Von Alexander Mosig
“Ted, the only people in the universe who have never seen Star Wars are the characters in Star Wars and that’s cause they lived them, Ted, that’s cause they lived the Star Wars.” (Marshall Eriksen, How I Met Your Mother)
Star Wars – für mich eine wahre Begebenheit. Kein 08/15-Film, sondern eine Geschichte, auf die sich Vertrauen gründet. Daher kann es kein Zufall sein, dass ich mich wie Ted und Marshall auf einer Party über diese Einmaligkeit unterhielt. Unterhielt mit einem Kommilitonen, der mir aus heiterem Himmel die Hiobsbotschaft eröffnete: „Klar habe ich mal in die Filme rein geschaut, aber komplett? Ne, ich habe Star Wars nie komplett gesehen. Weder die alten noch die neuen. Sind doch bestimmt eh alle irgendwie gleich?“ Der Schock saß tief. Ich hatte immer gedacht, wir wären Freunde, dass wir uns zumindest etwas kennen würden und dann dieses Bekenntnis.
Ich tat das einzig Richtige: Mit ein paar gestammelten, entschuldigenden Worten begab ich mich ohne Umschweife auf den Heimweg. Wie in Trance setzte ich einen Fuß vor den anderen, bis ich schließlich an meiner Haustür ankam. Ich hatte nur noch ein Ziel vor Augen, eine Pflicht, die ich erfüllen musste. Schlüssel im Schloss, Tür geöffnet und hinein. Die Schuhe bleiben an, keine Zeit zum Ausziehen. Genau wie die nasse Jacke. Nass? Hatte wohl geregnet. Vielleicht gar gestürmt. Passt zu meiner Gemütslage. Aufgewühlt wie Blätter im Sturm und dann niederdrückt durch die schweren Tropfen. So fühlte auch ich mich. „Nie Star Wars komplett geschaut“, hallte es in meinen Gedanken nach.
Da saß ich schon auf der Couch. Trotz beachtlichem Pegel sah ich nun ganz klar. Völlig automatisiert gebe ich Passwörter ein und bin sekundenschnell auf Facebook und Twitter eingeloggt. Ich ging auf das Profil von dem Typen. Da merkte ich ein Stechen in meiner Brust. Erneut hallten seine Worte nach: „Nie Star Wars komplett geschaut ….“ Ich bin aufgeschlossen und freundlich, ehrlich und ausgewogen, aber das ging zu weit. Rechts auf seinem Banner poppte ein Dropdownmenü auf, als ich mit dem Mauszeiger drüber fuhr. `Als FreundIn entfernen´. Was sollte ich denn anderes tun!? Und da war es geschehen. Erleichterung durchfuhr meinen Körper. Welch Frevel wäre es gewesen, wenn man mich mit diesem Menschen fortan noch in Verbindung bringen konnte. Sozial war ich nicht so weit, dass ich groß anders sein konnte. Alle liebten Star Wars, genau wie ich.
Er: ein Sonderling und Außenseiter, ein Alleingänger und von anderen Abgewandter. Ich: Nur mit ihm befreundet, weil wir uns aus dem Kindergarten kannten. Ein Fehler, den ich revidieren musste. Mit dem Entfernen aus der Freundesliste folgte der obligatorische Twittereintrag: #hasst Star Wars: J.H. hat nie Star Wars komplett geschaut und findet die Filme sinnlos – hier musste ich hyperbolisieren –, damit jeder meine drastische Handlung nachvollziehen konnte. Der Name natürlich gekürzt, damit ich ihn nicht öffentlich anprangere. Das wäre mir natürlich herzlich egal gewesen, aber bei Accountsperrung verliere ich all meine Follower. Das durfte nicht passieren! Ich lehnte mich zurück und steckte mir eine Zigarette an. Die brauchte ich jetzt, nach den aufwühlenden Ereignissen des Abends. Es war die letzte und ich dachte etwas traurig darüber nach, dass ich folglich wieder mit dem Drehen anfangen musste. Wer hatte schon genug Geld, um sich all die aktuellen Fortsetzungen im Kino anzuschauen und gleichzeitig gut leben zu können: Jurassic World, Marvel Filme, DC Universe, der neue Bond, das Finale von Hunger Games, der Mad Max Reboot, Fast & Furious, Mission Impossible und natürlich der neue Star Wars-Film. All diese Filme muss ich zur Premierennacht sehen und den passenden Tweet absetzen, sonst verliere ich Follower und damit Beliebtheit. Sozialer Abstieg und fortan vom Trendmensch zum sozialen Niemand. Das kann ich nicht riskieren!