Mrs Roosevelt und das Wunder von Earl’s Diner

 von Kathrin Wagner

Odette, Clarice, Barbara Jean – das sind die Supremes. In ihrem Wohnort Plainview, Indiana, sind sie mindestens genauso bekannt wie die gleichnamige Band. Seit nun mehr 40 Jahren treffen sich die Freundinnen jeden Sonntag in Earl’s Diner und obwohl auf diesen Treffen nicht immer viel geredet wird, sind sie wichtig für ihre Freundschaft und geben Einblicke in ihr Leben.

Dieses Buch ist wie eine Wundertüte: Es gibt viele schöne und traurige Momente. Dabei ist Earl’s Diner die einzige Konstante im Leben der Drei, denn egal wie schlecht es ihnen geht, nie verpassen sie ihr wöchentliches Treffen. Alles fängt damit an, dass das Diner eines Tages ein neues Logo hat.

Cover Mrs Roosevelt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„In der Mitte ihrer Tischdecke, so wie auf allen anderen im Raum, bildete ein Gewinde aus Früchten und Gemüse den Schriftzug ‚All-You-Can-Eat“. In dem Kranz aus Obst und Gemüse prangten glänzende rote Lippen, zwischen denen eine hellrosa Zunge herausspitzte. (…) Diese scheußlichen Lippen und dieses Obst und Gemüse – besonders die anzügliche Kirsche mit den beiden Gurken, die das Wort ‚all’ ergaben – würde die eher konservativen Stammgäste in Aufruhr versetzen.“

Kurz darauf finden sie heraus, dass Big Earl gestorben ist, und die Geschichte nimmt ihren Lauf, denn jede der drei Afroamerikanerinnen hat ein dunkles Geheimnis, das sich nun seinen Weg an die Oberfläche bahnt. Odette erscheint plötzlich der Geist der ehemaligen First Lady Eleonore Roosevelt, die ein ausgeprägtes Alkoholproblem hat und sich einen Spaß daraus macht, sterbenden Menschen auf die Pelle zu rücken. Clarice hat mit der langjährigen Untreue ihres Mannes zu kämpfen, die darin gipfelt, dass er sich sogar mit einer Arzthelferin namens Cherokee (nach dem Jeep, nicht dem Indianerstamm) einlässt. Barbara Jean muss sich eingestehen, dass sie nach dem tragischen Tod ihres Sohnes das ein oder andere Mal zu tief ins Glas geschaut hat und nicht länger ihre Probleme verdrängen kann.

„Aber Clarice würde zu Barbara Jean nie ein Wort darüber verlieren, wie sie sich kleidete, dass wussten wir beide. Genauso wenig wie sie und Barbara Jean mir ins Gesicht sagen würden, dass ich fett sei, und Barbara Jean und ich Clarice nicht mit der Nase darauf stoßen würden, dass ihr Mann ein räudiger Hund war. Das war Teil der freundschaftlichen Rücksichtsnahme, die mit der Mitgliedschaft bei den Supremes einherging. Wir sahen über die Fehler der anderen hinweg und behandelten uns gegenseitig gut, auch dann, wenn wir es nicht verdienten.“ (Odette über ihre Freundinnen)

Worum geht es also im Debütroman von Edward Kelsey Moore? Ganz klar: um Freundschaft. Egal, in welcher Situation sich Odette, Clarice oder Barbara Jean befinden, egal zu welchem Zeitpunkt ihres Lebens, die Supremes sind immer füreinander da. Ihre Freundschaft stärkt sie, gibt Geborgenheit und macht ihnen Mut, um endlich die Weichen für einen neuen Lebensabschnitt zu stellen, den untreuen Ehemann zu verlassen oder zum ersten Treffen der Anonymen Alkoholiker zu gehen. Dass sie nichts auf ihre Freundschaft kommen lassen, wird beispielweise klar, wenn Odette dem untreuen Richmond erklärt, warum er endlich damit anfangen muss, mit seinem Gehirn zu denken und nicht mit südlicheren Körperteilen:

„‚Aber was du begreifen musst, ist, dass ich wirklich alles tun würde, um die Handvoll Menschen auf dieser Welt zu beschützen, die mich wirklich lieben. Und Richmond, wenn du jetzt deinem Schwanz folgst und in dieses Haus zu Barbara Jean gehst, dann wird sie sich nie wieder als ein anständiges menschliches Wesen sehen können. Morgen früh wird sie zur Vernunft kommen und sich selbst dafür hassen, dass sie es hat geschehen lassen. Es wird sie auffressen, fast so wie der Verlust von Adam. Clarice wird es irgendwann herausfinden und sich gedemütigter fühlen als je zuvor von irgendeiner deiner Frauengeschichten. Und dann, Richmond’, ich legte meine Hand auf seinen muskulösen Unterarm, ‚werde ich dich umbringen müssen.’“

Edward Kelsey Moore versteht es, eine ruhige, aber nicht langweilige Geschichte zu stricken. Ohne die gehörige Portion Witz und Esprit wäre dieses Buch wohl an Melancholie nicht zu übertreffen. Doch dass Odette das ein oder andere Treffen mit einem Geist hat, der sie schier in den Wahnsinn treibt oder erzählt, wie sie als kleines Kind auf einem Platanenbaum geboren und sie damit zum Mädchen, das vor nichts Angst hat wurde, lockert die Geschichte enorm auf. Denn Themen wie Krankheit oder Rassismus sind sicher starker Tobak.
Hinzu kommt die inhaltliche Dichte der ersten Kapitel. Es wird viel über die Protagonistinnen preisgegeben, wie sie geboren wurden, wie sie ihre Jugend verbracht haben – die eigentliche Handlung tritt dabei völlig in den Hintergrund, leider. Wer sich aber nicht entmutigen lässt und weiterliest, wird definitiv belohnt!
Perspektivwechsel zu jedem neuen Kapitel ermöglichen es, tiefer einzutauchen in das Leben der jeweiligen Protagonistin. So verschieden wie die Supremes sind auch ihre Wahrnehmungen. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven sind charakteristisch für „Mrs Roosevelt und das Wunder von Earl’s Diner“. Dadurch gewinnt die Handlung an Authentizität, sie ist abwechslungsreich erzählt und die Frauen bleiben in Erinnerung.

Es geht um große Emotionen, und vor allem um die starke, unerschütterliche Freundschaft zwischen drei Frauen. Sie lernen voneinander und meistern zusammen jede schwere Situation. Mit der richtigen Prise Humor wird der Leser Teil des Dreiergespanns und kann mit ihnen ein echtes Wunder erleben.

 

Edward Kelsey Moore: „Mrs. Roosevelt und das Wunder von Earl’s Diner“ 2013. Limes Verlag. 19,99 €.

 

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