Portrait of an American Family. Oder: „Was tun, wenn der Vater ein Serienmörder ist?“

von Kathrin Wagner

NeverKnowing

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einige Wochen vor der Hochzeit mit ihrer großen Liebe Evan beschließt Sara ihre leiblichen Eltern ausfindig zu machen. Ein Privatdetektiv soll Licht ins Dunkle bringen, doch was er ihr zu sagen hat, übersteigt ihre Vorstellungskraft. Ihr Vater ist der berühmt-berüchtigte Campside-Killer und Sara das Ergebnis einer Vergewaltigung. Kein Wunder also, dass ihre leibliche Mutter nichts mit ihr zu tun haben will. Sara versucht das Ganze zu vergessen, jedoch unterschätzt sie die mediale Aufmerksamkeit, die einem Serienmörder entgegengebracht wird. Ein paar Tage später wird in Internetforen publiziert, wer sie ist. Und plötzlich klingelt das Telefon und eine Stimme sagt: „Sara, ich bin’s, dein Vater. Ich will dich kennenlernen.“

„Was mache ich nun, jetzt wo ich weiß, dass mein Vater ein Serienmörder ist?“ – die junge Mutter Sara muss sich jetzt mit dieser Frage herumquälen. Sie hat jahrelang verzweifelt versucht, die aufrichtige Liebe ihres Adoptivvaters für sich zu gewinnen. Ihre Schwestern Lauren und Melanie sind keine große Hilfe, da sie sich mehr mit ihren eigenen Problemen befassen und dabei auch gerne Sara die Schuld in die Schuhe schieben. Einzig von ihrer schwerkranken Mutter fühlt sich Sara akzeptiert.

Die Story mag an sich ja interessant sein, aber bis zum Knackpunkt – also dem Moment, in dem der Leser erfährt, dass der Vater ein Killer ist, will Spannung nicht so richtig aufkommen. Und auch danach passiert nicht wirklich viel. Sara ist entsetzt darüber, dass in ihren Adern das Blut eines Mörders fließt. Kann sich gleichzeitig aber plötzlich erklären, warum sie ihre Stimmungsschwankungen nie in den Griff bekommt. „Stimmungsschwankungen“ ist sogar noch untertrieben. Als sie Streit mit ihrem ehemaligen Lebensgefährten hatte, schubste sie ihn die Treppe hinunter. Das lässt mehr an Gewaltbereitschaft und ein ausgeprägtes Aggressionspotenzial denken als an Stimmungsschwankungen. Auch ihre Tochter Ally ist sehr launisch, Sara schiebt dieses Verhalten auf das neuste Familienmitglied. Es wird jedoch schnell klar, dass Ally einfach nur verzogen und egoman ist: Sie schlägt Mitschülerinnen ohne Grund und schreit ihre Mutter an, sobald etwas nicht so läuft, wie sie es sich vorstellt. Letzteres kann wohl als übliches Wesensmerkmal  verwöhnter Einzelkinder gewertet werden.

Nun versucht Stevens, der Geschichte einen neuen Kick zu verpassen. Ein Thriller, der ohne aktives Handeln des Killers auskommt, ist ja eher unüblich, eigentlich sogar unvorstellbar. Eines Tages klingelt das Telefon und jetzt sollte der vermeintliche Albtraum also losgehen. Durch kurze und oberflächliche Dialoge kann von Spannung nicht die Rede sein. Telefonate mit einem Killer, das konnte schon spannender in „Nicht auflegen“ aus dem Jahr 2002 gesehen werden. In Saras Fall will ihr leiblicher Vater John seine Tochter kennenlernen und schickt ihr „Geschenke“: Andenken an seine Opfer, die er jahrelang aufbewahrt hat.

Vielleicht ist das Ganze schockierender, wenn man sich in die Lage von Sara hineinversetzen kann. Da sämtliche Protagonisten unsympathisch wirken und um wahres Mitgefühl zu wecken viel zu oberflächlich beschrieben werden, fällt das schwer. Eine panische Mutter, die übertreibt, depressiv ist und am Ende einfach nur noch nervt – sie stellt sich gegen ihren Verlobten, obwohl der ihr nur helfen will und unbedingt verhindern möchte, dass sie sich mit dem Serienmörder trifft. Der Verlobte Evan tritt als Gutmensch auf, den man bewundert. Immerhin hält er es mit einer psychisch labilen Frau aus, die undankbar und unberechenbar ist. Saras Tochter Ally ist die Sorte von Kind, die man sich selbst nicht wünscht, und der Rest der Familie lässt Sara ihre „Besorgnis“ um ihr Wohl spüren. Bedauerlicherweise geht es ihnen nur um den Ruf der Familie und nicht um das Wohl von Sara. Der Serienkiller John bleibt farblos. Er ruft an, er hört Stimmen und Geräusche, legt auf und ruft wieder an. Aber von einem taktierenden Killer, als den die Polizei ihn gerne bezeichnet, ist nicht viel übrig geblieben, er hat mit Kopfschmerzattacken zu kämpfen und versucht verzweifelt sich die Liebe seiner Tochter zu sichern.

Die Erzählweise gleicht Stevens‘ Debütroman „Still Missing“: Dort werden die traumatischen Erlebnisse der entführten Protagonistin in therapeutischen Sitzungen aufgearbeitet. „Never Knowing“ führt den Stil fort: Sara erzählt ihrer Therapeutin ihre Leidensgeschichte. Das war beim ersten Buch der Autorin innovativ und spannend, jetzt ist es nur noch langweilig. Das mag daran liegen, dass der Thriller aufgrund der fehlenden Spannung nicht wirklich zu Herzrasen oder Panikattacken führt. Es lässt sich getrost auf dieses Buch verzichten, wenn man auf plakativen Thrill und Suspense steht. Es fließt kaum Blut in „Never Knowing“ und wirklich überraschen kann die Handlung nicht. Eins zeigt das Buch aber: Blut ist dicker als Wasser und seine Eltern kann man sich einfach nicht aussuchen.

 

 Chevy Stevens: „Never Knowing – Endlose Angst“. Fischer Verlag, 2011. 8,99 €.

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