von Jan-Hendrik Schulz
Wochen und Monate sitzt Saad A. im syrischen Foltergefängnis. Die Qualen hat er erst einmal überstanden, aber die Haft wird immer schwerer, er ist schwer verletzt. Trotzdem schafft er es, zu überleben.
Seine Folterknechte haben von Saad A. abgelassen. Die Haftbedingungen sind nach ein paar Wochen, nach A.s Tortur, noch einmal erbärmlicher geworden. Alle leiden an Durchfall, Bauchschmerzen, rissigen Lippen durch den Flüssigkeitsmangel. Einige haben die Krätze, schmerzhaften Juckreiz durch mangelnde Hygiene.
A.s Zeh beginnt zu eitern. In einer Nachbarzelle ist ein Arzt inhaftiert, er darf das tote Gewebe abschneiden, die Wunde regelmäßig ausschaben. Ohne sauberes Wasser, ohne Medizin. Ohne Narkose.
Inzwischen dringen immer häufiger die Schmerzensschreie aus dem zentralen Raum in die Zellen, das Klatschen der Schläge. „Manche starben buchstäblich vor Angst“, sagt A. Das Perfide ist: Seine Geschichte ist noch die Leichteste, anderen ging es viel schlimmer, mussten mehr ertragen. Das sagt A. selbst, betont es immer wieder. Er ist jung, gesund, er verliert nur das Glied einer Zehe, seine Familie und Freunde bleiben unangetastet, auch wenn die Drohung sie ebenfalls zu foltern, schwerer wiegt, als die Qualen selbst. Mit ihm sitzen ältere Männer ein, einer leidet an Diabetes und Bluthochdruck. Die Leichen werden meist erst nach ein paar Tagen aus der Zelle geholt.
Das Regime füllt sich die Taschen
Am 10. September, nach zwei Monaten, kommt er frei. Ein Verwandter kannte jemanden mit Einfluss, wusste, wen er bestechen kann. Denn das Regime verfolgt nicht nur die Intelligenz des Landes, so ganz nebenbei füllt es sich die Kasse. „Sie gehen davon aus, dass die Familie eines Studenten Geld hat oder welches beschaffen kann“, sagt Saad A. Irgendwann sagten ihm die Wärter, dass er unschuldig sei und nichts Schlimmes getan habe. Sein Verwandter wartete an der Tür. „Als ich meinen Namen das erste Mal wieder hörte, kehrte das Leben zurück.“
Ein Foto, aufgenommen am Tag seiner Entlassung, A. zeigt es auf seinem Tablet. Mager, langer Bart, die Augen tief in den Höhlen, der Fuß ein verbundender Klumpen, Blutflecken auf der Kleidung und das breiteste Grinsen weit und breit.
Aus einem Gefängnis ins andere. Das Leben kommt in den umkämpften Straßenzügen zum Erliegen, Bomben fallen im Minutentakt, Kinder wachsen mit wachsamem Blick in den Himmel auf, der Tod aus dem Himmel lauert jederzeit und überall. Außerdem besteht die Gefahr, dass es sich der Geheimdienst doch noch einmal anders überlegt. Die Familie entscheidet: Saad muss raus aus dem Land. Wieder sammeln sie Geld, ein Bus bringt ihn zu einem Grenzabschnitt, der von der Freien Syrischen Armee kontrolliert wird. A. beantragt an der deutschen Botschaft in Ankara ein Studentenvisum. Damit weiter zum Flughafen Atatürk in Istanbul, Ziel: Leipzig.
Einfach nur Ruhe und Frieden
Klar hat er Träume, erklärt sein Freund und Zimmergenosse, ebenfalls Syrer, ein Arzt. Aber wenn man so etwas erlebt hat, ist ein ganz normales Leben, einfach nur Ruhe und Frieden, schon etwas ungeheuer Wertvolles. „Zamam“, ruft Saad A. und unterbricht immer wieder seinen Freund, der beim Übersetzen hilft, „Zamam“, warte, warte. Er will alles erzählen, nichts auslassen. Und er betont es noch einmal: Seine Geschichte, sein Schicksal ist noch am leichtesten. Jeder seiner Zellengenossen, jeder Syrer, der in der Burbacher Flüchtlingsunterkunft auf sein Asylverfahren wartet, jeder hat seine „bloody story“, seine blutigen Erlebnisse.
Sein fröhliches Wesen hat A. nicht verloren. Lange hatte er Alpträume, aber inzwischen schläft er wieder gut. Und er erzählt seine Geschichte, mit allen grausigen Details und es macht ihm nichts aus, er wird es nicht vergessen, aber er wird damit fertig. Er kontrolliert die Gedanken, nicht die Gedanken ihn. Er grinst viel, so wie auf dem Foto vom Tag der Entlassung, glücklich, breit, von Ohr zu Ohr. Sein Freund sagt, dass er ein Spaßvogel sei, und boxt Saad fröhlich in die Seite.
Eine verlorene Generation?
Irgendwann will A. sein Studium fortsetzen, deutsche Ingenieure seien die Besten, strahlt er. Tausende junge Menschen, angehende Ärzte, Ingenieure, sie alle können ihre Ausbildung nicht beenden, während ihr Land in Schutt und Asche gelegt wird. „Es gibt viele gute Studenten bei uns, die nicht weiterlernen können“, sagt er. Er hofft, dass die deutsche Regierung sie ins Land lässt, damit sie hier lernen und eines Tages ihr Land wieder aufbauen können. Er hofft, dass seine Generation keine verlorene Generation ist.