Fortsetzungsroman

Kapitel 3

von Lisa Pilhofer

Es war Klara. Was zum Teufel machte Klara in der Herrentoilette? Ernesto war genervt. Kann man hier denn nicht einmal in Ruhe aufs Klo gehen?, dachte er und schnaubte. „Alles ok?“, fragte sie nochmals, diesmal zurückhaltender. „Kann man dir helfen?“
„Nein, ich bin durchaus in der Lage, alleine zu scheißen, vielen Dank! Und überhaupt: Du hast hier nichts zu suchen!“ Auf seine Worte folgte Schweigen. War sie noch da? Er seufzte und beendete seine Sitzung. Sein Magen fühlte sich immer noch unwohl an, was seine Laune nicht gerade besserte. Er trat aus seiner Kabine und öffnete schlagartig die danebenliegende mit der Absicht, Klara gehörig die Leviten zu lesen, was sie sich denn einbildete, einfach so in die Herrentoilette zu marschieren. Doch er kam nicht weiter als „Was bildes…!“ bis er merkte, dass die Nebenkabine leer war. Schön. Sie ist abgehauen. Hatte wohl Angst vor mir. Das soll sie auch ruhig haben. Ernesto hatte schon viele Azubis ausgebildet, doch Klara war bis jetzt die anstrengensdste. Sie war viel zu nervös für den Job, passte nicht auf, verwechselte die Zutaten und stellt sich gerade in letzter Zeit ziemlich ungeschickt an. Die kann ja noch nicht mal richtig Zwiebeln schneiden! Ich glaub, ich werde sie demnächst rausschmeißen, beschloss Ernesto, während er sich im Waschbecken die Hände wusch. Die Wunde am Oberarm schmerzte noch, war aber auszuhalten. Er trat aus der Herrentoilette und blickte geradewegs in einen Korkenzieher, hochgehalten auf Brusthöhe von keinem anderen als Klara! Ernesto keuchte erschrocken und wollte schon Maßnahmen zur Selbstverteidigung ergreifen, als Klara sagte: „Der lag auf dem Waschbecken.“ Ernesto schaute sie leicht verwirrt an. „Wie bitte?“ „Auf dem Waschbecken. Im Herrenklo. Und er ist blutig.“
„Das ist kein Blut“, sagte Ernesto unwirsch und riss ihr den Korkenzieher aus der Hand. „Das ist Tomatensoße!“
Klara schaute skeptisch. „Tomatensoße? So sieht doch keine Tomatensoße aus…“
„Als ob du wüsstest, wie Tomatensoße aussieht!“, donnerte Ernesto. „Du kannst ja nicht mal Tomaten von Äpfeln unterscheiden! Jetzt geh gefälligst Zwiebeln schneiden!“ Klara zuckte bei seinen Worten zusammen und eilte zurück in die Küche. Ernesto hatte ganz vergessen, sie für ihren Abstecher ins Herrenklo fertigzumachen. Dann eben später. Am besten vor versammelter Mannschaft, wer weiß, was die sonst noch Perverses treibt.
Der Korkenzieher. Er musste ihn vergessen haben. Warum hatte ihn die Putzfrau nicht weggeschmissen oder mitgenommen? Gedankenverloren steckte Ernesto den Korkenzieher in seine Jackentasche und ging in Richtung Keller. Zu der Küche gehörten mehrere Kühl- und Lagerräume, in denen alle Zutaten verstaut waren. Doch Ernesto bevorzugte lieber den Keller für Lagerungszwecke und war froh, dass seine Küche einen hatte. Nichts ging über einen guten alten Keller, um Lebensmittel schön kühl und trocken zu halten! Außerdem konnte er dort unbemerkt ein paar private Sachen lagern. Unter anderem einige Flaschen Schnaps, von denen er sich jetzt einen genehmigen wollte. Einen Kräuterschnaps, um den Magen zu beruhigen. Er erreichte die Kellertür, ging langsam die kurze Holztreppe runter, wobei seine Schritte die Bretter laut knarren ließen, und knipste unten angekommen das Licht an. Der Keller war nicht sehr groß, er fasste nur vier Regalreihen und ein paar gestapelte Kisten, hinter denen er seinen Geheimvorrat versteckte. Er schob die Kisten vorsichtig zur Seite, griff nach einer der Flaschen und erstarrte mit ausgestreckter Hand. Er hörte die Treppenstufen knarren. Dann ging das Licht aus und es war stockdunkel.

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