Fortsetzungsroman, Seite 14b

von Johannes Herbst

Er wartet auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Hoteleingangs. An die unverputzte Hauswand gelehnt. Sein Blick haftet an der gläsernen Drehtür des Hotels. Die filterlose Zigarette wackelt nervös zwischen Mittel- und Zeigefinger, der Rauch quillt über die vergilbten Fingerspitzen. Schweiß. Schweiß an seinen Haarspitzen. Die klebrigen Enden der glatten, schwarzen Haare an die Stirn geklatscht. Über die hellbraune Backe konnte sich ein Tropfen den Weg bis ans Kinn bahnen, hängt dort kurz und stürzt auf den mickrigen, dunklen Fleck auf dem Boden. Schweiß gesammelt auf Asphalt. Fast verdampft. Hier wirft die Sonne noch keinen Schatten. Nur Schweiß. Die Ränder seiner Unterhose fühlbar nass. Die Waffe steckt gangstermäßig in seinem Hosenbund. Asche bröselt stoßweise nach unten.
Positionswechsel. Die Sohle der Sandale, diegerade noch an der Wand haftete, steht auf dem Boden. Die Sohle der Sandale, die gerade noch auf dem heißen Bürgersteig stand, haftet an der Wand. Kurz rutschen seine nassen Fingerkuppen über das Eisen der Waffe. Die ist nur zur Sicherheit. Drei Schuss für alle Fälle. Zug an der Zigarette.
Augen auf den Eingang. Ein Bus versperrt sekundenlang die Sicht, doch der Blick bleibt unabgewandt. Zehn vor Zwei auf der goldumrandeten Uhr über der Tür. Wenn sie in acht Minuten nicht draußen ist, haut er ab. Eine halbe Stunde. Kürzer wäre gut. Länger ihr Pech.
Die Drehtür gerät in Bewegung. Die erste Parzelle eine Leerfahrt, aus der zweiten schlüpft sie. Komisch stöckelnd. Sie trägt ein T-Shirt, das ihr eindeutig zu groß ist. Ein Hemd wäre besser, eins mit diesen goldenen Knöpfen an der Seite, denkt er. Doch als die Drehtür weiterschwingt, kommt kein Ausländer zum Vorschein. Dürrer Asiate. Schwarzes Basecap. Dunkelblaues Polohemd. Dunkelblaue Stoffhose. Schwarze Lackschuhe. Vereinzelt gelbe Streifen und Symbole. Der Uniformierte packt sie an einem ihrer knochigen Arme, die hinter ihrem Rücken zusammenlaufen.
Schief gelaufen. Mit seiner Sandale stößt er sich von der Wand ab. Die Zigarette landet glühend auf dem Boden. Er zieht sein Handy aus der Hosentasche. Vorgetäuschter Anruf. Blick gesenkt. Schnell um die Ecke. Das Handy verschwindet in der Hosentasche und der Schlüssel wird herausgefummmelt. Direkt beim ersten Versuch kriegt er das Moped angekickt. Knatternd verschwindet er mit einem lockerem Schwung in der nächsten Seitenstraße.


Ich stand in der Eingangshalle des Hotels und wusste immer noch nicht, was da los war. Mit der jungen Thai, die sich irgendwie in mein Zimmer geschlichen hatte, war ich auf dem Weg nach draußen. Aufgeregt gab sie mir zu verstehen, dass sie mir dort etwas zeigen wollte. Da kamen plötzlich zwei der hoteleigenen Wachmänner –  trotz der verwirrenden Situation wurde mir hier die Preisklasse meines Hotels erst bewusst –  auf uns zugestürmt. Allerdings war nicht ich das Ziel, sondern die zierliche Gestalt, die sich in schwitziger Umklammerung an meine Hand hielt. Grob wurde sie am Arm gepackt und aus meinen Fingern gelöst. Sie kreischte noch schlimmer als eben auf dem Hotelzimmer. Die beiden Männer hatten ihren Pegel ebenfalls auf volle Lautstärke gedreht und schrien das Mädchen drohend an. Ich verstand kein Wort, nur so etwas ähnliches wie „Polizei“ vernahm ich auf beiden Seiten. Um die Lage zu beruhigen, versuchte ich den ruppigen Griff des Wachmanns mit ein wenig Englisch vorsichtig zu lösen, da zog mich der andere bestimmt zur Seite und meinte: „It’s okay. It’s okay. Don’t worry. We are controll. We are controll.“ Sein Kollege unterbrach kurz die gebrüllte Diskussion mit seiner vermeintlich Gefangenen und nickte mir bestätigend zu. „She’s bad. She’s real bad. Not good for you. Not good.“ Ich hob meine Hände ergeben in die Luft und zuckt leicht mit den Schultern, während mich der Wachmann versuchte, in Richtung Aufzüge zu schieben. Jetzt wandte sich das Mädchen zu mir, das mit dem flehenden Blick ihrer verheulten Augen ein „Pleas Help! Help! Help! Please!“ herausquetschte, doch da wurde sie schon weggerissen und mit einem gezielten Tritt in die Kniekehle zu Boden befördert. Ich hörte nur noch das Klappern von Handschellen, während ich unter Protest zu den Aufzügen gedrängt wurde. Mehrfach fragte ich „What’s going on? What’s wrong with her?“. Die Antwort war Schweigen. Erst als die Aufzugtür aufging, machte der Wachmann den Mund auf und sagte: „What’s your number? Room number?“. Ich schaute ihn böse an, ging in den mit Spiegeln ausstaffierten Fahrstuhl und drückte auf den Knopf mit der 5. Das kurze Aufkeimen eines Abenteuers, das durch die übertriebene Vorsicht der Wachleute bereits im Keim erstickt wurde? Die Tür öffnete sich im fünften Stock unter dem elektronischen Bing-Geräusch. Ich schaute kurz in den Flur, dann in den Spiegel. Ich drückte auf den Knopf mit dem großen E, die Tür schloss sich und der Fahrstuhl ruckelte mit mir wieder langsam nach unten.