Frühstück aus dem Müll

von Elisabeth Krause

Wenn Anna und Till morgens etwas zu Essen haben wollen, müssen sie vorher nachts losziehen und „Containern“ – sie holen sich Lebensmittel, die in Supermärkten weggeschmissen werden. Nur weil sie nicht mehr schön aussehen oder so grade abgelaufen sind.

Die Luft in der kleinen WG-Küche von Anna und Till war auch schon einmal besser. Die Fenster sind verrammelt. Die Jalousien sperren das natürliche Licht aus. Noch sitzen die beiden Studenten entspannt auf ihrem neuen Sofa; keins von Ikea, sondern vom Sperrmüll letzter Woche. In ihren Händen die qualmenden Glimmstängel. Beide drehen selbst. Gekaufte Zigaretten landen bei ihnen nicht auf dem Tisch. Aus Prinzip. Zu ineffizient, sagen sie. Den Rotwein trinken sie ganz klassisch aus Pokalgläsern. Es geht darum, was drin ist – nicht darum, wie es aussieht. „Beim Netto haben die jetzt auch ein Vorhängeschloss “, stellt Anna ernüchtert fest. Schon wieder ein Supermarkt, der den beiden das Leben schwermacht. Alternativen gibt es trotzdem genug. Noch.

Anna und Till gehen „containern“, auch „dumpstern“ genannt. Bekannt sind diese Ausdrücke wohl den wenigsten. Das Prinzip des Containerns ist jedoch sehr simpel: Man nimmt die von Supermärkten weggeworfenen Lebensmittel mit. Nahrung, die nicht etwa deshalb im Container landet, weil sie ungenießbar, verdorben oder beschädigt wäre. Sondern meistens nur weil sie offiziell in den nächsten Tagen nicht mehr haltbar sein soll oder kleine Schönheitsfehler aufweist. Druckstellen an Obst zum Beispiel, Verpackungsfehler – unbedeutende Mängel, aber in der Realität: inakzeptabel für die meckernden und vor allem zahlenden Kunden.

Bananen für Perfektionisten

„Dieser Apfel hier. Den kann ich gleich in die Tonne hauen. Kunden kaufen so was nun mal nicht. Würde ich auch nicht“, stellt Bastian Klein trocken fest. Klein ist Filialleiter vom Supermarkt Dornseifer in Siegen. Ein nettes Lächeln, aber ob es ehrlich gemeint ist, lässt sich schwer sagen. Seine Augen scannen hastig die Gemüsetheke in seinem Laden. An einer Stelle bleiben sie etwas länger hängen. Offenbar ein Fehler im System, etwas, das den Perfektionisten stört: zu gelbe Bananen. „Die kauft keiner mehr. Obwohl sie ja so eigentlich am besten schmecken, weil sie ja dann erst richtig süß sind“, erklärt Klein.

Er ist dafür verantwortlich, dass es nichts zu beanstanden gibt, dass die Kunden zufrieden sind und wieder kommen. Auch dafür dass die „Leute von ganz oben nichts zu kritisieren haben.“ Um das zu garantieren, geht er lieber auf Nummer sicher. Das Kapital seines Ladens ist nun einmal der Verkauf von frischen Lebensmitteln. Die Konsumenten kommen, um das Beste vom Besten zu kaufen; und Druckstellen an Äpfeln, Paprikas oder Tomaten gehören einfach nicht dazu. Genau wie die zu gelben Bananen. Wenn dann solche Produkte angeboten werden, schadet das schon dem Image des Supermarktes – und das kann sich Klein unter keinen Umständen erlauben.

Die Sonne ist vor vier Stunden hinter dem Horizont verschwunden und die Bürgersteige in Siegen sind hochgeklappt. Auf den Straßen ist um diese Uhrzeit keiner mehr. Nur Anna und Till – ausgerüstet mit riesigem Reiserucksack und ihren Rädern. Sie haben sich gegen ihre Standardroute entschieden. Heute fahren sie direkt zum Netto um die Ecke. Zu müde sind sie, um ihre üblichen Stellen anzusteuern, aber der Kühlschrank ist wieder leer. Wenn sie morgen frühstücken wollen, müssen sie sich „noch kurz was zu essen besorgen.“ Angespannt ist keiner von beiden. Als „Routine“ bezeichnet das Till: „Wir gehen bis zu drei Mal die Woche containern. Da ist das irgendwann nicht mehr so spannend“, lacht er.

Todesstoß für Lebensmittelhändler

Sie wissen, dass sie Taschenlampe, Handschuhe und Zahnpasta mitnehmen müssen um beim Containern optimal hantieren zu können. Zahnpasta, um diese unter die Nase aufzutragen, falls der Gestank aus den Mülltonnen etwas zu intensiv ist. Das kommt aber selten vor. Da die Supermärkte auf unzählige Hygienebestimmungen achten müssen, reinigen sie auch ihre Abfallbehälter regelmäßig und das kommt den zwei Studenten zugute. Eher haben sie mit Vorhängeschlössern an den Containern zu kämpfen, denn immer mehr Lebensmittelhändler schließen ihren Abfall weg, um zu verhindern, dass man ihnen diesen ungefragt entwenden kann. Denn abhängig ist ein Supermarkt vom kaufenden und nicht vom stehlenden Kunden.

Anna und Till wissen aber auch, dass Containern gegen das Gesetz verstößt. Denn selbst die Mitnahme von bewusst weggeworfenen Lebensmitteln gilt als Diebstahl und kann somit rechtlich als Straftat bewertet werden. Zur Strafanzeige kommt es jedoch in den seltensten Fällen und falls doch, wird die Klage meist wegen Geringfügigkeit fallen gelassen. Das wissen auch die beiden und ersticken damit ihre Angst schon im Keim.

„Mir ist das eigentlich egal, wer oder was an die Mülltonnen hinterm Laden geht. Solang nichts kaputt gemacht wird, interessiert mich das auch nicht“, stellt der Filialleiter Klein klar. Er würde gern die überschüssigen Lebensmittel spenden, aber das sei gar nicht so leicht. Ein Mal in der Woche kommen zwar die Mitarbeiter der Siegener Tafel, aber an den anderen Tagen landen die Nahrungsmittel im Müll. Interne Betriebsregeln verbieten es, Lebensmittel direkt an Bedürftige weiterzugeben. Zu gefährlich sei es. Ein einwandfreier Zustand kann bei einem abgelaufenen Haltbarkeitsdatum nämlich nicht mehr garantiert werden und das kann dem Betrieb zum Verhängnis werden. Es könnte passieren, dass ein Konsument aufgrund des Verzehrs dieser gespendeten Ware krank wird und daraufhin den Spender, also den Supermarkt verklagt; und das wäre der Todesstoß für einen Lebensmittelhändler

11 Millionen Tonnen im Jahr

Die Entscheidung, heute nur zum Netto nebenan zu fahren, hat sich gelohnt. „Alles, was wir brauchen, liegt hier in dem Container“, freut sich Anna. Sie gibt jedoch zu, dass das nicht immer so ist. Oft ist es eine schwierige Angelegenheit etwas Verwertbares in den Tiefen der Tonnen zu finden. Heute haben sie Glück. Brot, Käse, Obst und sogar Schokolade können die zwei mitnehmen. „Klar, das Brot ist nicht mehr so frisch, aber das kommt einfach kurz in den Ofen und dann schmeckt’s wie frisch“, kommentiert Anna die heutige Ausbeute. „Es ist einfach Wahnsinn, was alles weggeschmissen wird!“, empört sich Till über die Konsumgesellschaft. Jährlich enden etwa 11 Millionen Tonnen Lebensmittel auf deutschen Mülldeponien; und das oft ohne erkennbaren Grund. Verpackungsfehler, Schönheitsfehler – unbedeutende Fehler sind die Hauptgründe, weshalb man noch verwertbare Produkte entsorgt. „Die Leute sind einfach viel zu verwöhnt, aber es geht ja auch anders“, findet Anna und dass es anders geht, zeigen die beiden. Finanziell leisten könnten sie es sich in den Supermarkt wie jeder andere zu gehen, eine vertretbare Option ist das jedoch für keinen von beiden.

In der kleinen WG-Küche riecht es nach frischem Brot. Die Fenster sind immer noch geschlossen. Nur stört es jetzt nicht. Der appetitliche Duft lässt die Anstrengungen dieser Nacht schnell vergessen. Anna und Till sitzen auf ihrem Sofa. Frühstück. Dieses Mal aber haben sie es vorverlegt. Zu lecker sahen ihre Errungenschaften aus. Da kann man auch schon mal nachts um drei frühstücken.

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