zu faltigen Gesicht ab.
Schon zweimal musste er kurz vor der Qualifikation für die Deutsche Meisterschaft aufgeben, weil er schwer krank wurde. Quälende Darmprobleme und hohes Fieber wurden ihm zum Verhängnis: Immer wenn er aufstehen wollte, musste er sich übergeben. „Ich hab‘ einfach nur zu hart trainiert – das ist alles“, behauptet Markus. Im Mai dieses Jahres hat er erneut die Chance, sich zu qualifizieren. „Die besten Fünf kommen weiter! Ein paar Monate Vorbereitung hab ich noch. Ich muss das schaffen. Ich muss!“ Seit Wochen isst er nur Reis und Hühnchen, jeden Morgen steigt er auf die Waage, um zu kontrollieren, ob noch mehr Muskelmasse dazugekommen ist.
Das Iserlohner Fitnessstudio besteht aus einem riesigen weißen Raum mit Spiegelwänden; aus den schwarzen Boxen unter der Decke dröhnt Hip-Hop-Musik. Es riecht nach Schweiß und abgestandener Luft; das grelle Licht verstärkt die ungemütliche Atmosphäre. Markus ist außer sonntags jeden Tag mindestens zwei Stunden hier.
Er verlässt die Hantelbank und setzt sich an das nächste Gerät. „Jetzt kommt der Butterfly. Ich muss unbedingt was für die Brust tun!“ Von der Theke im Eingangsbereich ruft jemand: „Markus! Wie sieht’s aus – der nächste?“ Markus nickt flüchtig, als hätte er Angst, Zeit zu verlieren. Der Mann von der Theke ist Achim, einer der Fitnesstrainer. Seine Frage war auf die Proteinshakes bezogen. „Nach jeder Trainingseinheit einer! Damit das ganze Pumpen auch richtig was bringt, stimmt’s, Alter?“
Markus reagiert nicht. Nachdem er die Gewichte zweimal vor der Brust aneinandergedrückt hat, kneift er die Augen zusammen und presst seine schmalen Lippen aufeinander. „Scheiße, es blutet wieder!“ Er steht auf und fasst sich hinten in die Hose. An seiner Hand klebt Blut. Vor fünf Monaten wurde er am Steißbein operiert; nach innen gewachsene Haarwurzeln hatten sich dort entzündet. „Die haben mir das mit ’nem Skalpell aufgeschnitten und alles bis auf den Knochen rausgeholt“, beschreibt er, dabei werden seine Augen glasig. Eigentlich sollte er für mindestens zehn Monate mit dem Sport aufhören – das kommt für Markus nicht in Frage. Er kramt in seiner großen, hellgrünen Adidas-Sporttasche, die er vorher neben das Butterfly-Gerät gestellt hat und holt Verbandszeug heraus. „Ich geh auf’s Klo, die blöde Binde wechseln.“ Nach fünf Minuten kommt er wieder und trainiert so, als ob nichts gewesen wäre. 20 Mal stemmt er die Kilos vor seinem Oberkörper zusammen. Danach macht er eine kurze Pause und beginnt mit den nächsten 20. Insgesamt 40 Minuten verbringt er an dem Gerät.
Nassgeschwitzt und mit rotem Gesicht setzt sich Markus alleine an die Theke – zu seinem Proteinshake. Mit geschwollenen Händen greift er nach dem Becher und trinkt ihn halb leer. „Damit kommt man ganz schön weit, ehrlich! Das bisschen Spritzen machen die anderen ja auch“, verharmlost er im Flüsterton. Nach kurzer Zeit hat Markus den Shake ausgetrunken. Er verlässt die Theke und geht zum Rudergerät – jetzt ist der Rücken dran. Seinen Traum lässt sich Markus nicht vom eigenen Körper nehmen.