Evilized im Bermudadreieck

– eine Hochsommererinnerung … die zu erfinden schrägerweise nicht nötig war –

von Andreas Hohmann

Ein Samstagabend in der heimatlichen Kneipenarea. Ich habe mich gerade von meinem Korbsessel an einem Tisch draußen vor der neuen ‚Szenekneipe‘ (sofern man in einer Kleinstadt von einer Szene sprechen kann …) erhoben, da breitet sich auf einmal ein Fleck auf meinem Hemd aus. Da es keine Schusswunde ist, die mein Oberteil vollblutet, bleibt eigentlich nur eine Erklärung. Langsam, Zentimeter für Zentimeter, hebe ich den Kopf.

Der ‚Kerl‘, der vor mir steht, ist – mit viel gutem Willen geschätzt – vielleicht siebzehn Jahre alt. Sein Gesicht – kantig und mit viel Babyspeck – verzieht sich zu einem erschrockenen Ausdruck, als er eilig die Tatwaffe, ein halbvolles Glas Bier, aus der Bahn zwischen seinem und meinem Oberkörper verschwinden lässt. Unsere Blicke treffen sich.
Totenstille für eine Sekunde …
… zwei Sekunden …
… und schließlich drei Sekunden, bis ihm klar wird, was soeben passiert ist. Der Fleck auf meinem Hemd ist sein Werk, und da niemand außer ihm in Spritzweite ist, erkennen wir beide auf Anhieb, dass er aus dieser Nummer nicht herauskommt. Wäre es voller gewesen – nun, er wäre vermutlich einfach abgetaucht.
Ich verziehe das Gesicht und runzele die Stirn, als ich sein Glas verschwinden sehe. Einen Herzschlag lang ist die Spannung fast greifbar. Wir sind im Meppener Bermudadreieck, und eigentlich ist ziemlich klar, wie das hier weitergeht:
Innerlich bereite ich mich auf den Anblick vor, den zehn krakeelende Siebzehnjährige bilden, wenn sie sich zu einer Demonstration einer geballten Ladung halbstarker Männlichkeit zusammenrotten. Ihre Kommentare kann ich mir nur allzu lebhaft vorstellen: ‚Ey Alter, kannst du nicht aufpassen?‘ oder ‚Bis‘ du behindert, oder wat?‘
Ich seufze. Dieses Alter …
Die Stimme des Siebzehnjährigen vor mir reißt mich aus diesen Gedanken. Normalerweise hätte ich kaum auf ihn geachtet, und im Grunde ist es allein sein schriller, geradezu panischer Tonfall, der meine Aufmerksamkeit auf ihn lenkt:
„Hey – hey Mann, tut mir echt leid, und so“, stammelt er vor sich hin, wobei er meinem Blick nur mit zitternden Augen standhält.
War es mein Seufzen, das ihn so verstört hat?, frage ich mich. Oder ist es der Umstand, dass ich einen halben Kopf größer bin als er? Nein, eigentlich kann das nicht sein. So furchteinflößend bin ich nicht. Diese Angelegenheit ist ein dummes Versehen – aber kein Grund, deswegen so ein großes Fass aufzumachen. Je eher sie vom Tisch ist, desto besser.
„Wie heißt du?“, frage ich im Versuch, die Spannung aus der Situation zu nehmen.
Er glotzt mich mit riesigen Augen an. „WAS?“
Wie – ‚was‘? Meine Stirn legt sich in Falten. Stellt man sich in dem Alter nicht mehr vor, oder was? „Ich will nur wissen, wie dein Name ist.“
„Wa-, wa-, WARUM?“, quiekt er.
Ich kann es kaum glauben, aber seine Stimme zittert. Wieso zum Teufel hat der Kleine denn jetzt solche Angst vor mir? Ich hebe die Hand, und das ist mein nächster Fehler, obwohl es eigentlich als Begleitung für ein „Entspann dich mal“ gedacht war.
„HEY MANN!“, quiekt er. „Ich will keinen Ärger! Tut mir echt leid! Ich mach’s wieder gut, ehrlich!“
Oh nein, nicht schon wieder! Wie verhindere ich denn jetzt, dass er einen Herzinfarkt bekommt? So oder so, ich muss schnell handeln. Natürlich ist unser Wortwechsel nicht unbemerkt geblieben: An mehreren Tisch haben Leute ihre Gespräche abgebrochen und werfen uns nun mal verstohlene, mal unverhohlen neugierige Blicke zu.
Eigentlich ist es ganz einfach: ‚Alles gut, entspann dich‘. Der Anstand, die Sittlichkeit, meine Erziehung, das, was ich über gutes Benehmen weiß, die Tatsache, dass mir so etwas wie ihm selbst schon passiert ist, oder was auch immer, verlangen genau das. Ich muss es nur sagen und damit den Einflüssen gehorchen, die ein Leben lang prägen können. Manche sind einmalig, andere ziehen sich über lange Zeiträume hinweg: Erziehung, Sozialisation, Sprüche wie „Wer andere mobbt, ist feige“, und, und, und …
… oder die Erfahrung, das erste Mal Gothic I zu spielen und damit ein Game kennenzulernen, das vor bösen Sprüchen und schwarzem Humor nur so trieft. Ich atme tief durch. Was als nächstes passiert, ist wie ein automatisches Programm, das mich in schneidendem Tonfall sagen lässt:
„Meine Freunde hier sehen durstig aus.“
Dabei deute ich auf die vier Leute, die an meinem Tisch sitzen und uns mit versteinerten Mienen zuschauen … vermutlich, weil sie dieser Situation genauso perplex gegenüberstehen.
Der Junge versteift sich, ehe er eifrig zu nicken beginnt. „Mach dir überhaupt keine Sorgen, Mann! Die nächste Runde geht auf mich, ja? Nur nicht mehr böse sein, ja?“ Wie ein dicklicher kleiner Kobold, der in einem Spiel auf Leben und Tod von einer Katze gejagt wird, gibt er Fersengeld. Exakt drei Minuten und dreiundvierzig Sekunden später starren meine Freunde und ich ungläubig auf fünf neue Flaschen Pils.
„Was – war – das denn?“, bringt der eine schließlich völlig fassungslos hervor. Die anderen sind damit beschäftigt, mich mit großen Augen anzustarren, denn das Grinsen auf meinem Gesicht ist wie elektrisiert.
Eine Bemerkung im falschen – nein, richtigen – Tonfall, und du kriegst alles, was du willst? Ist das die Botschaft dieses Abends? Ich musste nicht mal fragen! Wer braucht schon Absichten, wenn man Gelegenheiten hat? Der Hauch einer Drohung, vermittelt durch nichts Banaleres als meinen Tonfall, hat uns Freigetränke beschert. Wer sollte es da noch nötig haben, kleinen Kindern ihr Essensgeld wegzunehmen … sofern die nicht längst mit Kreditkarte zahlen dürfen. Scheiß auf Mister Nice Guy! Böse sein ist geil, und böse werden noch mehr! Das neue Synonym für „ultraheftig drauf“ heißt „evilized“. Zeit, das Gelernte zu vertiefen.
„Keine Ahnung“, antworte ich heiter, dann deute ich auf mein Bier. „Aber eigentlich wollte ich ne andere Marke. Wartet mal eben, ich muss unserem neuen Freund da noch was klar machen …“
Danach gehe ich pissen.