Zwischen Weinflaschen und Badelatschen. Eine serbisch-orthodoxe Taufe in der Diaspora Deutschland

von Marijana Bojanic

Christliche Taufe einmal anders: Marijana Bojanic berichtet von einem Ritus, bei dem Priester verheiratet, Flipflops erlaubt, aber Hosengürtel verboten sind

Die Kirche ist leer und wird nur durch Altarkerzen beleuchtet. Auf den Bänken liegen bunte Sitzkissen, ganz am Rand liegt ein rotes Kissen mit Coca-Cola-Schriftzug. Neben einer Ikone des heiligen Michael steht eine verstaubte Plastikorchidee auf dem Regal.

Heute wird eine ganze Familie getauft: Vater, Mutter, Tochter. Ein christlicher Ritus mal ganz anders. „Hast du alle Weinflaschen dabei?“ Frau Vukotic spricht in schnellem Serbisch zu ihrer Tochter Nevenka und kramt zwischen Handtüchern und Ölflaschen im Kofferraum her-um. Diese Feier macht sie ganz nervös. In ihrer Heimat Montenegro war sie als Kind nicht getauft worden, dazu lebten sie und ihre Familie zu weit abseits in einem kleinen Dorf. Dort gab es nicht einmal Strom- und Wasserleitungen. Doch in Deutschland haben sie und ihre Familie jetzt die Chance dazu.


Herr Vukotic steht schon vor dem Kirchentor. Die Familie musste 50 Kilometer fahren, da hier in Altena (Märkischer Kreis) die einzige serbisch-orthodoxe Kirche in der Nähe ist. Das Gebäude ist eine angemietete katholische Kirche, alt und renovierungsbedürftig. Die meisten Fenster sind mit feinen Glassprüngen durchzogen. In vielen kleinen Nischen stehen Plastik-pflanzen als Dekoration. Vor der Kirche warten bereits die Taufpaten der Familie, gute Be-kannte, die im Ort wohnen. Alle helfen, die Sachen aus dem Auto in die Kirche zu tragen: Die Wein- und Ölflaschen bringt man als Geschenk mit.

Herr Vukotic macht hastig ein Kreuzzeichen, während er zwei Weinflaschen in seinen Händen balanciert und die Schwelle der Kirche überschreitet. In der orthodoxen Kirche müssen Kandidaten verheiratet sein, um überhaupt Priester werden zu können. Einer der vielen Ge-gensätze zur römisch-katholischen Kirche. Die Frau des Priesters begrüßt die Familie. Ihre beiden Kinder, Nektaria und Stefan, spielen Fangen in der Kirche, während die Mitbringsel verstaut werden. Herr Vukotic und die Taufpaten-Familie Pejovic kaufen lange, karamellfar-bene Kerzen. Diese zünden alle an einem zweistöckigen Wasserbecken an – oben im Geden-ken an die Lebenden, unten im Gedenken an die Verstorbenen. Nevenka küsst ihre Kerze, bekreuzigt sich und betrachtet die kleine Flamme. Die Taufpatin von Frau Vukotic, Vesna, steht vor einem Altar mit Ikonen. Ehrfürchtig küsst Vesna die Ikonen und bekreuzigt sich. In der orthodoxen Kirche bekreuzigt man sich mit zusammengehaltenem Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger, da diese Geste die Trinität Gottes darstellt. Zuletzt legt Vesna ein Zwei-Euro-Stück in ein kleines Körbchen oberhalb der Heiligenbilder und verbeugt sich.

„Wir sind alle Christen“

Der Priester erscheint in einem bodenlangen weißen Gewand mit roter Borte, durchzogen von goldenen Fäden. Jeden begrüßt er freundlich. „Nevenka, wie geht es dir?“ Scherze über Herrn Vukotics anwachsenden Bauchumfang lockern die Stimmung auf, da man auch privat mitei-nander bekannt ist. Der Priester weiß, dass Familie Vukotic die meisten Bräuche kaum kennt. In Deutschland gibt es wenig orthodoxen Religionsunterricht. Wozu auch? „Wir sind alle Christen“, sagt Nevenka dazu. „Katholischen Religionsunterricht hatte ich in der Schule und ich habe mich an den Gottesdiensten beteiligt. Wir lesen doch dieselbe Bibel und haben den gleichen Glauben an Jesus Christus. So verschieden sind wir nicht. Vielleicht sind manche unserer Traditionen anders, aber im Kern ist es das Gleiche.“ Nevenka ist die Taufe wichtig – ihr Eintritt in die Religionsgemeinschaft des Christentums.

Für Herrn und Frau Vukotic ist es eine reine Formsache: Sie kennen die Bedeutung von Os-tern oder Pfingsten nicht wirklich, niemand hat sie ihnen erklärt. Mit Nevenka stellen sie sich nebeneinander vor den Altar mit den Ikonen. Ungeschminkt ist die Familie, eben wie neuge-borene Babys. Man darf kein Metall am Körper tragen. Lachend hält Herr Vukotic seine Hose fest. „Ohne Gürtel wird es schwer.“ Die ganze Familie trägt Badepantoffeln an den Füßen. Nevenkas knallrosa Flip-Flops schreiten über den roten Teppich, der in der Kirche ausgelegt ist. Ihre Taufpaten stellen sich hinter sie. Die Taufe beginnt.

Taufe ist Taufe?

Der Priester liest mit schnellen Worten aus einem roten Buch vor, das alte Kirchenslawisch ist kaum zu verstehen. „Herr, erbarme dich; Herr, erbarme dich.“ Die Worte klingen durch den Singsang des Priesters wie eine Melodie. Danach stellt er sich vor jedem Familienmitglied auf und haucht es an. „Vertreibe alles Böse und Schlechte aus ihm, vertreibe alles Böse und Schlechte aus ihm …“ Wieder liest er im melodiösen Singsang vor. Der Priester weist die Fa-milie an, die Plätze mit den Taufpaten zu wechseln. Nun stellt er der Familie Fragen. „Schwört ihr, euch vom Bösen loszusagen? Schwört ihr, euch von Satan loszusagen?“ Sie geben einstimmig Antwort: „Ich sage mich los.“

Dann spucken sie einmal auf den Boden und treten auf die Stelle. „Glaubst du an Jesus Chris-tus, den wiedergeborenen Sohn Gottes?“ Kein Zögern: „Ich glaube an ihn.“ Da die Familie das Glaubensbekenntnis nie gelernt hat, lesen sie es gemeinsam vor. Wort für Wort, exakt wie das katholische Glaubensbekenntnis. Nur das Ende ist anders: „Ich glaube an die eine, heilige, rechtgläubige, apostolische Kirche.“

Der Priester weiht das Wasser und liest weiter vor. Viele Aussprüche werden dreimal wieder-holt. Anschließend geht er mit einem kleinen Weihwassergefäß zu der wartenden Familie. Auf die Stirn, die Augen, auf die Brust und die Hände und bloßen Füße zeichnet er mit dem Weihwasser kleine Kreuze und spricht ein Gebet. Herr Vukotic tritt nach vorne zum kleinen Taufbecken. „Hoffentlich erkältet er sich nicht“, scherzt die Frau des Taufpaten, die die ganze Zeremonie filmt. Die Taufpaten legen jeweils ihre rechte Hand auf die rechte Schulter ihrer „Taufkinder“. Langsam gießt der Priester das Weihwasser über ihre Köpfe, murmelt leise Gebete und legt ihnen Handtücher über die Schultern. Wieder geht er zu jedem Familienmit-glied und zeichnet das Kreuzzeichen auf dessen Körper.

„Folgt mir“

Der Priester entzündet Weihrauch und spricht singend ein Gebet. Er gebietet der Familie ihm zu folgen. Familie Vukotic und die Taufpaten umkreisen mit dem Priester dreimal den Altar mit den Ikonen. Leise hört man die Kinder des Priesters kichern, die Täuflinge schmunzeln über den ungewöhnlichen Ritus. Danach schneidet der Priester Herrn Vukotic, Frau Vukotic und Nevenka Haarsträhnen ab und legt sie auf Taschentücher auf ihren Händen. Ihre erste Opfergabe von ihnen an Gott. „Bei mir gibt’s nicht viel zu schneiden“, lacht Herr Vukotic. Der Priester lacht mit. Zuletzt wendet er sich mit einer Rede an die Familie.

„So wie sich der Hirte über das verlorene Schaf freut, das zu ihm zurückkehrt, so freue ich mich über eure Rückkehr zu Gott. Es ist mir wirklich eine wahre Freude, euch in der Kir-chengemeinde willkommen zu heißen.“ Frau Vukotic stehen die Tränen in den Augen. Alle Anwesenden versammeln sich zu einem letzten Gruppenfoto und lachen in die Kamera. An-schließend geht man gemeinsam in einem serbischen Restaurant essen.

Familie Vukotic verteilt Geschenke an ihre Taufpaten: eine Silberkette (90 Euro), eine Arm-banduhr (200 Euro), ein Ring aus Weißgold (70 Euro). Für die Taufe selbst haben Herr Vuko-tic und die Taufpaten über 300 Euro gespendet. „Das gehört sich so“, sagt Frau Vukotic. Hier zeigt sich die serbische Tradition. Sündenfreiheit? Unbezahlbar. Die Taufpatenfamilie wird den Vukotics Gold aus Serbien mitbringen. „Die Qualität ist da einfach besser“, meint Vesna.

Die Taufe bedeutet den Eintritt in das Leben als Christ. In der orthodoxen Kirche sind zudem Taufe, Firmung und Erstkommunion zu einem Ereignis miteinander verwoben, das einen be-sonders hohen Stellenwert im Leben hat – auch wenn man in Deutschland lebt. Hierzulande ist die serbisch-orthodoxe Kirche eng mit der Arbeitsmigration der serbischen Bevölkerung verbunden, da die osteuropäischen Gastarbeiter ihren Glauben mit nach Deutschland brachten. Nach eigenen Angaben zählt die serbisch-orthodoxe Kirche in Deutschland mehr als 25.000 Gläubige.

Obwohl katholische und orthodoxe Kirche einander ähneln, wissen nur wenige, wie eng sie miteinander verbunden sind. Es gibt unterschiedliche Traditionen, aber beide Seiten unterstüt-zen den Ökumene-Gedanken. Wie man mit Kerzen, Wein und Weihrauch umgeht, ist viel-leicht ja gar nicht so entscheidend.

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