Lomography – Denke nicht, fotografiere einfach

von Theresa Müller

Unscharfe Landschaften und abgeschnittene Körper, oft überbelichtet – auf der Webseite der Lomography Society International finden sich derzeit 13.060.561 Fotos die mehr nach Schnappschüssen aussehen, als gekonnt fotografiert. Fotos, die man normalerweise in die (digitale) Mülltonne verfrachtet hätte. Während immer mehr Foto-Bearbeitungstools den Normal-Knipsern kostenfrei zur Verfügung gestellt werden, Kameras über eine Automatikfunktion verfügen mit der zumindest immer „gute“ Ergebnisse per Knopfdruck geliefert und vorzeigbare Fotos garantiert werden, greifen inzwischen einige Hobbyfotografen wieder zur analogen Kamera, insbesondere zu in den 1960er Jahren FL000017produzierten Fotoapparaten wie der Lomo-LC-A. Das Knipsen von (auf den ersten Blick) qualitativ „schlechten“ Fotos mit sogenannten Toy-Kameras ist zum Kult geworden – zum Lomography-Kult. Was steckt dahinter und was bewegt die inzwischen rund eine Million „Lomografen“ dazu, ihre zahllosen Schnappschüsse auszustellen? 

Wolfgang Stranzinger und Matthias Fiegl, zwei Wiener Studenten entdeckten Anfang der 1990er in Prag eine Lomo-LC-A, womit der Startschuss für die Gründung der Organisation Lomography gefallen war. Von dem speziellen Charme dieser Kompaktkamera und den von einem Retro-Schleier überzogenen Fotos waren sie so begeistert, dass sie die in Russland produzierte Kamera Freunden und Bekannten mitbrachten. Das Interesse an der Kompaktkamera riss schnell andere in ihrem Umfeld in den Bann und so gründeten Stranzinger und Fiegl Lomography Society International – eine Plattform, auf der Fotos, die nach den Regeln der Lomography geschossen wurden, ausgestellt und geteilt werden können, sowie einen Shop in dem das dazu nötige Zubehör angeboten wird. Als 1995 die Produktion der Lomo-LC-A in Russland zu Ende zu gehen drohte, gerade als Lomography zu wachsen begann, reisten die zwei Österreicher nach Russland um dem damaligen Vizebürgermeister von St. Petersburg, der kein geringerer als Wladimir Putin war, das Konzept von Lomography vorzustellen. Putin unterstützteimm001_0 - Kopie ihr Vorhaben, indem er der Produktionsfirma eine Steuervergünstigung gewährte. So wurde die Lomo-LC-A, die einst als Kamera für den russischen Normalbürger produziert wurde, mit dem Ziel, dass sich jeder Bürger einen Fotoapparat leisten kann um die Schönheit Russlands festhalten zu können, zum Sinnbild einer neuen fotografischen Bewegung.

Heute sieht man einige Menschen mit den Kameras, die inzwischen von der Lomography-Organisation produziert und vermarktet werden, durch die Straßen ziehen und einfach drauf los knipsen, ohne durch den Sucher zu schauen. Die „Lomografen“ verfolgen dabei die 10 Goldenen Regeln, die die zwei Wiener Studenten 1992 festlegten, die im Prinzip eines aussagen: Denke nicht, fotografiere einfach – schnell und überall. Lomography steht in erster Linie für Spontaneität, Zufall, Dynamik und hat mit herkömmlicher Fotografiekunst nicht viel zu tun. Die Ergebnisse sind spontane Momentaufnahmen, die das wirkliche Leben festhalten sollen (sogleich dies generell Fotografie macht). Dabei stehen Experimentierfreude sowie der Austausch untereinander ganz oben. Das Konzept von Lomography umfasst einen interaktiven, lebendigen und manchmal sogar verschwommenen, verrückten Lebensstil, heißt es auf der Homepage. Lomography will eine Lebensphilosophie vermitteln, die an Backpacking, Party und alternativen Lebensstil erinnert, doch ist es auch eine kleine Gegenbewegung zum schnellen technisch-fortschreitenden digitalen Lebensstil der Post-Postmoderne.

imm009_9Ich habe mir vor fünf Jahren eine Diana-Mini-Kamera von Lomography gekauft, mit der man 72 Bilder auf einen Film knipsen kann. Auch mich hat der spezielle Charme dieser kleinen TOY-Kamera mitgerissen und schnell konnte ich mich mit der Lomography-Community identifizieren. Mit der Freude daran, Fotos einfach aus der Hüfte zu schießen, ohne Fokus, ohne Motiv. Mit der Vorfreude, die entwickelten Bilder in der Hand zu halten und diese zu teilen, wenn ein Experiment einigermaßen geglückt ist. Mit diesen Kameras können mehrere Bilder auf ein Frame geschossen werden, denn der „Lomograf“ kann selbst entscheiden, wann er den Film weiterspulen möchte, was ein wichtiger Bestandteil von Lomography ist. Was Lomography ausmacht, ist mehr ein Gefühl als das Endprodukt. So wird mit Freiheit, Gemeinschaft und Entdeckungslust geworben, was gekoppelt an das nostalgische Empfinden, wenn man eine der Lomo-Kameras in der Hand hält, heute insbesondere die jungen Menschen mitreißt. Dennoch ist die Freude daran nur begrenzt, denn viele Aufnahmen sind einfach für die Tonne, wie man auch beim Durchscrollen der Fotos im Netz sehen kann, schön und kreativ sind nur wenige. Nimm die Kamera in die Hand, verknipse fünf Filme am Tag und du fühlst dich danach besser, so lautet einer Leitsprüche von Lomography. Das wird allerdings schnell zu einem teuren Vorhaben, denn bereits die Kameras, die Lomography vermarktet sind mit überteuerten Preisen versehen. Hinzu kommen noch Film- und Entwicklungskosten. Wer sich das nicht leisten kann, der kann inzwischen auf Apps zurückgreifen, die den Nutzern Filter zur Verfügung stellen, die der Optik einer Diana, einer Sprocket Rocket, einer Fisheye oder eben einer Lomo LC-A gleichen. Mit Lomography hat diese digitale Version davon jedoch wenig gemeinsam. Lomography scheint den Nerv der Zeit einer jungen Generation getroffen zu haben und so wundert es nicht, dass dieser „verschwommene, verrückte Lebensstil“ inzwischen zur Kunstform avancierte. Bei mir daheim verstaubt die Diana-Mini inzwischen meist, nur einmal im Jahr, wenn ich auf Reisen bin, nehme ich sie in die Hand und lasse mich mit ihr treiben.

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