Literatur muss nichts, darf viel

von Christian Schütte

Kommentar zu Enno Stahls „Diskurspogo“-Vortrag

„Diskurspogo“ klingt nach spaßigem Tanzgeschubse, aber der Titel tarnt einen rigiden Zugriff auf das Erzählen, der vor allem Regeln und Verbote einführen will. Auffallend oft spricht der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Enno Stahl von einer „Legimitation“ der Literatur. Schreiben ist also etwas, wofür man erst einmal eine Erlaubnis einholen muss, etwas, das es zu rechtfertigen gilt. Eigentlich eine seltsame Haltung. Der strenge Stahl sagt uns nicht nur, wer überhaupt schreiben darf (Arztsöhne und -töchter zum Beispiel nicht), sondern auch wie und worüber. Die Thesen, die Enno Stahl vertritt, sind zwar falsch, aber immerhin auf anregende Art falsch: Sie helfen, sich daran zu erinnern, was richtig ist.

Seine Forderungen an die Literatur: Der Alltag der Arbeit, die Milieus sollen „realistisch“ dargestellt werden; „kritische Wirklichkeitserfassung“ ist das Ziel.

Neu ist dieser Ansatz nicht. Die letzte größere Welle, die den Arbeitsalltag ins Literarische spülen sollte, schwappte vor rund fünfzig Jahren durchs Land. Die Kritische Theorie, auf die Enno Stahl (Jg. 1962) sich beruft, hatte damals ihre Blütezeit. Arbeiter sollten plötzlich über ihren trüben, zähen Arbeitsalltag schreiben; herausgekommen sind trübe, zähe Bücher, die selbst Gutmeinende kaum lesen mochten. Man findet jene Werke heute für ein paar Cent in der Flohmarkt-Grabbelkiste. Auch ihr Ruhm hat keine fünfzig Jahre gehalten.

Nun hebt sich seit einiger Zeit wieder der greise Gichtfinger der Ideologiekritik und warnt vor der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zugunsten beziehungsweise zum Nachteile des Menschen und so weiter. Auch wenn es in Zeiten einer Finanzkrise im Trend liegt, Opa Marx vom Dachboden zu holen, um ihm den Staub aus dem Bart zu bürsten und ihn für die digitale Gegenwart fit zu machen, riecht die ganze Idee immer noch muffig. Trotzdem war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis das alte Denken auch den Dichtern von heute untergeschoben werden musste. Diesen Job übernimmt nun Enno Stahl.

„Was will der Autor uns damit sagen?“ Die alte Lehrer-Frage ist leicht zu beantworten, solange man Stahl folgt. Das, was ein Schriftsteller sagen wollen soll, ist für ihn klar: Kapitalismus ist nicht gut. Dagegen wirft die alte Schüler-Frage „Und warum hat’s uns der Autor dann nicht gleich gesagt?“ ein ungleich größeres Problem auf: Warum soll ausgerechnet die Literatur es richten? Warum nicht Soziologie, einschlägige Analysen von Journalisten oder gleich politische Agitation? Wozu der Umweg übers Fiktionale? Andersherum gefragt: Ist Literatur so wenig, dass ihr ein Existenzrecht nur verliehen wird mit Hilfe eines fremden, übergeordneten Zwecks, nämlich denjenigen der Politik?

So ehrenwert der Versuch einer Verbesserung der Gesellschaft oder gleich der kompletten Weltordnung sein mag – auf dem Feld der Literatur graut es einem doch vor Büchern, die sich dieses Ziel auf die Fahne schreiben. Warum? Es ist allein schon der überhebliche Gestus der Gewissheit, der dem Leser den Appetit verdirbt. Ein Literat nach Stahls Geschmack weiß immer schon, was Sache ist. Er kennt „die Realität“ und muss sie nur noch abbilden, auf dass allen anderen auch endlich ein kritisches Licht aufgehen möge. Das klingt kaum nach Abenteuer, sehr nach Polit-Fibel.

Stahl sieht selbst die Gefahr, dass allzu steif Belehrendes dabei herauskommen kann. Deshalb soll es ästhetisch innovativ zugehen. Moderne Formen soll es geben, in die der literarische Autor seine Gesellschaftskritik verpackt. Fraglich ist nur, ob es ein Leser faszinierend findet, wenn er im ästhetisch-kreativ gestalteten Geschenkpapier dieselben alten sozialkritischen Socken entdeckt.

Kurzum: Muss ein Schriftsteller die Gesellschaft abbilden und kritisieren? Nö. Wenn er möchte, darf er selbstverständlich gern, aber er muss eben nicht. Literatur ist freier, als Enno Stahl es wahrhaben möchte.