Das Leben der Anderen

von Suna Jones

Über einen Mann, dessen Job es ist, seine Mitmenschen zu durchschauen, um ihnen aus Lebenskrisen zu helfen.

René K. könnte Ihnen bereits begegnet sein. Vermutlich ist er Ihnen nicht aufgefallen, er sitzt vielleicht sogar in diesem Moment auf der Parkbank nebenan oder am Tisch gegenüber. Sie sind sich seiner Anwesenheit nicht einmal bewusst, während er vielleicht schon mehr über sie weiß, als Ihnen lieb ist. Das ist Teil seines Jobs: „Mir entgeht so gut wie nichts!“

Ob jemand lügt, wie er sich gerade fühlt oder was ihm durch den Kopf geht, all das ist für René kein Geheimnis. Kleinste Veränderungen in der Mimik oder auch spontane Variationen der Tonlage verraten oftmals mehr über uns, als wir eigentlich preiszugeben bereit sind. Und gleichzeitig bleibt den meisten Menschen schleierhaft, wie ihre innere Verfassung für einen völlig Fremden derart offensichtlich sein kann.

Susanne hat genau diese Erfahrung gemacht. Nachdem ihr Verlobter sie nach über sechs Jahren aus heiterem Himmel verlassen hatte, blieb sie als kleines Häufchen Elend zurück. Die Pläne – Hochzeit, Häuschen im Grünen, Familie gründen –, alles mit einem Schlag weg. „Mir ging es mehr als schlecht“, sagt sie und man merkt ihr noch sieben Monate später an, wie belastend die Situation für sie gewesen sein muss. „Natürlich waren meine Familie und auch meine Freundinnen für mich da, aber ich habe mich trotzdem schrecklich einsam gefühlt. Sie haben mich nicht wirklich verstanden.“ Die Beziehung zu ihrem Verlobten war ihr Lebensmittelpunkt gewesen: „Alles brach auseinander und das, was übrig blieb, kam mir so sinnlos vor.“ Dann lernte die junge Frau René kennen. „Das war mein Glück im Unglück“, lächelt sie etwas verlegen.

René ist Mitarbeiter einer Beratungsstelle für Menschen in persönlichen Krisensituationen. Spezialisiert hat sich das Unternehmen mit stetig wachsendem Kundenkreis auf eines der intimsten Problemfelder: Liebeskummer. Das Konzept seiner Arbeitgeber, ein Team ausgebildeter Psychologen sowie Psychotherapeuten, ist denkbar simpel. Sie bieten ihren Kunden nicht nur ein Handbuch mit wissenschaftlich fundierten und erprobten Strategien zum Umgang mit Herzschmerz, sondern auch eine Step-by-Step-Anleitung, wie man den Ex-Partner zurückerobert. Überdies bietet die Beratungsstelle den Hilfesuchenden Begleitung und Unterstützung per Online-Support, Telefon und in persönlichen Treffen. Manch einen erinnert dieses Konzept vielleicht an die romantische Komödie „Hitch – Der Datedoktor“ mit Will Smith und allzu fern liegt der Vergleich tatsächlich nicht, wie Susanne mit einem Lachen verrät.

Der 25-jährige René mit der tiefen Stimme würde sich selbst zwar nicht als einen „Will-Smith-Verschnitt“ bezeichnen, der Vergleich seiner ehemaligen Klientin überrascht ihn allerdings auch nicht. „Vom Prinzip her läuft es in vielen Beratungssituationen tatsächlich nicht anders als in diesem Film. In der Regel wenden sich die Leute an uns, wenn sie völlig verzweifelt sind. Sie wollen nichts weiter, als ihren Partner zurückzubekommen, um sich wieder ‚ganz‘ zu fühlen.“ Ganz so einfach wie in Hollywood ist es dann doch nicht, erklärt er an Susannes Beispiel: „Ein Fall wie ihrer ist sehr häufig. Scheinbar trennt sich der Partner plötzlich ohne ersichtlichen Grund und die Verlassenen stürzen in ein tiefes Loch.“ Der erste Schritt sei dann, zunächst gemeinsam mit dem Kunden herauszufinden, was die Trennung für Ursachen haben kann. Dabei sei Einfühlungsvermögen unabdingbar. Meistens lägen die Ursachen in unbewussten Verhaltensmustern. Diese gelte es zunächst aufzuspüren, bewusst zu machen und sich sensibel damit auseinanderzusetzen. Oft reichten diese Muster sogar bis in die frühe Kindheit zurück. „Im Idealfall kennt man den Menschen besser, als er sich selbst zu kennen meint.“

Susanne erinnert sich noch sehr lebhaft an das erste Telefonat mit René. Erst habe sie sich geschämt, einem Fremden am Telefon von ihren Problemen zu erzählen, doch irgendwann waren ihre Freundinnen ihr „Gejammer leid und wussten auch keinen Rat mehr“. René habe ihr eine ganze Weile nur zugehört. „Offen gestanden habe ich minutenlang einfach nur geweint. Aber es tat mir gut, dass einfach jemand da war und nur ab und zu beruhigend in den Hörer gebrummelt hat“, erzählt sie amüsiert. „Irgendwie war es, als hätten wir uns schon ewig gekannt. Er wusste einfach, wer ich bin.“ Darauf folgten einige zum Teil schmerzliche Erkenntnisse. „Meine Beziehung war schon lange hohl, ohne dass ich mir das eingestehen wollte. Es hat wahrscheinlich sogar viele Warnsignale gegeben, die ich aber einfach nicht wahrhaben wollte. Im Grunde genommen war es keine Liebesbeziehung, sondern ein Abhängigkeitsverhältnis.“

Aus Renés Sicht ein klarer Fall. Oft wenden sich Frauen an ihn, die in eine emotionale Abhängigkeit geraten sind. Der Grund dafür sei fehlendes Selbstbewusstsein und mangelndes Selbstwertgefühl. Häufig litten Frauen mit schwierigen Beziehungen zu ihren Vätern unter diesem Problem. Muster aus der Kindheit, wie der zwanghafte Wunsch, väterliche Bestätigung zu erleben, tauchten später unbewusst in Partnerschaften wieder auf. Wenn ein solches Muster erst einmal entdeckt und akzeptiert wurde, wird vielen Klientinnen klar, dass sie ihre Partner selbst nicht wirklich liebten, sondern auf unbewusste Weise versuchten, schmerzvolle Erfahrungen mit den Eltern zu kompensieren. So auch bei Susanne: „Ich war eigentlich nicht mit meinem Verlobten zusammen, sondern mit einer jüngeren Version meines Vaters. Ohne René hätte ich diese Erkenntnis niemals zulassen können.“

In der Hälfte aller Fälle, erklärt René, verschwindet mit dieser Selbsterkenntnis das Verlangen, den Ex-Partner zurückzugewinnen. Bei Susanne war das jedoch anders. Nach einiger Zeit des Abstands und Konzentration auf die eigene Person, die René als ‚Kontaktsperre‘ bezeichnet, meldete sich Susannes Verlobter von sich aus wieder bei ihr. „Ohne das väterliche Phantom in ihm zu sehen, konnte sie sich noch ein Mal neu auf ihn einlassen. Heute sind sie wieder ein Paar.“ „Und glücklicher als jemals zuvor“, strahlt die Mitt-Zwanzigerin. Dies ist auch der Grundtenor der Kundenkommentare auf der Homepage des Unternehmens. Ob mit oder ohne (Ex-)Partner sei das Glück ins eigene Leben zurückgekehrt.

René hat schon viele Menschen auf diesem Weg begleitet, seine Erfolgsquote ist im Team hoch geschätzt. Er liebt seinen Job und auch in seinem Privatleben ist er für Freunde und Verwandte oft der „Kummerkasten“. Seine empathische Begabung hat Vor- und Nachteile, wie er zugibt. „Ich bin mir meiner außergewöhnlichen Menschenkenntnis bewusst, mein Umfeld allerdings auch – früher oder später. Mein Chef zum Beispiel ist in unserem gemeinsamen Bekanntenkreis auf mich aufmerksam geworden. Er hat mich persönlich geschult und eingestellt. Das ist aber nicht das gewöhnliche Einstellungsverfahren.“ Er lächelt und in seinen wachen Augen blitzt Stolz auf. Doch dann wird er wieder ernst: „Es ist aber nicht immer so einfach.“ Wenn er privat neue Leute kennenlernt, offenbart er seinen Job nicht sofort. Er habe die Erfahrung gemacht, dass vor allem Männer sich dadurch eingeschüchtert fühlen. „Sie verkrampfen dann schnell und verschließen sich. Niemand will das Gefühl haben, von anderen durchschaut werden zu können. Männer erst recht nicht.“ Susanne nickt sofort: „Sogar mir war es manchmal unheimlich, wie viel René über mich wusste, ohne dass ich etwas in einer bestimmten Richtung erwähnt hatte. Überhaupt konnte er mein Verhalten von Anfang an sehr präzise einschätzen“, bestätigt sie. „Es kam öfter vor, dass er am Telefon sagte: ‚Wein’  doch nicht!‘ – und in diesem Moment standen mir wirklich Tränen in den Augen!“

Auf die Frage, wie es denn mit weiblichen Bekanntschaften außerhalb der Arbeit stehe, bleibt er eher nüchtern. „Es ist so, dass ich die Eigenschaft habe, bestimmte Frauen anzuziehen. Meist sind es welche, die Ähnliches erlebt haben wie Susanne. Meine Ex-Freundin hatte auch einen Vaterkomplex, wenn man es denn so nennen will.“ Innerhalb der Beziehung habe seine Ex-Partnerin eine ähnliche Entwicklung wie Susanne erlebt. Auch ihre unbewussten Konflikte konnten sie gemeinsam aufarbeiten. In der Folge veränderte sie sich jedoch so sehr, dass die Anziehung zusehends schwand. Nach kurzem Zögern fährt er fort: „Es scheint, als sei ich sowohl für Klientinnen wie Partnerinnen eine Art stellvertretende Vaterfigur. Sobald die Frauen von sich aus Selbstbewusstsein entwickeln, leben wir uns als Paar auseinander. Es läuft eben nicht immer alles so wie im Film.“ René wirkt nachdenklich, er lässt Schultern ein wenig hängen. Susanne blickt betroffen drein und nippt an ihrem lauwarmen Kaffee. Die Ex-Freundin ihres Beraters lebt heute mit einem anderen Mann zusammen, mit dem sie einen kleinen Sohn hat. Auch René wünscht sich irgendwann Kinder.

Mit seinem außergewöhnlichen Gespür für das Wesen und die Bedürfnisse anderer sind deren Lebenskrisen seine Leidenschaft und sein Kapital. Denn reiner Altruismus ist nicht die Motivation für seine Arbeit: „Der Mensch handelt niemals völlig frei von Egoismus. Ich bin einfach gut in meinem Job. Vielleich sogar zu gut.“ Der Mittelpunkt in seinem Leben sind die Tiefpunkte im Leben der Anderen. Susanne und René verabschieden sich. Beide wollen auch weiterhin in Kontakt bleiben. Schon bald sind sie in dem bunten Gedränge einer Bonner Fußgängerzone verschwunden. Der Gedanke liegt nicht allzu fern, dass Renés Talent, welches Susanne als ihren „Segen“ bezeichnet, gleichzeitig sein Fluch ist. Der unscheinbare Mann in der Menge, für den die fremden Gesichter um ihn herum offene Bücher zu sein scheinen, ist sich selbst wohl ein Buch mit sieben Siegeln.

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