Eine Zeit, in der Stil-Ikonen noch über Talente verfügten: Thomas Blubachers „Die vielen Leben der Ruth Landshoff-Yorck“

– von Anna Sebastian

Ruth Landshoff-York, gebürtige Ruth Levy, ist der Inbegriff des Frauentyps der 20er und 30er Jahre: Freizügig. Wild. Avantgardistische Künstlerin. Unruhige Weltenbummlerin. Überzeugte Antifaschistin. Unabhängig in ihrer Abhängigkeit ­­­ – sei es von dem Geld anderer oder dem Wunsch nach Aufmerksamkeit. Thomas Blubacher rekonstruiert in seinem Roman das Leben einer einst bekannten, doch heute in Vergessenheit geratenen Stilikone des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte eines IT-Girls, welches berühmt war – lange bevor die Kim Kardashians und Paris Hiltons dieser Welt die Titelseiten bevölkerten und welches im Gegensatz zu jenen, nicht nur über Kontakte, sondern vor allem über mannigfaltige Talente verfügte.

Ruths Biographie liest sich wie die Sammlung diverser Leben: Sie ist durchzogen von bedeutsamen Begegnungen und wird begleitet von schicksalhaft anmutenden Ereignissen. Die Avantgardistin verkehrte mit Größen der Literaturgeschichte – allen voran Thomas Mann und Gerhart Hauptmann -, kannte Andy Warhol, flanierte mit Charlie Chaplin in Berlin, tanzte mit Josephine Baker und verhalf Marlene Dietrich zu einer ihrer ersten Tonfilm-Rollen. Sie war Teil der Bohème der Weimarer Republik sowie der Künstlerszene der 60er Jahre in Amerika und gleichzeitig in der homosexuellen Subkultur des Berlins der 20er Jahre unterwegs. Ruth arbeitete unter anderem als Theaterschauspielerin unter Max Reinhardts und war als Fotomodell sowie als Unterhaltungsjournalistin der Ullstein-Blätter tätig. Zudem war sie Literatin, Romanautorin, Übersetzerin und schrieb außerdem für zahlreiche namenhafte zeitgenössische Zeitschriften. Gerade in der zweiten Hälfte ihres aufregenden Lebens entdeckte sie die Rolle der passionierten Mentorin für sich und förderte nach ihren Möglichkeiten junge Talente. In dieser Zeit verurteilte sie aus dem amerikanisch Exil heraus und als bekennende, jüdische Antifaschisten, den Nationalsozialismus und machte sich damit einen Ruf in den USA.

Das Leben dieser Frau war durchdrungen von zahlreiche Kontakten zu vielen großen Stars jener Ära. Mit der Pflege dieser Bekanntschaften wuchsen ihre eigenen Interessen und Betätigungsfelder stetig an und veränderten sich immer wieder aufs Neue. Dies machte Ruth zu einem Allround-Talent. Interessieren die Details dieser aufregenden Lebensgeschichte sollte man auf alle Fälle zu Thomas Blubachers Werk greifen. Es lohnt sich, denn dem Autor ist es gelungen, ein umfangreiches und lesenswertes Bild von einer Frau zu zeichnen, welche im heutigen, öffentlichen Gedächtnis unverdientermaßen kaum noch eine Rolle spielt.

Fesselnd ist es, dass Ruth Landshoff-Yorks eigene Darstellung ihrer Person und ihres Lebens in der Öffentlichkeit widersprüchlich zu jenem Bild ist, welches sich aus Briefen und Erzählungen rekonstruieren lässt. Diese Faszination an dem Spiel rund um die Gradwanderung zwischen Wahrheit und Fiktion ist eine Besonderheit von Ruths Charakter, den der Autor wunderbar herausgearbeitet hat. Definitiv der Aspekt, welcher den besonderen Reiz dieser Biographie ausmacht.

Allerdings hat die Lektüre der Biographie ihre Tücken: Der Leser läuft Gefahr sich schnell in Einzelheiten und stellenweise kleinschrittigen Beschreibung von Nebenereignissen zu verlieren. Mehr als einmal war es nötig, einige Seiten zurückzublättern, um den Handlungsstrang, sofern man bei einer Biographie von einem solchen sprechen darf, wiederzufinden. Es scheint, als sei der Autor der Vielzahl an Begegnungen und Details zum Opfer gefallen – insbesondere dann, wenn die Schilderungen von Ruths Leben mit denen derer, die sie trifft, kollidieren. Sicherlich kann man diese detailreiche Erzählstruktur als ein stilistisches Mittel verstehen, welches die Verflechtung verschiedener Biografien miteinander, betonen soll. Dieses mag so manchem Leser gefallen, fiel nach meinem Geschmack jedoch zu umfangreich aus: Es hatte zur Folge, dass die eigentliche Lebensgeschichte stellenweise hinter denen anderer Persönlichkeiten zurückstehen musste.

All das lässt sich nicht von der Natur einer Biographie trennen, insbesondere dann nicht, wenn es sich um eine so komplexe wie dieser handelt. Es ist eine Gradwanderung zwischen dem, was der Leser an zusätzlicher Information braucht und dem, was er tatsächlich zu lesen bereit ist. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei dem vorliegenden Werk um eine höchst spannende, gut recherchierte, wenn auch anspruchsvolle Lektüre. Dem Leser wird ein umfassendes Bild einer Ausnahmekünstlerin gezeigt, welches sich an bisher unveröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen und privater Korrespondenz orientiert.

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Thomas Blubacher: Die vielen Leben der Ruth Landshoff-Yorck, 364 Seiten, 24,95 €, erschienen im Suhrkamp/Insel-Verlag.

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