Revolution auf Rezept

von Christian Bocksch

Oftmals passieren die wirklich entscheidenden Veränderungen an Orten, wo man so etwas zuletzt erwarten würde. Aber trotzdem, es gibt sie, und ich war vor nicht allzu langer Zeit an einem Refugium des geistigen Austauschs.
Die Praxis des Orthopäden lag etwas versteckt, und der Schock, bereits nach zwei Wochen einen Termin bekommen zu haben steckte mir noch in den Knochen. Ich trat an die Anmeldung heran, dahinter eine Sprechstundenhilfe, die Wörter in die Tastatur ihres Computers stanzte. Die Minuten vergehen, bis ich meinen ganzen Mut zusammen kratze und frage: „Hallo….Äh….Also ich wollte….Ich meine sollte…Hmm.“
„Ich bin nur Telefon“, unterbricht mich die Stimme meines Gegenübers.
Manchen Menschen fallen bei so Gelegenheiten automatisch gute Antworten ein, so etwas wie: „Festnetz oder Mobil?“. Mir leider nicht, und so warte ich weiter, bis ich von einer zuständigen Hilfskraft aufgefordert werde in dem Wartezimmer Platz zu nehmen. Keine wirkliche Verbesserung. Bestand bei der Anmeldung noch die geringe Chance, durch die sich regelmäßig öffnende Tür zu der Praxis Frischluft zu erhalten, schien der Warteraum seit der Wiedervereinigung nicht mehr gelüftet worden zu sein. Ein genuscheltes „Morgen“ in die Richtung der Mitwartenden, schnell einen Platz suchen und dabei hoffen, dass es wenigstens etwas Interessantes zu lesen gibt. FreizeitSpass, Bild der Frau, Brigitte und die Bravo, was mich dann doch überrascht. Greife nach der Bravo, blättere ein wenig, und weiß direkt wieder, warum ich früher schon nie das Magazin gelesen habe. Naja vielleicht dann doch lieber Bild der Frau…
Genau in diesem Moment bahnt sich eine Entwicklung an, als ein anderer Patient es nicht mehr aushält.
„Um 9.30 Uhr war mein Termin, jetzt ist es 12.30 Uhr. Eine Unverschämtheit, ich muss hier sitzen und warten. Nichts passiert.“
Zustimmendes Gemurmel der Anderen. Einige beginnen Quartett artig ihre Wartezeiten mit den Sitznachbarn zu vergleichen. Der Mann ist mit seiner Rede jedoch nicht am Ende.
„Aber der Arzt hat ja noch nicht einmal Schuld“ er schaut in die Runde „Nein Schuld ist doch die Politik, wegen denen in Berlin haben wir das doch!“ Heftiges Nicken um mich herum. Allmählich beginnt die Stimmung in dem Raum zu kippen.

Einige hält es nun nicht mehr auf ihren Sitzen. Parolen werden skandiert. Dann beginnen sich die Protestierenden in Richtung des Ausgangs zu bewegen. Niemand stellt sich ihnen in den Weg, vielmehr schließen sich umstehende diesem Beispiel des zivilen Ungehorsams an. Ein wenig ungläubig stehe ich an dem Fenster des Wartezimmers, dass nun schon fast lächerlich still ist. Außer mir kämpfen die Anderen für eine bessere Welt. Ein Hubschrauber der Polizei erscheint gerade in dem Moment, als sich die Tür zu dem Behandlungszimmer öffnet. Fragend streckt sich der Kopf des Arztes aus dem Spalt. Es scheint als ob er etwas sagen wollte.
„Die Anderen hatten zu tun, ich denke, wir machen dann mal weiter.“ antworte ich und trete ein.

Zugegeben, der Vorletzte Absatz dieses Textes ist frei erfunden. Bevor jetzt aber die ersten Anschuldigungen formuliert werden, ich hatte gute Gründe. Erstens, welche Moral hätte die Geschichte gehabt, wenn die begonnene politische Diskussion damit beendet gewesen wäre, dass einfach jemand aufgerufen worden wäre, und alle wieder in ihre Lethargie verfallen. Zweitens, es ist nicht nötig direkt den Aufstand zu proben, nur weil man auf den Arzt wartet, aber das ist natürlich nur eine Metapher. Schlussendlich musste ich aber hier auch ein Trauma überwinden. Der Austausch endete abrupt, und ohne eine Vorwarnung hatten sich die übrigen Wartenden alle Zeitschriften genommen. Die nächsten Stunden des Übens in Geduld wurden kein Zuckerschlecken.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *