Fortsetzungsroman

Kapitel 1

von Michael Fassel

Silberne Aufzugtüren öffneten sich. In seiner Kochbekleidung trat Ernesto heraus und schritt über einen langen finsteren Trakt. Das Licht machte er nicht an, er kannte den Weg auswendig und musste nur geradeaus gehen. Seine Sammlung an Besteck schepperte metallisch an seinem breiten Gürtel, in dem er seine eigenen Gabeln, Messer und Löffel aufbewahrte. Hochwertiges Material, das nur er benutzte und abends selbst abspülte. Er ließ es noch nicht mal zu, dass jemand anderes abtrocknete. Mitten auf dem Flur blieb er stehen, das Besteck verstummte mit seinen Schritten. Er glaubte, etwas gerochen zu haben. Es war nicht das Gulasch von gestern, sondern etwas erfrischend Herbes, das ihn sofort an ein blaues Meer denken ließ. Er ging weiter.
Am Ende des Traktes stellte sich Ernesto vor das Fenster und sah nach draußen. Zwei Autoscheinwerfer krochen durch die Dunkelheit, in einigen Mehrfamilienhäusern brannte schon Licht. Für eine Weile blickte er in die Kulisse und träumte von einem Urlaub an der südenglischen Küste. Er schloss seine Augen und nickte für einige Sekunden im Stehen weg. Kräftige Bilder reiften in seinem Traum, eine sattgrüne Wiese und gleichmäßige Wellen. Die schäumende Brandung an der Klippe konnte er hören, fast riechen… bis ein heftiger Schmerz im linken Oberarm ihn aufschrecken ließ. Reflexartig drehte er sich um. Er sah einen Schatten, nach dem er schlug, aber nicht traf. Etwas rannte davon, Richtung Aufzug. Auf die Lippen beißend wollte er die pochende Stelle befühlen, zuckte dann aber zurück, als er bemerkte, dass ein Korkenzieher noch in seinem Arm steckte. Er zog ihn vorsichtig raus und spürte, wie Blut unter seinem Ärmel bis zu seinem Handgelenk lief.

Auf der Herrentoilette tupfte er sich die Wunde mit Klopapier ab. Vor dem Spiegel drehte er sich etwas, um zu sehen, wie groß sie war. Der Stich tat noch weh, aber sein Arm blutete nicht mehr. Trotzdem blieb er noch ein paar Minuten so stehen. Die Tür öffnete sich. Er griff schon nach seinem Steakmesser im Gürtel und zog es drohend heraus. Eine Reinigungskraft mit einem Putzwagen kam herein und sah ihn an.
„Guten Morgen!“, sagte Ernesto und steckte das Messer wieder zurück.
Sie schaute ihn nur an, ihre Augen wurden immer größer, sie schien wie ausgestopft.
„Tomatensauce. Das ist Tomatensauce.“ Er warf die roten Toilettenlaken in den Müll und verharrte vor der Tür, um die Reinigungskraft kurz zu beobachten, die die Papiere aus dem Eimer holte und daran zu schnüffeln begann. Kopfschüttelnd verließ er die Toilettenräume. Den Korkenzieher hatte er auf dem Waschbecken liegen gelassen.

Die Neonröhren in der Küche gingen mit Verzögerung nacheinander an. Alles blitzte, der Fliesenboden mit dem Schachbrettmuster war noch feucht. Wie gewöhnlich war er vier Stunden zu früh. Hin und wieder betastete er seine Verletzung, wenn sie zu brennen begann. Einen Arzt wollte er nicht konsultieren, das würde nur zu verfänglichen Fragen führen… Nein, es war besser, diesen Zwischenfall geheim zu halten.
Bis zehn Uhr tat Ernesto nichts mehr, er nahm weder Salat auseinander noch schnitt er Paprika oder Zwiebeln. Gleich würde er die Aufgaben an die Azubis verteilen. Er wusste, dass Klara sich in der letzten Zeit oft geschnitten hatte, vor allem dann, wenn er ihr dabei zuschaute. Aus diesem Grund sollte sie auch wieder die Zwiebeln zerhacken. Pascal sollte heute Kaiserschmarrn als Dessert zubereiten, weil Ernesto ihn wieder auf die ungeschickte Eiertrennung ansprechen wollte.
„Das wird kein Eischnee, wenn da nur ein Spritzer Eigelb drin ist“, belehrte Ernesto ihn zum wiederholten Male und er spürte, dass seine Verletzung pochte, was ihn aggressiver machte. Es kostete ihn Kraft, zu Pascal hochzuschauen, da er so hünenhaft war und die Kollegen diesen Größenunterschied möglicherweise lächerlich fanden. „Schmeiß das Zeug weg! Schon wieder zehn Eier im Müll! So viele Hühner gibt’s auf der ganzen Welt nicht!“ Ernesto stellte eine Palette mit dreißig Eiern auf die Arbeitsplatte. „Tob dich aus! Aber wenn es dir diesmal wieder nicht gelingt…“
„Dann?“, unterbrach ihn Pascal und bäumte sich mit seiner Fitnessstudio-Figur mit verschränkten Armen vor ihm auf. „Dann?“, wiederholte er.
„…dann stell dir die Frage, wie deine Zukunft im Gastronomiegewerbe aussehen könnte…“ Ihm fiel nichts Besseres ein. Er fühlte die Blicke des Personals, auf seinem Ärmel. Die Augen brannten auf ihm wie tausend heiße Wassertropfen. Pascal stieß ihn wie einen unwillkommenen Gegenstand beiseite und warf die Palette auf den Boden.

…Fortsetzung folgt

 

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