Dead Man Walking – Part 5

von Andreas Hohmann

 

Sein Name ist John Barrett, und er ist einzigartig. Weil er es als erster Mensch seiner Zeit geschafft hat, einen Polarwinter lang allein im arktischen Eis des Nordens zu überleben. Wie – das weiß niemand.

Dem Tod im Eis mit – wenn auch noch so knapper – Not entkommen zu sein, macht ihn drei Jahre später interessant für eine Forschungsexpedition unter der Leitung des Professors Dr. Dr. Emil Kanthorst. Ziel der Reise ist die legendäre Nordwestpassage – ein geheimnisumwitterter Seeweg genau in jener Region der Welt, in der John einst um sein Überleben kämpfen musste. Ob er den Weg kennt, weiß der Professor nicht. Denn John ist ein äußerst verschlossener Mensch. Aber er kennt die Gegend, viele ihrer Geheimnisse und die meisten ihrer lebensbedrohlichen Tücken.

Infolge seiner jahrelangen Reisen entwurzelt, knapp bei Kasse und ohne Perspektive, lässt sich John widerwillig auf die Expedition des Professors ein. Dass er überhaupt zusagt, liegt vor allem an Fernando Degaine und Luna McTye, zwei alten Bekannten aus Schul- und Studienzeiten. Sie sind die einzigen vertrauten Menschen, die ihm noch geblieben sind.

Nach mehreren Monaten beschwerlicher Seereise erreicht die Expedition den winterlichen Küstenort Port Vernon. Erst dort wird John bemerken, dass eine zweite Expedition mit der des Professors um die Entdeckung der Nordwestpassage konkurriert. Es wird ein Landgang mit Folgen …

 

*

 

Kaum zu fassen, aber er lässt mich ziehen. Wir wechseln kein weiteres Wort miteinander. Ich drehe mich einfach um und gehe, bemerke dabei nur noch, wie der Chevalier abschätzend eine Augenbraue hebt. Es ist wahnsinnig, was ich mache, aber die Zeit spielt gegen mich. Ein letztes Mal blicke ich flüchtig über die Schulter, doch er ist bereits wieder verschwunden: so lautlos, wie er zuvor aus den Schatten geglitten ist – gleich einem Wassertropfen, der von einer feuchten Decke herab perlt und lautlos im Dreck landet.

Meine Gedanken beginnen bereits wieder zu rasen. Auch ohne Zeit für lange Strategieplanungen weiß ich, dass es jetzt gerade nur eine Person gibt, die mir helfen kann. Jemand mit militärischer Ausbildung, mit Kampferfahrung – jemand, der sich mit asymmetrischer Kriegsführung bestens auskennt: Fernando.

Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich dankbar dafür, dass wir beide uns vor einer gefühlten Ewigkeit in der Offiziersausbildung durch ein quälend langes Infiltrationsmanöver gequält haben. Denn so waren wir gezwungen, die knappen Zeichen und  Gesten, mit denen man im Verborgenen lautlos Nachrichten austauschen lassen, umso gründlicher zu lernen. Ich hoffe nur, Fernando hat nicht –

Nein, er hat sie nicht vergessen. Im Gegenteil: Natürlich hat er die Tür zum Hinterhof sorgfältig beobachtet, ohne dabei Aufsehen zu erregen. Er kann zwar nicht wissen, wem ich im Hof dahinter begegnet bin oder was ich dort erfahren habe. Aber er traut seiner Intuition, wenn er Gefahr im Verzug wittert. Unauffällig ziehe ich mich hinter einen Stützbalken zurück.

Unter einem Vorwand – wahrscheinlich, um pissen zu gehen – verabschiedet sich Fernando drüben am Tisch von unseren Gefährten. Mit glaubhafter Dringlichkeit schlendert er durch die Menge in Richtung des nächsten Aborts. Im letzten Moment ändert er den Weg und nimmt die Treppe hinauf zu einer Galerie, die sich über unseren Köpfen entlang aller vier Wände erstreckt und unweit von meiner Position in eine weitere Treppe mündet. Ein Dutzend Herzschläge später steht er neben mir.

„Wie erwartet?“, fragt er unumwunden. Mein Gesichtsausdruck hat genügt, um ihm klar zu machen, dass alle Zeichen auf Blutvergießen stehen.

Meine Miene ist, wie ich inständig hoffte, unauffällig. „Mehr als das. Wir werden beobachtet.“

„Wie viele?“

„Schwer zu sagen. Die Kapuzenträger. Vorhin habe ich ein paar gesehen. Aber ich weiß nicht, ob das alle waren.“

„Eine Todeszone“, durchschaut Fernando die Situation. Im Grunde ist es offensichtlich: zwei Türen, eine zum Hinterhof und eine Eingangstür, jede Menge dunkler Ecken, und vermummte Killer irgendwo in der Menge. Dem Himmel sei Dank, ich kann mir lange Erklärungen sparen.

„Fernando, wir müssen unauffällig –“, fange ich an.

„Was macht ihr da?“, fragt Luna uns auf einm-

Luna???

„FUCK!“, will Fernando schreien, doch ich drücke ihm gerade noch rechtzeitig meinen Handschuh in den aufgerissenen Mund. Meine Hand zittert. Ich habe gerade den Schreck meines Lebens bekommen.

Ich weiß nicht, wie sie es gemacht hat, aber Luna ist direkt hinter uns aufgetaucht. Unfassbar – Fernando und ich standen uns gegenüber und hatten den toten Winkel des jeweils anderen im Blick. Wie zur Hölle konnte sie …?

Wir zwingen uns zur Ruhe. Jetzt ist sie hier, und sie zurückzuschicken, würde uns nur verdächtig machen. „Luna, wir brauchen deine Hilfe.“, beginne ich.

„Die Kapuzenträger?“, fragt sie mit einer so verträumten Beiläufigkeit, dass sie dem Ernst der Lage kaum weniger angemessen sein könnte. Ich kann nachvollziehen, warum ihre Art so vielen aus unserer Expedition auf die Nerven geht.

„Ja.“ In aller Kürze berichte ich ihr, was vorgefallen ist. Sie bleibt ruhig, ihr Blick ändert sich nicht. Nicht mal eine Andeutung von Konzentration.

„Wir sind also klar im Nachteil.“, resümiert sie schließlich.

„Jaaa …“, sage ich, um irgendwas zu sagen. Obwohl ich fieberhaft überlege, will mir kein Schlachtplan einfallen.

„Eigentlich eine totsichere Sache für den Chevalier.“ Diesmal ist Lunas Tonfall anders. Die Art, wie bestimmte Worte dehnt, ist geradezu penetrant: ‚Eigentlich‘ … ‚für‘ … nein, halt, da war noch was dazwischen!

totsicher‘!

„Worauf willst du hinaus?“, fragte Fernando sie, während er vorsichtige Blicke in den Schankraum wirft.

„Totsicher!“, zische ich auf einmal. Luna wollte auf etwas hinaus! Sie – wollte sie, dass ich darauf komme? Sie hätte es doch selbst sagen können, es sei denn … oh nein, ich Idiot! Ich wollte die ganze Zeit den Beschützer für sie spielen. Ich habe ihr gar nicht zugehört! Verdammt, wie sonst als auf diese Weise hätte sie mir ihre Idee mitteilen sollen? Ich! Dummer! Esel!

„Das ist es! Luna hat Recht: Diese Operation ist so gut vorbereitet – sie muss einfach Erfolg haben. Deshalb hat mich der Chevalier zu sich bestellt: Weil er denkt, dass er bereits gewonnen hat. Aber wenn nicht, dann …“ Ein neuer Platz für einen ausrangierten Elitesoldaten. Meine Gedanken machen einen Sprung. „Leute, das hier ist Häuserkampf unter extremen Bedingungen! Es gibt nur eine Eliteeinheit im Empire, die darauf spezialisiert ist.“

„Warum im Empire?“, will Luna wissen.

„Weil der Chevalier aus Prinzip nur für das Empire segelt. Das war früher schon so. Und die wirklich wichtigen Nationen lassen sich ihre ehemaligen Topleute nicht einfach so von Fremden abwerben. Also rekrutiert der Chevalier aus einer Einheit des Empires, und zwar –“

„Emperial Hellraiser!“, begreift Fernando. Seine Augen weiten sich, denn diese Einheit ist selbst für Elitesoldaten berüchtigt. Und genau das ist der springende Punkt. „Verstehe. Die Hellraiser operieren in kleinen Teams. Und sie wählen ihre Offiziere selbst, und sie wählen sie genauso schnell und endgültig wieder ab, wenn diese Hauptmänner sie schlampig führen. Begreift ihr? Wir müssen sie nicht alle ausschalten! Es reicht, wenn wir einen oder zwei auseinander nehmen. Dann werden sich die anderen zurückziehen, weil der Chevalier ihnen einen schnellen Sieg versprochen und sie stattdessen zur Schlachtbank geführt hat. Zumindest müssen wir sie dazu bringen, das zu glauben, indem wir einen oder zwei erledigen.“

„Dann müssen wir sie zum Handeln zwingen, indem wir selbst die Initiative ergreifen.“, folgert Luna. „Wir müssen Verwirrung stiften. Und zwar … Jungs! ‚Wenn die Lichter ausgehen‘!“

Sie ist wirklich gut, denke ich in einem Anflug Zuneigung. Schon wieder Zuneigung. Was macht sie nur mit mir? „Verstehe. Sie bestimmen die Art des Vorgehens, aber wir, wann es losgeht. Nur sind wir im Dunkeln blind.“

„Vielleicht nicht …“, bemerkt Fernando auf einmal. Ich hatte schon die ganze Zeit das Gefühl, dass ihm irgendwas durch den Kopf geht. Etwas, das wichtig genug ist, um in unserer Lage eine Rolle zu spielen. Ein Trumpf … oder etwas Schlimmeres.

Bedächtig zieht er ein kleines Lederetui aus einer Innentasche seines Mantels. Es ist abgewetzt und schmucklos. In seinem Inneren liegen drei schmale Spritzen, jede von ihnen kaum breiter als ein Federhalter. Sie sind alle gefüllt mit einer unscheinbaren, farblosen Flüssigkeit. Dass Fernando sie immer bei sich trägt und zugleich so sorgfältig verwahrt, kann nur bedeuten …

„Eine schnell wirkende Droge, wird von einer Gang im Henahrk namens Desert Vampires benutzt. Das Zeug erhöht die Reaktionsfähigkeit und schärft das Sehvermögen im Dunkeln, macht aber auch nach wenigen Dosen abhängig“, erklärt er hastig. Bevor ich zwei und zwei zusammenzählen und begreifen kann, was ‚macht schnell abhängig‘ in Kombination mit der Tatsache bedeutet, dass Fernando gleich drei Dosen von dem Zeug dabei hat, fügt er hinzu: „Euch ist klar, dass wir keine Wahl haben, wenn ihr nicht gerade ein Ass im Ärmel habt?“

„Vergesst die Alternativen!“, zischt Luna auf einmal. Sie deutet hinter mich. Fast im gleichen Moment taucht einige Meter hinter ihr einer der Kapuzentypen auf. Er hält geradewegs auf den Tisch unserer Expedition zu.

Bevor ich reagieren kann, greift Luna mit der einen Hand nach der ersten Spritze. Mit der anderen Hand zieht sie eine Pistole aus einem verborgenen Holster im Futter ihres Mantels. Pfeilschnell richtet sie die Waffe nach oben und feuert.

Geschrei. Tumult. Chaos. Sie hat auf einen der Kronleuchter an der Decke gezielt, seine Halterung getroffen und diese samt einigen Holzsplittern aus ihrer Verankerung gerissen. Das Ding schlägt wie eine Bombe in den Tresen ein. Als Ablenkungsmanöver, um das Überraschungsmoment an sich zu reißen, ist es brachial, aber effektiv: Zwar wird – und das an sich grenzt schon an ein Wunder – niemand, aber unser Feind ist aufgeschreckt. Er muss jetzt handeln, oder er verliert die Kontrolle über die Situation.

Vorder- und Hintertür fliegen auf, der Windstoß lässt sämtliche Kerzen im Raum und selbst das nur noch schwach prasselnde Kaminfeuer erlöschen. Es ist dunkel.

Alles oder nichts! Ich ramme mir die Spritze in den Arm. Dann bricht die Hölle los.

 

… Fortsetzung folgt

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