Tränenlos

  • Von Lisa Höller

Ob es Tränen der Trauer oder Tränen der Freude sind, spielt für ihn keine Rolle – Hauptsache ist, dass sie fließen. Lange hat er nach einem Ort gesucht, an dem er seiner Sucht nachgehen kann, ohne anderen aufzufallen. Als er vor einigen Jahren wieder ein Mal geschäftlich nach München reisen musste, kam ihm die Idee. Seitdem fährt er jedes Wochenende zum Flughafen; dabei wechselt er wöchentlich zwischen der Ankunfts- und der Abflughalle. Heute hat er sich wieder einen Platz auf einer Bank im Abflugbereich gesucht, von dem aus er unauffällig und ungestört das Geschehen um sich herum beobachten kann.

Wann seine Sucht begonnen hat, kann er nicht genau sagen. Eigentlich haben ihn Tränen schon sein ganzes Leben lang fasziniert, denn für ihn sind sie etwas Unnatürliches – Weinen ist etwas, das er sich nicht erklären kann. Er kann sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal geweint hat; ob er jemals geweint hat. Seit er denken kann, wurde ihm eingetrichtert, dass Weinen etwas ist, wofür man sich schämt – Schwäche zeigen ist etwas, wofür man sich schämt. Seine Mutter hat er ein einziges Mal weinen sehen, nachdem sein Vater sie das letzte Mal geschlagen hatte, bevor dieser auszog. Doch das ist nicht der Grund, wieso er nicht weint – es existiert für ihn schlichtweg kein Anlass. Es gibt für ihn niemanden, der in ihm Trauer, Freude, Sehnsucht, Glückseligkeit oder andere Emotionen auslösen könnte. Gerade deshalb ist seine Faszination für diese Gefühlsäußerungen umso größer.

Er mag es, sich Geschichten zu den Menschen auszudenken, die er beobachtet – sich vorzustellen, wieso Menschen sich unter Tränen trennen, wo sie hinfliegen, für wie lange und wie es sein wird, wenn sie zurückkommen. An einer Säule vor der Sicherheitskontrolle steht ein engumschlungenes Pärchen. Der Mann wischt der Frau die Tränen von den Wangen. Sie trägt einen großen Rucksack auf den Schultern, an dem ein Schlafsack befestigt ist. Ob sie auf Weltreise geht? Oder vielleicht „Work and Travel“ in Australien? Jedenfalls verlässt sie für längere Zeit das Land – ohne ihren Liebsten. Er stellt sich vor, dass dieser Moment der letzte sein könnte, an dem sie sich sehen. Er malt sich aus, dass die Frau einen australischen Tourguide kennenlernt und in Melbourne ein neues Leben anfängt. Dass sie den Mann, der sie gerade im Arm hält, vergessen wird.

Es hat vereinzelt Menschen in seinem Leben gegeben, bei denen er sich hatte vorstellen können, dass sie eines Tages so starke Emotionen in ihm auslösen würden, dass er weinen würde. Jedes Mal wenn ihm bewusst wird, dass diese Möglichkeit bestünde, wendet er sich von diesen Menschen ab. Es ist die Vergänglichkeit – die gleiche Vergänglichkeit, die er der Liebe zwischen dem umschlungenen Pärchen zuschreibt – die ihn so handeln lässt. Dabei spielt es keine Rolle, ob er eine mögliche Partnerin fallen lässt, jemand der sein bester Freund werden könnte, oder die eigene Mutter. Vor einigen Jahren war er verlobt und kurz davor zu heiraten. Paula hieß sie; sie hatten sich bei der Arbeit kennengelernt – sie war seine Sekretärin. Als sie ihm ihren Kinderwunsch offenbarte, wurde ihm plötzlich bewusst, dass er sich in etwas verrannt hatte, das er gar nicht wollte. Er war nicht bereit, Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen; noch viel weniger war er bereit, sich auf eine Ehe einzulassen – vielmehr auf die Gefühle, die eine Ehe mit sich bringt. Er hatte sich schon von Anfang an eingeengt gefühlt; eine Trennung war also früher oder später nicht zu vermeiden.

Er will das Risiko nicht eingehen, dass er irgendwann keine rationalen Entscheidungen mehr trifft, sondern Entscheidungen, die von seinen Gefühlen gesteuert werden. Er möchte nicht so werden wie sein Vater, der aus Eifersucht gewalttätig wurde. Obwohl das alles schon über fünfundzwanzig Jahre her ist, denkt er mit seinen dreiundvierzig noch oft an den Abend zurück, als er vom Jugendamt in ein Heim geholt wurde. Sein Vater kam damals wegen schwerer Körperverletzung ins Gefängnis. Er hatte seine eigene Frau bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt, weil er sich einbildete, sie habe eine Affäre mit ihrem Chef.

Manchmal schämt er sich dafür, dass er fremde Menschen bei so intimen und emotionalen Momenten zuschaut – als würde er in ihre Privatsphäre eindringen. Bevor er den Flughafen als den Ort entdeckte, an dem er seiner Sucht ungestört nachgehen kann, hat er das auch auf gewisse Weise getan. Mehrere Male war er zu Beerdigungen von Menschen gegangen, die er nicht im Geringsten kannte. Natürlich hatte er sich nicht unter die Angehörigen und Trauernden gemischt, sondern das Geschehen von weiter weg beobachtet. Er versuchte sich in die Angehörigen hineinzuversetzen und den Schmerz, den sie empfanden, nachzufühlen.  Er fragte sich, wie es sich anfühlt, jemanden zu verlieren, der einem nahe stand, jemanden, den man – egal auf welche Weise – geliebt hatte. War es eine innere Leere oder eher ein innerer Sturm? Waren es die Erinnerungen, die man im Kopf abspielte oder konnte man keinen klaren Gedanken fassen? Formulierte man die Sätze, die man gerne noch gesagt hätte und die Fragen, die man gerne noch gestellt hätte? Weinte man aus Verzweiflung, Wut oder Trauer?

Es gibt Tage, an denen er sich einsam fühlt. Tage, an denen er gerne jemanden hätte, dem er von seinem stressigen Arbeitstag erzählen könnte. Vor allem im Winter kommen ihm seine Zehn-Stunden-Tage noch länger vor als sonst. Er ist Filialleiter eines Speditionsunternehmens und muss häufig durch ganz Deutschland reisen. Seine Arbeit macht ihm zwar Spaß, mal ganz abgesehen von seinem mehr als guten Gehalt, aber durch den Stress kommt auch vieles zu kurz. Mangelnde Bewegung und das Kantinenessen haben über die Jahre hinweg ihre Spuren hinterlassen – er ist nicht übergewichtig, aber sein Wohlstandsbauch stört ihn trotzdem.

Wenn schwierige Entscheidungen bevorstehen, sehnt er sich manchmal nach jemandem, bei dem er sich einen Rat einholen kann – egal ob es um den Kauf eines neuen Anzugs oder der Anschaffung einer Immobilie geht. Überkommt ihn dieses Gefühl der Einsamkeit, gibt es oft Momente, in denen er sich wünscht, dass er nicht so wäre, wie er ist. Dass er in der Lage wäre, Menschen an sich  heranzulassen. Dass er in der Lage wäre, Gefühle zuzulassen und zu weinen – egal ob aus Freue oder Trauer. Doch sobald er sich bei dieser Vorstellung erwischt, verdrängt er jene Gedanken, indem er sich vor Augen hält, welche Konsequenzen Gefühle mit sich bringen. Das Risiko, von einem geliebten Menschen verletzt zu werden, Verantwortung für ihn zu tragen und ihn im schlimmsten Fall zu verlieren sind nur wenige der vielen Dinge, vor denen er Angst hat.

„Würden Sie ein Foto von uns machen“? Vor ihm steht eine junge Frau, vielleicht Mitte Zwanzig, und hält ihm ihr Smartphone hin. Es dauert einige Sekunden, bis er seine Gedanken wieder geordnet hat und er die Situation, in der er sich befindet, begreift. Als das Lächeln der Frau gerade zu verschwinden vermag, weil sie durch sein Zögern offenbar verunsichert ist, entgegnet er ihr „Ja, natürlich“. Noch während er die gewünschten Bilder von der fünfköpfigen Gruppe, allesamt weiblich und schätzungsweise nicht älter als fünfundzwanzig, macht, malt er sich seine Geschichte zu ihnen aus. „We will miss you“ steht neben der amerikanischen Flagge auf dem selbstgemalten Plakat, das sie gemeinsam hochhalten. Man kann sehen, dass alle von ihnen geweint haben; aber eine, die in der Mitte, hat besonders rote Augen und auf ihren Wangen sind Überreste von der verwischten Wimperntusche erkennbar – offensichtlich ist sie es, von denen die anderen Abschied nehmen. Er stellt sich vor, dass sie als Au-pair für ein Jahr nach San Francisco geht und dass sie sich dort schrecklich einsam fühlen wird. Die Kinder ihrer Gastfamilie werden unerzogen sein; die Eltern werden ihre Gastfreundschaft und Herzlichkeit nur vorheucheln und sie mit Hausarbeit überhäufen. Sie wird ihre Freundinnen vermissen, die im weitentfernten Deutschland sitzen und Tag für Tag ihr Leben weiterleben. Wenn sie zurückkommt, wird ihre Freundschaft nicht mehr so eng sein wie vorher, weil sie alle sich über das Jahr hinweg verändert und auseinandergelebt haben.

Das Lächeln, das die jungen Frauen der Kamera schenken, kauft er ihnen nicht ab. Es ist kein echtes Lächeln, das die Lippen formen, wenn man sich über etwas freut. Es ist eines, das ihnen selbst und allen anderen vorgaukelt, dass sie sich freuen; es reicht nicht bis zu ihren Augen. „Und, wo fliegen Sie hin?“, fragt ihn eine der fünf, als er ihr das Smartphone zurückgibt. Er fragt sich, wie sie wohl reagieren würden, wenn er ihnen die Wahrheit erzählen würde. Wenn er ihnen erzählen würde, dass er eigentlich nur hier ist, um seine Sucht nach Tränen zu stillen und dass sie Teil seiner heutigen Dosis sind. Doch stattdessen ruft er sich die Antwort ins Gedächtnis, die er schon so oft gegeben hat: „Ich fliege geschäftlich nach München“.

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