Dilemma einer Reisenden

von Kristin Scheller

Das Quietschen der Bremsen hallt mir noch immer in den Ohren, als ich auf den Knopf mit den zwei Pfeilen drücke, die mir Eintritt in den Wagon verschaffen würden. Die Farbe, die ihn bedeckt, ist teilweise bereits abgeblättert. Zu viele Hände berühren ihn Tag für Tag, tragen nach und nach die Pigmente ab, an jeder Station wieder und wieder. Ich berühre meine Schläfe, wie um dieses strahlende Gefühl abzustreifen, das sich durch meinen Schädel zieht, seit Metall auf Metall getroffen, gequält aufeinander herumgerutscht und letztendlich zum Stillstand gekommen ist. Die Türen öffnen sich und ich trete aus der milden Frühlingsluft hinein in die unbewegte Kühle des Zuges, suche mir einen Platz – einen freien Zweisitzer – und stelle meinen Rucksack neben mir ab.

Mittwoch vormittags ist nicht viel los in diesem Abteil, einige Plätze weiter auf der anderen Seite versucht eine Mutter gerade, ihre zwei Kinder dazu zu bewegen, sich hinzusetzen, und irgendwo außerhalb meines Blickfeldes telefoniert jemand mit gedämpfter Stimme. Ich will meinen Kopf gegen die Wand lehnen, aber mein Vorgänger hat sich entschlossen, ein angelutschtes Kaugummi dort zu hinterlassen wie eine Unterschrift mit eigener DNS und Ekelfaktor: „Asoziales Arschloch war hier“. Es glänzt noch feucht und ich kann förmlich das Schmatzen hören, mit dem es an die Wand gedrückt wurde, weich, formbar, durchtränkt mit Speichel. Irgendetwas steckt darin, vielleicht Essensreste, die es im Kauprozess zwischen den Zähnen des Übeltäters hervorgeholt und mit seiner Klebemasse verschlungen hat. Etwas kräuselt sich in mir und ich rutsche ein Stück davon weg, doch um mich umzusetzen…dafür bin ich zu faul. Stattdessen beschränke ich mich darauf, meinen Kopf an die Lehne zu legen und es mir erst einmal bequem zu machen. Drei Stunden sind eine lange Zeit, wenn man absolut nichts zu tun hat.

Ich blicke zur Seite, auf meine Tasche, daneben, auf den Sitz, den Stoff, der ihn überzieht. Fast wie ein Teppich fließt er über das Plastik, bunte Stoppeln bilden eine borstige Masse, die in ihrer Gesamtheit vielleicht nicht weich, aber doch angenehm ist. Dort, wo sich die Meisten niederließen, in der Mitte des Stuhlbodens, war eine kleine Delle erkennbar. Die Härchen abgeschrubbt und umgeknickt im Niedergang gegen das Gewicht des Durchschnittsfahrgasts. Zusammen ergaben sie einen höhnischen Abklatsch der klischeehaften abstrakten Kunst, eine satirische Nachahmung Pollocks. Dunkelgrüner Hintergrund hebt blaue, rote und gelbe Streifen in wackeliger und sich überschneidender Anordnung hervor. Widerlich.

„GIB MIR DAS VERFICKTE HANDY WIEDER!“ Ich sehe auf, beobachte, wie die vielleicht siebenjährige Göre dagegen protestiert, dass ihr – so vermute ich – Bruder ihr das Smartphone aus der Hand reißt. Die Frau sitzt daneben, ihr Blick huscht nervös zwischen den beiden hin und her, darin liegt beinahe schon so etwas wie Angst. Sagen tut sie nichts. Ich blende das Spektakel aus, bevor der Wunsch, meinen Kopf wiederholt gegen die Wand zu schlagen, so unbändig stark werden würde, dass das Kaugummi meine Haare verkleben würde.

Mit geschlossenen Augen gehe ich in mich, erkunde die Leere in mir. Der Zug trägt mich immer weiter, ich spüre das Ruckeln und die kleinen Unebenheiten, die er geschwind überfährt, wie eine kleinere, harmlose Version einer Achterbahn. Von einer Seite zur anderen werde ich geschüttelt, hin und her und hin und her und hin – dann beruhigt sich das Wackeln kurz – und her. Wir rauschen über die Gleise, ich schwinge zusammen mit den winzigen Windungen und großen Kurven. Schon komisch, so ein Zug: ich bin nicht weit vom Grund entfernt, vielleicht einen Meter. Nur die dünnen Wände und Fenster trennen mich von der Außenwelt. Unter mir mag Gras sein, Steine, Holzplatten. Zentimeter neben mir ist die Luft frischer, wärmer, sie reißt an uns vorbei, während hier drin nicht ein einziges Lüftchen weht. Der Wagon klammert sich an die Schienen, fliegt über die Landschaft hinweg, alles zieht in Schlieren an uns vorbei – nur ich, ich sitze hier drin, abgeschirmt von einem Kasten, der mithilfe von Elektrizität und Treibstoff durch die Welt flitzt. Und hier drin ist alles still, bis auf das sachte Ruckeln vollkommen unbewegt. Ein Gegensatz, der intuitiv kaum greifbar ist und vielen vielleicht gar nicht direkt bewusst. Schon komisch, so ein Zug.

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