Zwischen Surrealismus und Gothic – Eine Reise durch Tim Burtons Kopf

von Michael Fassel

Ein kitschig bunter Weihnachtsbaum in einem Wohnzimmer, dessen Wände mit Blut bespritzt sind. Ein kahler Baum in einem Gewässer, auf dem schwarze Seepferdchen aufgehängt sind. Eine schwarze Spinne, auf deren Körper ein grüner Menschenkopf höhnisch grinst. Es sind solche Installationen, Gemälde und Skizzen, die derzeit in der Tim-Burton-Ausstellung im Max-Ernst-Museum in Brühl zu bewundern sind. Der US-Regisseur, der unter anderem Edward mit den Scherenhänden oder Sweeney Todd inszenierte, war und ist auch Künstler, Schriftsteller und Fotograf. Wer sich von seinem Talent überzeugen möchte, kann noch bis zum 3. Januar 2016 das Museum direkt in der Nähe des Brühler Bahnhofs besuchen. Studierende bis 27 Jahre zahlen 5 Euro 50, ansonsten gilt der Preis für Erwachsene von 9 Euro 50.IMG_5477

In der Tim-Burton-Ausstellung muss ich nur eines der fünfhundert Gemälde, Fotografien oder Figuren betrachten, um sagen zu können: „Ja, das ist Burtons Handschrift.“ Doch was genau zeichnet diese Handschrift aus? Was macht seine Werke so besonders? Zunächst ist es nicht ganz einfach, sie ausschließlich als surrealistisch in eine Schublade zu stecken. Die Figuren sind grotesk, oftmals eine Mischung aus Mensch, Alien, Maschine und – ein gängiges Motiv bei Burton – Insekten. Aber es steckt noch mehr in den Zeichnungen und Gemälden, denn seine Bilder erscheinen nicht statisch, sondern geradezu dynamisch: Sie erzählen Geschichten. Es sind die humorvoll-makaberen Werke, die der Künstler so eindrucksvoll inszeniert und die Museumsbesucher zu Gesprächen und zum Schmunzeln anregen. Zugleich erhalten die Besucher Einblicke in vergangene Schaffensprozesse Burtons. So sieht man auf einem Blatt Papier ein handschriftliches Gedicht, das zwar in einem einfachen Reimschema geschrieben, aber dennoch originell ist. Ein Blick in die schwarze Broschüre, die jeder an der Kasse erhält, verrät, dass es der Ausgangspunkt für den Film Nightmare before Christmas ist.

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Surrealismus, Expressionismus, Gothic – Tim Burton gelang es schon als Kind, alle drei Stilrichtungen in einem Gemälde zu vereinen, mal gruselig, mal lustig und stets mit viel Liebe zum Detail. Von der Monotonie seiner Kindheit in einem verschlafenen amerikanischen Vorort ist in seinen Werken nichts zu finden, im Gegenteil, denn Tim hat schon als kleiner Junge bewiesen, welch ein talentierter Zeichner er ist. So vielseitig seine Bilder sind, so flexibel setzt der Künstler unterschiedliche Arbeitsgeräte ein: Von Aquarell über Bleistiftskizzen bis hin zu Bunt- und Filzstift-Collagen variiert sein ausgestelltes Werk. Dieses ist in verschiedenen Kategorien wie zum Beispiel „Polaroids“, „Nicht verwirklichte Projekte“, „Filmcharaktere“ oder „Feiertage“ eingeteilt.

So gern wir auch durch Burtons Unterbewusstsein reisen und uns von farbenfrohen Weltuntergangsszenarien, wie etwa dem Angriff tintenfischartiger Aliens auf einer saftig grünen Wiese, oder von schwarz-weißen, skelettförmigen Figuren verzaubern lassen, so weisen zahlreiche Bilder bei genauerem Hinsehen doch auf ein gesellschaftskritisches Thema hin. Im Bereich „Missverstandene Außenseiter“ finden sich etwa Skizzen und Bilder des tragischen Helden Edward mit den Scherenhänden. Burton gelingt mit solchen Figuren, ob sie nun auf der Kinoleinwand oder auf Bildern visualisiert werden, dass Betrachter Mitleid mit ihnen haben und sich gleichzeitig vor ihnen gruseln. Aber selbst mörderische und bösartige Charaktere wie Sweeney Todd bekommen unsere Sympathie. Die Ausstellung beweist wie seine Filme, dass wir auch mal das Böse lieben und bewundern dürfen. Ist es ein surrealistischer oder expressionistischer Kunstgriff? Oder die Faszination für Gothic? Ich mag es nicht aufklären, nicht analysieren, sondern es einfach nur den Burton-Zauber nennen.

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