von Ramon Pelz
Die Flamme flackert hier in der unangenehm kühlen Zimmerluft und wirkt hypnotisierend auf mich. Die Kälte ist mir egal, ich möchte etwas erledigen. Ich, der da an einem alten Holztisch mit tiefen Furchen und dunkler Maserung sitzt. Nur eine Feder und Tinte sollen mir zu dem Zwecke dienlich sein, das leere, noch unschuldige Blatt Papier als zweidimensionales Objekt zu benutzen, um meine Gedanken, meine Gefühle, meine Erinnerungen einzufangen. Draußen ist es noch dunkel und noch kälter als hier, an meinem armselig leeren, krank wirkenden Tisch. Kein Regengeräusch, kein Donnern, wie es eigentlich treffend zur drückenden Stimmung würde beitragen können, denke ich mir, während ich wie gebannt auf die tänzelnde Flamme der Kerze auf dem Tisch starre, mit nahezu irrem Blick, die Augen angestrengt und in tausend Gedanken gleichzeitig wühlend.
Die einzige Lichtquelle in diesem Raum ist eben jene halb herunter gebrannte dreckig-weiße Kerze. Unweigerlich bündeln sich meine Gedanken zu der Vorstellung an einen kleinen Funken in einer stockfinsteren, riesigen Höhle, der orientierungslos und jämmerlich versucht schnell für Licht zu sorgen, um das Dunkel zu vertreiben. Dabei schmunzle ich, wobei dies nur mein linker, nach oben gezogener Mundwinkel, verraten würde, wenn jemand mich sehen könnte, denn meine Augen sind wie besessen immer noch auf die Flamme gerichtet. Der Gedanke daran, wie bildhaft meine Vorstellung eben war und wie sie ironischerweise gut zu dem passt, was ich aufs Papier bringen will, kommt mir wie ein schlechter Witz vor, den mir mein Gehirn vielleicht nahezulegen gedenkt, um die triste Situation aufzuheitern.
Eine Minute rauschende Stille in den Ohren. Meine Nasenflügel weiten sich, mein Mund spitzt sich zu und ich atme tief ein während ich den Blick von dem Funken auf dem Tisch löse und die Feder in die Tinte tauche. Weiteres Verharren und ein kurzes unzweckmäßiges Schniefen sind der Auftakt zur Reise in die Vergangenheit, deren Preis schmerzliche Erinnerungen sind und tränengesäumte Wangen werden könnten.
Ich habe es mir gut überlegt. Jetzt will ich es endlich tun. Vielleicht geht es mir danach endlich besser. Ein dumpfer Ruf schwebt wie an einem leeren Bahnhof bei Nieselregen durch meine Phantasie und ich sage mit halbherzigem Humor zu mir: „Alles einsteigen, bitte! Die Reise geht los! Vorsicht an der Grenzlinienkante! Es könnte etwas holprig werden!“
Stück für Stück nimmt die Reise ihren Lauf und die Lichtpunkte reflektierende Tinte, ebenso dunkel wie der kleine Raum, in dem ich hier alleine in ungesunder Haltung im flackernden Lichtkegel sitze, findet ihre Form und schmiegt sich zu Erinnerungen zusammen. Es kommt mir vor, als ob ich lediglich das Medium wäre, welches sie braucht um sich zu einer Reise in die Vergangenheit zu Formen. Ein fließender Vorgang, wie ein Bach, der zum ersten Mal einen Gipfel hinabsickert und trotz Geröll und sperrigen Ästen sofort seinen Weg findet. Stetige Bewegungen, keine Pausen. Nur das jene Flüssigkeit auf dem Papier pechschwarz ist. Nach und nach, ergeben sich folgende Zeilen:
Liebes Tagebuch,
es gab eine Zeit, vor der ich noch immer erzittere, weil sie einst wie ein kalter Nebel mein Innerstes „Ich“ heimsuchte und ich mich als starke Person in Zweifel zog. Selbst mit meinem, wie ich dachte, zielgerichteten Blicke, der stets eine gemeinsame Zukunft mit ihr fokussierte, konnte ich ihn nicht durchdringen und verlor meine Orientierung. Ja, es geht um meine erste große Liebe, liebes Tagebuch. Wie stark bin ich an ihr gewachsen. Wie stark habe ich an ihr wachsen müssen! Ich möchte Dir, liebes Tagebuch, von meinen Gefühlen erzählen und ihrem Wesen, welches oft psychischer Folter gleichkam, da sie krank war und ich dachte ich könne sie heilen. Doch wo war ich stehen geblieben?
Ich versuchte mir blitzartig erlebte, positive Momente, als Brotkrumen auszulegen, welche mich jedoch zu oft auf die falsche Fährte führten, obwohl sie mein einziger Anhaltspunkt in diesem verwirrenden Irrgarten der Gefühle waren.
Sie leiteten mich hämisch grinsend tiefer in diese Sucht nach künstlicher Geborgenheit, und irgendwann übermannte mich die Gewohnheit, und nicht zuletzt sogar mein abgestumpfter Sinn, denn oft wurden diese Gefühle an schlimmen Tagen nicht erwidert.
Diese Zeit war geschmiedet aus festen Ketten, welche mich an sie fesselten, ohne dass ich wirklich starr da lag. Einige Male weitete sich die Kette und ich konnte etwas Abstand gewinnen um mich von den Anstrengungen, wie Eifersuchtgespräche, oder völlig an den Haaren herbeigezogenen Problemen zu erholen. War es auch nur ein Gespräch mit einem Freund, oder ein Spaziergang mit einer vertrauten Seele, es hat geholfen wieder aufatmen zu können und die Fassung zu wahren.
Wenn ich dann wieder alleine war, zog sich ein starkes Geflecht um mich herum, gerade aus der Angst bestehend allein zu sein, der unersättlichen Begierde nach ihr, welche mich lockte und zuckersüß meine Erinnerungen an den Zwist in mir überzog. Begierde nach ihr? Ja, klein, sehr zierlich, was ihre Krankheit verursachte, aber mehrere Ärzte wieder anschaulich therapierten. Braun-goldene Augen, die von den längsten und betörendsten Wimpern eingerahmt wurden, die ich bisher an einer Frau gesehen hatte. Ein Lächeln welches einen sofort mit der nötigen Energie versorgt, um auch an einem öden Tag oder bei Sorgen durchzuhalten. Dieses kleine Kinngrübchen und das kleine runde Muttermal auf der rechten Wange, welches ich zärtlich immer als unseren Punkt bezeichnete und die festen Brüste waren unwiderstehlich für mich. Aber auch einfach in ihrer Nähe zu sein und sie anzusehen war jede Sekunde wert und gestaltete, wenn es mir denn vergönnt war, jene Augenblicke unbeschreiblich einzigartig. Doch die Sinne haben mir die Realität verdreht. Sie überspielten manchmal eindeutige Warnzeichen, ja lackierten sie deckend mit rosaroter Farbe zu. Schönheit und Eleganz sind kein Heilmittel für sich aufbauende Komplexe, wie das Helfersyndrom.
Wo waren die Schutzinstinkte, welche mir normalerweise ein Stoppschild vorhalten sollten, um mein eigenes Ich zu retten oder zu erhalten, oder wenn ich wieder einmal versuchte „Nein!“, oder „Stopp!“ zu sagen, es jedoch nicht konnte. Ich vergaß, was es hieß, die Kontrolle, das Gleichgewicht zu wahren.
Obwohl ich teilweise, so redete ich mir ein, dominant gegenüber der Gefühlsflut war, zerschellten die Wellen doch häufig genug an der hinterlistig schroffen, wahnhaften Hoffnung.
Und sollte Hoffnung nicht eigentlich der rettende Strand sein, der einem Zuflucht, Schutz vor den starken Strömungen dieser Wellen und die Chance auf Heilung bietet?
Stattdessen verführte Hoffnung mich dazu, die Grenzlinie zu überschreiten, um dabei Schmerzen auszuhalten und unter denen ich mir schon während der Sucht ähnlichen Tat nicht sicher war, ob sie den gewünschten Zweck erfüllen würden. Bestrafung galt vorerst mir selber, so weit war es gekommen.
Ich bin zu oft darauf hereingefallen. Ich habe gedacht, ich sei der Schmied meines Glückes, meiner eigenen Wunscherfüllungen, aber ich bin nun zu dem Entschluss gekommen, dass man dafür seelisch gesund sein muss, was zu der Zeit nicht mein Zustand war.
An einer Liebe festzuhalten, ihr alles zu opfern, trotz der Angst, es könnte vergebens sein, vermag den stärksten Geist brüchig werden zu lassen.
Immer wieder einen Happen vorgeworfen zu bekommen und diesen wie ein wildes Tier hastig zu verschlingen, kann das Fleisch retten, jedoch nicht die Seele. Seien dies zärtliche Berührungen und flüssige Ausreden, die die Sinne betäubten und vorerst alles Absurde vergessen ließen. Dies ist die trügerische Medikation gewesen, die mich gerade eben mit der Nase aus dem Wasser hat gucken lassen, damit ich nicht ersticke oder untergehe.
Oft habe ich nachts unter nicht wieder zu gebenden Albträumen stark geschwitzt und konnte mich auch im Schlaf kaum erholen. Im Zimmer allein weinend zusammengekauert, nach Erlösung durch den Moment flehend, der mir versichert, meine Fürsorge war nicht umsonst, schlief ich irgendwann erschöpft ein.
Zufrieden war ich schizophrenerweise, wenn ich bei ihr war, und wenn es auch nur einige Minuten waren, in denen ich dachte: „Hier gehöre ich hin.“ Diese waren genug Nahrung um wieder kurz satt zu werden und an der fragilen Beziehung anzuknüpfen.
Jedoch holte mich der Teufelskreis immer wieder ein, der mich zwischen Geborgenheit und Trennungsangst pendeln ließ. Dem Flehen nach Verzeihung folgten wieder Beleidigungen. Vorwürfen, genährt durch Eifersucht, folgten eigens inszenierte Versuche, mich eifersüchtig zu machen, um die Machtverhältnisse klarzustellen. Manchmal war sie wie ein Stein und ließ nichts an sich heran, weder Gespräche noch sonstige Versuche der Erklärungen und Aufheiterungsversuchen. Depressionen wuchsen auf beiden Seiten.
Dadurch habe ich seelisch und zwischenmenschlich zu sehr abgenommen, als dass die Beziehung von Dauer hätte sein können.
Ich habe die „Grenzlinie“ überschritten, was mich zusammenbrechen ließ. Dies war für mich der Schlussstrich, den ich diesmal mit dickem Stift zog, damit er nicht wieder von Erinnerungen und der Gewohnheit an den Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft ausradiert werden konnte!
Ich holte mir mit letzter Kraft Hilfe bei verständnisvollen Menschen, die fähig waren, mit mir den Nebel zu verdrängen. Ich lernte langsam, mich nicht auf Brotkrumen zu verlassen, sondern mir standhaftere Dinge einzurichten, die mir nicht den „erleuchteten Weg“ schlechthin zeigten, mir jedoch ein begleitendes Licht waren, auf meinem Weg in die Erkenntnis, was gut für mich ist und was nicht.
Irgendwann fand ich dann meinen ersehnten Strand.
Vieles ließ ich hinter mir und auch wenn es eine schwere Zeit war, an die ich immer noch oft denken muss, und Erinnerungen an diese, lassen mich selbst heute noch manchmal innerlich verweilen, um mich zu warnen: „Das passiert dir nicht noch einmal!“
Ich habe die Grenzlinie überschritten, und doch bin ich hier!
Die Tinte ist jetzt leer bis auf einen kleinen Rest in der Feder. Ich puste die Kerze aus, auch wenn sie in wenigen Atemzügen ohnehin von alleine ausgehen würde, da sie fast völlig von der Hitze aufgezehrt ist. Im Raum ist es nun stockfinster und völlig still, bis auf jenes erneute Rauschen im Ohr. Ein Rauschen wie wenn man eine Muschel ans Ohr hält und sich einredet es sei das beruhigende Rauschen des Meeres. Muscheln findet man am Strand.
Mit geneigtem Kopf schaue ich nun durch das Fenster nach draußen. Vielleicht wird es bald hell. Am Himmel würde sich alles in ein immer kräftiger saturiertes Rot, Orange und in Farbtöne dazwischen färben, deren Bezeichnung ich nicht kenne. Es war dunkel und still. Vor mir liegt ein Teil von mir und meiner Vergangenheit. Innerhalb der Zeilen über die Vergangenheit liegt aber auch ein Stück ungeschriebene Zukunft, welcher ich nun befreiter und positiver entgegenblicken kann. Ich bereue es nicht diesen Schritt für mich getan zu haben.