Reloads

von Anna Wilhelm

Eine Frau mit Kopftuch lachte. Ihre braune Haut spannte über einer zarten Knochenstruktur, der Oberkörper schwankte leicht. Sie lachte oder nicht? Der Mann, der neben ihr ging, hatte ihr gerade mit einer eingerollten Zeitung ins Gesicht geschlagen. In meinen Ohren hallte das Geräusch nach, als Andrea, die neben mir am Steuer saß, hörbar die Luft einsog.
Der spinnt wohl!“ Schockstarre.

RELOADED. Gelb. Andrea steuert den Wagen wie immer souverän über die Straßen. Rot. Sie hält an. Die Kreuzung liegt vor uns wie eine graue Wolldecke im stumpf kalten Morgenlicht. Du bist müde. Aus den Lautsprechern schallt Musik. Auf der anderen Straßenseite geht ein Paar. Sie folgt. Es scheint, als versuche sie, ihm etwas mitzuteilen. Klatsch. Andrea saugt laut die Luft ein. Dein Mund fühlt sich schlagartig trocken an. Es rauscht in deinen Ohren.
Was war das denn? Absurd. Was passiert da? Es ist so still. Alles ist so grau, dieses Licht. Warum tut dieser Mensch sowas? Streit.
Dieses Pack! Still! Spinnst du? Wieso denkst du das? Du darfst so nicht denken. Sei nicht so oberflächlich! Scheiße! Stopp!

RELOADED. Der Wagen hält an. Ich sehe ein Paar vorbeilaufen. Klatsch. Ich sehe, wie er ihr ins Gesicht schlägt. Ist sie seine Frau? Ist er ihr Bruder? Ehrenmord. Quatsch. Rot. Der Regler steht doch auf Rot. Aber aus der Heizung des geräumigen Golfs strömt kühle Luft. Der Motor ist noch nicht richtig warmgelaufen. Müsste er jetzt eigentlich. „Der spinnt wohl“, ruft Andrea. Reicht das? Ist das nicht viel zu harmlos? Immerhin kann sie sprechen. Ich fühle mich wie gelähmt. Wie kann der das auf offener Straße tun? Wie kann er glauben, er habe überhaupt jemals das Recht dazu? Auf offener Straße. Wie kannst du glauben, hinter verschlossener Türe wäre sein Schlag besser aufgehoben? Auch deutsche Männer schlagen ihre Frauen. Manche. Es ist egal, ob er türkisch oder sonst was ist. Das hat doch nichts mit der Nationalität zu tun. Oder doch? Öffentlich? Wie krass ohne Unrechtsbewusstsein ist denn das? Halt!
RELOADED. Rot. Stopp. Ein Schlag ins Gesicht. Mein Magen ist taub. Ihre Wange brennt. Sie hält sich aufrecht und die Augen trocken. Ihre Haut ist trocken. Die dünne Haut spannt über den Knochen. Vie
lleicht kann sie es ja überspielen. Sie will nicht, dass ihr jemand ansieht, was gerade geschehen ist. Sie muss mit ihm reden. Irgendwie. Irgendwie muss sie es schaffen. Sie läuft hinter ihm. Vor ihr sein Rücken abweisend in der verlurchten Lederjacke, als sei er hineingewachsen in diesen prolligen Fetzen totes Tier. Die gefällt ihm. Aber sie ist so hässlich. Ich fühle mich hässlich. Ich bin hässlich. Ich möchte weinen. Das darf niemand sehen. Mein Gesicht. Ihr Gesicht. Ich drücke auf die Hupe. Lange. Laut. Andrea und ich präsentieren ihm den gestreckten Mittelfinger. Da! Du Arschloch! Für die Solidarität. So was klappt doch nie. Und kostet Strafe. Strafe. Igitt, ist das deutsch. Für’n Stinkefinger muss man Strafe zahlen. Und für’ne Ohrfeige?
RELOADED. Rot. Wir halten an. Ein Typ schlägt seiner Frau ins Gesicht. Bamm. Er benutzt die Zeitung. Als sei das weniger schlimm.
Sei doch konsequent, du Feigling. Kannst du dich nicht anders behaupten, nimm wenigstens die Hand! Das wäre ehrlicher als so ein versteckter Hieb. Was für ein Unsinn. Glaubst du das wirklich? Du spinnst. Zum Glück hat er das nicht gemacht. Eine Zeitung tut nicht weh. Der Seele schon. Aber vielleicht war das nur eine Warnung? Die arme Frau. Es ist so still. Nur die Musik dröhnt an mein Ohr.
Pah! Der spinnt wohl,“ spuckt Andrea aus. Ich schweige. Mir ist schlecht. Wir tun nichts. Es ist so still. Warum tun wir denn nichts?
RELOADED. Rot. Wir halten. Paff. Er haut
ihr ins Gesicht. Ich steige aus dem Wagen. Andrea starrt noch gebannt geradeaus. Ich schreite in langen Schritten auf ihn zu, packe ihn von hinten am Kragen seiner hässlichen Lederjacke, reiße ihn um und zu Boden. „Wage es noch einmal, deine Frau zu schlagen, du Pisser!“ Piff, paff. Chuck Norris.
RELOADED. Rot. Paff. Ich schreite auf ihn zu. Von hinten. Er bemerkt mich erst im letzten Moment, fährt herum und wusch, da hat er schon meine Faust im Gesicht.
Du rechte Idiotin. Bin ich doch gar nicht. Wieso rechts? Du kleine Frau. Du bist einem Kerl von der Größe doch gar nicht gewachsen. Ach, was! Er ist schmal und hoch. Unten absägen.

RELOADED. Halt! Warum hält Andrea? Ach, so. Die Ampel ist rot. Was passiert denn da vorne? Zack. Die kleine Frau im Auto kriegt keine Luft. Ohne zu überlegen, was sie da tut. Tuuuut. Der Mittelfinger. Ohne zu überlegen, steigt sie aus dem Auto und rennt auf den türkischen Machopenner zu. Er ist kein Türke. Oder doch? Wusch. Ihre Hand fährt ins Leere. Wieso hat er sie denn bemerkt? Wieso ist er denn so groß? Er packt sie am Pullover und schleudert sie herum. Die kleine Frau – bin ich das? – hört Andrea schreien. Sie liegt schon auf dem Asphalt, als er zutritt. Und noch jemand schreit. Ist es die am Boden? Auch Andrea ist jetzt ausgestiegen. Das Warnsignal der Scheinwerfer piept bedrohlich. Mach doch die Fahrertür zu!
Du kleine Missgeburt!“ Alles falsch. Sie will nicht auf seinen verzerrten Mund starren müssen. „Was mischst du dich ein, hä?“ Alles ist so grau. Der Asphalt ist so hart. Von wegen Wolldecke. Andrea, drück doch auf die Hupe. Bitte. Stellen wir ihn bloß. Drücken wir einfach auf die Hupe und zeigen ihm den Mittelfinger. Halt! Rot! Bitte!
RELOADED. Die kleine Frau steigt aus. Sie wächst mit jedem Schritt und als sie bei den beiden ankommt, hat sie eine hünenhafte Gestalt angenommen. Sie neigt den Kopf und blickt gelassen in das lächelnde Gesicht der schmalen Frau mit der muskatfarbenen Haut. Jetzt kann sie se
hen, wie hübsch die dunklen Augen sind und dass sie ein paar Sommersprossen hat. Eine türkische Frau. Vielleicht. Mit zwei Fingern fasst die Hünin den Kragen der Jacke. Sie fühlt sich nach nichts an unter ihren kräftigen Fingerspitzen. Der Mann bekommt kein Wort heraus. Er sieht so käsig aus und ist ganz blass. Sagt er etwas? Sie kann es nicht hören. Ist es nicht egal? Die Hünin nimmt Schwung. Die Frau am Boden schreit. Ihr Kopftuch ist ja ganz verrückt. Sie schreit. Was sagt sie denn da? Lass meinen Mann los? Die Hünin nimmt nochmal Schwung, schleudert ihren Arm durch die Luft und den Mann mit seiner doofen Jacke einmal quer über den Erdball. Weg ist er. Vielleicht landet er ja irgendwo bei Waikiki im Wasser. Doch was will denn jetzt diese Frau von ihr? Auch Andrea blickt entgeistert zu ihr hoch – hat sie etwa Angst vor ihr? Die Frau mit dem Kopftuch tritt gegen ihren Knöchel. Eine Hünin ist doch unverwundbar. Weiß sie das denn nicht? „Meine Kinder haben jetzt nichts zu essen“, schreit sie wütend. „Mein Mann muss arbeiten. Wo ist er jetzt?“ Halt!
RELOADED. Gelb. Rot. Andrea hält den Wagen an. Der Motor ist endlich warmgelaufen. Schön. Jetzt, wo wir fast da sind. Müssen wir wenigstens auf den letzten Metern nicht mehr frieren. Kurz darauf werden wir Zeugen einer hässlichen Szene. Ein Mann und eine Frau mit Kopftuch streiten sich. Er schlägt ihr mit einer Zeitung ins Gesicht. Andrea saugt laut die Luft ein. Ich auch. Tonlos. „Der spinnt wohl,“ raunzt Andrea. Den Blinker hat sie schon gesetzt. Sie wird gleich links abbiegen. Die schmale Frau auf der anderen Straßenseite reißt ihrem Geleiter die Zeitung aus der Hand und drischt immer wieder auf ihn ein. Man kann sehen, wie ihre feine dunkle Haut über den vor Ärger verzerrten Mundwinkeln spannt und wie sie die Zähne fletscht. Als er sie erneut schlagen will, packt sie ihn und wirft ihn kurzerhand über die Schulter auf den Boden. Andrea und ich drücken auf die Hupe und präsentieren dem Typ den Mittelfinger. Für die Solidarität. So etwas wird er sich so schnell nicht mehr trauen. Seine Brüder schon.
RELOADED. Die Ampel wird erst gelb, dann rot. Wir warten. Er schlägt sie. Das Klatschen auf ihre braune Haut ist stumm, klingt nur in unserer Fantasie wieder und wieder und wieder nach. Der Blinker tickt leise. Die Musik hören wir gar nicht mehr. Der Himmel ist grau, die Luft nicht mehr kalt. Klimatisiert. Der Asphalt liegt vor uns wie eine graue Wolldecke. Und eine schmale Frau vertuscht, dass sie weint.

Ihr Gesicht ist trocken. Ihre Wangen glatt und wie zu einem Lächeln gespannt.
Pah! Der spinnt wohl“, empört sich Andrea. Wir beobachten, wie die beiden weitergehen. Anscheinend vermeidet er es, neben ihr herzugehen. Doch sie folgt ihm unaufhörlich und versucht weiter, mit ihm zu reden. Ist sie nicht unglaublich stark? Die Ampel wird grün. Grün. Wir sind noch immer geschockt. Und so still. Andrea gibt Gas.

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