Dead Man Walking – Part 6

von Andreas Hohmann

 

Sein Name ist John Barrett, und er ist einzigartig. Weil er es als erster Mensch seiner Zeit geschafft hat, einen Polarwinter lang allein im arktischen Eis des Nordens zu überleben. Wie – das weiß niemand.

Dem Tod im Eis mit – wenn auch noch so knapper – Not entkommen zu sein, macht ihn drei Jahre später interessant für eine Forschungsexpedition unter der Leitung des Professors Dr. Dr. Emil Kanthorst. Ziel der Reise ist die legendäre Nordwestpassage – ein geheimnisumwitterter Seeweg genau in jener Region der Welt, in der John einst um sein Überleben kämpfen musste. Ob er den Weg kennt, weiß der Professor nicht. Denn John ist ein äußerst verschlossener Mensch. Aber er kennt die Gegend, viele ihrer Geheimnisse und die meisten ihrer lebensbedrohlichen Tücken.

Infolge seiner jahrelangen Reisen entwurzelt, knapp bei Kasse und ohne Perspektive, lässt sich John widerwillig auf die Expedition des Professors ein. Dass er überhaupt zusagt, liegt vor allem an Fernando Degaine und Luna McTye, zwei alten Bekannten aus Schul- und Studienzeiten. Sie sind die einzigen vertrauten Menschen, die ihm noch geblieben sind.

Nach mehreren Monaten beschwerlicher Seereise erreicht die Expedition den winterlichen Küstenort Port Vernon. Erst dort wird John bemerken, dass eine zweite Expedition mit der des Professors um die Entdeckung der Nordwestpassage konkurriert. Es wird ein Landgang mit Folgen …

*

 

Nachtkampf im Drogenrausch. In völligem Chaos. Ich muss mich zwingen durchzuatmen. Emperial Hellraiser … Kann nicht klar denken. Zwei Sätze am Stück, und ich kriege Kopfschmerzen. Was ich über unseren Feind weiß, schießt in kurzen, kaum zusammenhängenden Erinnerungssalven durch meinen Kopf. – Die Hellraiser des Kaisers – Wie hieß es noch in der Ausbildung über sie? „Wo sie auftauchen, fließt das Blut. In Strömen!“ – Eine Eliteeinheit aus erbarmungslos trainierten Killern eben. – Angeblich zwischen 1714 und 1720-irgendwas von Kronprinz Persus gegründet, um Piratenfestungen im tropischen Golf von Xarnassos auszuheben … lange her, weit vor meiner Zeit, und in einem anderen Teil der Welt, so völlig anders als der eisige Norden. Ich kenne diese Zeit nur aus Geschichtsbüchern. – Sind in den letzten fünfzig Jahren in Verruf gekommen … Massaker an Zivilisten … irgendwas mit ihren Drogenlaboratorien.

Ich blicke vorwärts. Im Dunkeln sehe ich nur die Formen. Frage mich, ob die Gerüchte über ihre Standardausrüstung stimmen: kugelsichere Kleidung, gezahnte Kampfmesser, Trommelfeuer-Gewehre, Gottbrecher-Patronen, Totenkopfmasken … Was hat der Chevalier gesagt? Irgendwas von „ausrangierten Elitesoldaten“ … ob sie ihr Arsenal dann immer noch haben?

Ich erinnere mich noch gut genug an jenes Nachtkampfmanöver, durch das ich damals in der Offiziersausbildung durchmusste, um zu wissen, wie es sich anfühlt, in völliger Dunkelheit zu kämpfen. Aber unter Droge ist es eine völlig neue Erfahrung.

Nein, im Grunde ist es eher ein Alptraum. Was auch immer das für ein Scheißzeug ist – seine Wirkung ist extrem: Ich fühle mich völlig überdreht, so als hätte man meine fünf Sinne auf die Streckbank gespannt, mit einem Nagelknüppel draufgehauen, Feuerwasser über ihnen ausgekippt, ein brennendes Streichholz darauf fallen lassen, Öl in dieses Feuer gegossen und die verbrannten Überreste hinterher mit Salz bestreut. Obwohl es in der Taverne stockfinster ist, sehe ich … Dinge, manchmal auch Formen in Farben, die mich würgen lassen. Körperwärme erscheint in dunkelroten Flecken vor meinen Augen. Abrupte Bewegungen flackern in silbrigen Lichtblitzen auf meiner Netzhaut, sobald sich der zugehörige Körper erstmals regt. Zwischen diesen blutroten und silberweißen Flecken herrscht ungewisse Schwärze. Alles ist ruckartig, ohne Übergänge, abrupt und roh.

Denken! Muss klar denken! Erinnern – Gefechtsdrogen … vor etwa siebzig Jahren erstmals im Militär des Empires eingeführt, im Dritten Nubianischen Erbfolgekrieg. – Zuerst nur für Spezialeinheiten bei Sturmlandungen freigegeben, aber nach herausragenden Erfolgen bei Einsätzen auch für Standardverbände. – Im Laufe der Jahre immer mehr verfeinert, immer unmittelbarer in ihrer Wirkung, immer vielfältiger in den Auswirkungen … und immer vernichtender in den ‚Nebenwirkungen‘. Mechanisch auswendig gelernte Fakten tauchen in meinen Gedanken auf: schnelle Abhängigkeit … zunehmend rasant steigende Gewaltbereitschaft in Zeiten ohne Verabreichung … Drogenpsychosen … massiver Abbau des Langzeitgedächtnisses … geringe Resozialisierungschancen nach langjähriger Einnahme … Veteranen enden meistens in Trinkerasylen, Zuchthäusern oder Irrenanstalten. Ich habe manche dieser Elendslöcher von innen gesehen. Trostloser geht’s nicht. – Zu meiner Studienzeit hat man die Verabreichung von Gefechtsdrogen ausgesetzt, weil … ach ja, jetzt weiß ich’s wieder. War in den Zeitungen. Man nannte es ‚Zwischenfall‘. Angeblich Industriesaboteure, die die Laboratorien der Hellraiser infiltriert und deren Gefechtsdrogen verseucht haben. – Angeblich mit einem Aufputschmittel, das blindwütige Raserei auslöst. – Beim Angriff auf ein Rebellengebiet haben die überdosierten Elitesoldaten dann wahllos Zivilisten massakriert. – Mir wird schlecht, als ich daran denke, dass ich so einen ähnlichen Dreck jetzt gerade in mir haben könnte.

Eindrücke prasseln von allen Seiten auf mich ein wie erbarmungsloses Sperrfeuer. Manche sind visuell: Viele rote Flecken am Boden, die allmählich verblassen. Eine Kakophonie aus verzerrten Schreien. Krachendes – Gewehrfeuer! Auf einmal ordnet sich alles.

Im Raum vor mir stehen zwei Männer, beide groß, trainiert und in die dunklen Kapuzenmäntel gewandt, die sie als Komplizen des Chevaliers kennzeichnen. Auch sie sehe ich nur als rote Flecken, doch ihre sind deutlich heller. Verglichen mit anderen sind diese so grell wie die brennende Morgensonne. Ich muss meine Augen abschirmen, um – oh nein! Meine Hand! Sie hat den gleichen Rotton wie die Hellraiser. Das kann nur bedeuten, dass die ebenfalls Gefechtsdrogen benutzen. Elitekiller auf Drogen. Wir sind erledigt!

Die beiden Hellraiser sind von draußen in den Raum gestürmt und feuern nun blindlings in die Menge. Natürlich sind sie auf der Suche nach uns. Nachdem Luna den Kronleuchter von der Decke geschossen hat, ist ihre Falle ohne Beute zugeschnappt: Unsere Expedition befindet sich zwar in der Taverne, doch das Chaos hat sämtliche Gäste aufgeschreckt. Statt ihre Ziele vergleichsweise heimlich im Dunkeln niederzumachen, müssen sie sie nun in diesem Ameisenhaufen suchen. Aber warum dieses brachiale Vorgehen?

Das muss warten! Oben auf der Galerie entdecke ich einen weiteren Mann. Scharfschütze! Schwenkt sein Gewehr hin und her auf der Suche nach den richtigen Zielen. Alles in allem macht das drei Mann.

Schnell wie der Blitz stürmt Fernando los. Mit einem geradezu bestialischen Wutschrei wirft er sich auf den ersten Hellraiser, den er erreichen kann. Die Art, wie er sich bewegt, spricht dafür, dass er nur noch begrenzte Kontrolle über seinen Körper hat: Er wirkt eher wie ein tollwütiger Köter als ein studierter Offizier, der eine Taktik anwendet. So schnell, dass ich der Bewegung kaum folgen kann, reißt er eine Pistole aus einem seiner Holster und schießt dem Elitekiller aus nächster Nähe in den –

NEIN! Wie kann das sein?!

Der Hellraiser steht plötzlich direkt vor Fernando. Er muss einfach unter der Flugbahn der Kugel abgetaucht sein. Mein Gefährte hat keine Chance. Obwohl der Hellraiser ihn an Ort und Stelle erschießen könnte, bevorzugt er den waffenlosen Kampf. Er will Fernando mit bloßen Händen töten!

Unter dem Einfluss unserer Droge ist Fernando verdammt schnell, doch sein Gegner ist noch agiler. Er entwaffnet ihn, indem er ihm grobschlächtig einige Schläge reindrückt. Dann packt er ihn blitzartig am Kragen und – verdammt, was hat der Kerl nur genommen?!

Als würde Fernando nichts wiegen, hebt der Hellraiser ihn hoch und wirft ihn dann quer durch den Schankraum. Fernando segelt – ja, segelt! – durch die Luft und kracht dann mit dem Gesicht voran in einen leeren Rundtisch. Der ganze Schlagabtausch hat nicht länger als zwei Herzschläge gedauert.

Luna erreicht die beiden, unmittelbar bevor Fernando geworfen wird. Mit zwei Pistolen bewaffnet, wirbelt sie auf ihn zu und – Es knallt, als ihr eines der Schießeisen aus der Hand fliegt. Ich sehe den Hellraiser-Scharfschützen sein Gewehr absetzen.

Er hat nur ein Ein-Patronen-Gewehr! Also nicht nur Standardausrüstung. Das ist ihre Schwachstelle! Luna ist nur halb entwaffnet. Sie kann weder Fernandos Flug noch seine unsanfte Landung verhindern, aber sie ist – wenn auch nur für etwa zwei Sekunden – nicht in Gefahr. Ein Zeitfenster! Ein erbärmlich kleines, aber ein Zeitfenster. Ich schieße voran – wahrscheinlich liegt es am Aufputschmittel, denn ich schaffe drei Meter zur Seite in – ach, keine Ahnung. Meine Hand schnellt zum Gürtel, meine Finger erwischen den Griff eines Wurfmessers. Als ich werfe, denke ich an den Mann, der mich im Hinterhof mit der gleichen Waffe töten wollte. Ihr steht auf Klingen, was? Die hier wirst du lieben! Der Scharfschütze stößt einen schrillen Wutschrei aus und lässt sein Gewehr fallen. Die Klinge, fast zehn Zentimeter lang, steckt bis zum Griff in seinem Oberarm.

Jetzt – Luna helfen!

Der Hellraiser, der Fernando geworfen hat, hat sich ihr völlig ungerührt zugewandt. Er weicht zwei schnellen Schüssen aus, dann ist er bei ihr. Sein – ebenfalls gezahntes – Messer wird sie an der Seite erwischen, knapp unterhalb ihres noch zum Schuss erhobenen Arms. Ich kenne diese Bewegung aus unzähligen Übungskämpfen.

Mit dem Mut der Verzweiflung springe ich vorwärts und reiße ihn um – zumindest ist das mein Plan. Stattdessen wirbelt mein Ziel plötzlich herum, vollführt eine halbe Drehung und erwischt mich mit einem Handkantenschlag von hinten. In dieser flüchtigen Bewegung steckt so unfassbar viel Kraft, dass ich nicht fassen kann, was passiert ist. Meine Nase ist gebrochen. Und ich spucke Blut. Der Fußboden ist ganz in meiner Nähe. Ich kann den Dreck verschimmelnder Essensreste förmlich schmecken. Der Hellraiser hat mich mühelos niedergeschlagen. Finger verkeilen sich in meinem Nacken. Wie ein totes Kaninchen werde ich vom Boden hochgezogen. Um mich herum immer noch Schreie. Sind mehr als ein paar Sekunden vergangen?

Luna!

Ich schlage um mich, doch mein Peiniger wirft mich auf den Rücken wie ein bulliger Straßenschläger, der einen Grünschnabel zusammenschlägt. Bevor ich wieder aufstehen kann, kassiere ich einen wuchtigen Tritt ins Gesicht. Weiß der Teufel, warum diesmal nichts bricht. Muss mich wehren!

Der Hellraiser beugt sich zu mir runter, die Finger offensichtlich um den Griff von irgendetwas geschlossen. Klinge.

Muss – wieder ein Tritt. Eigentlich müsste ich längst ohnmächtig sein, aber Fernandos Droge pumpt erbarmungslos weiter Adrenalin durch meinen Körper. Ich zappele, ich spucke und speie wie tollwütig, doch der Hellraiser kommt immer näher.

Dann ein Knall, und noch einer, und ein Sprühregen aus roten Punkten! Der Kerl landet auf mir. Instinktiv schiebe ich ihn von mir weg, schlage und trete um mich, doch er wehrt sich nicht mehr.

„John, steh auf!“, ruft Luna, die auf einmal neben mir auftaucht. Irgendwie schaffe ich es.

Noch einer übrig. Er steht uns gegenüber. Hinter ihm – Fernando! Er steht tatsächlich wieder. Ich erkenne seine Silhouette. Er hat sich aufgerappelt, geschossen und fast zeitgleich mit Luna einen Volltreffer gelandet. Daher der zweite Knall!

Ich zwinge meinen zitternden Körper dazu, einen Moment stillzuhalten. „Weiter?“, bringe ich hervor. Bei jedem Wort schmecke ich Blut.

Eisiges Schweigen.

Wo ist der Scharfschütze? Ich sehe ihn nicht mehr. Der letzte Hellraiser rührt sich nicht. Mir ist, als würde sein Blick auf mir ruhen.

„Ich glaube, du hast die Botschaft verstanden, John.“ Der Chevalier! „Ich verschone diese Verschwendung von Leben, die du Freunde nennst.“

Fernando ist offenbar nicht der Ansicht, ihn dafür ebenfalls verschonen zu müssen: Er stürmt vor, wahrscheinlich unbewaffnet – und der Chevalier wirbelt herum, fängt den ersten Schlag ab und rammt ihm den Ellenbogen ins Gesicht. Fernando bricht zusammen. Nicht mal die Droge kann ihn noch wachhalten.

„Das hier muss nicht noch weiter gehen“, fährt mein Erzfeind ungerührt fort. „Überleg es dir, John: Du kannst bei diesen Dilettanten bleiben, dann seid ihr früher oder später alle tot. Denn dann werden wir wieder und wieder aufeinander treffen. Oder du kommst mit mir, und deine Freunde werden leben.“ Pause. „Triff mich in der Walton-Jonah-Bay, wenn du es dir anders überlegen solltest. Und mach dir keine Illusionen: Du kannst mir nicht entkommen.“

Dann ist er verschwunden. Wieder. Die roten Flecken, die seine Körperwärme markieren, verschwinden einfach.

„John?“ Das ist Luna. Sie steht neben mir.

„Sieht aus, als –“, bringe ich hervor.

„Ja.“ Dafür, dass auch sie unter Droge steht, ist ihre Stimme ungewöhnlich ruhig. „Und jetzt musst du dich entspannen.“

„Wie meinst du –“ Dann verliere ich das Bewusstsein. Anderthalb Minuten Hölle sind vorbei.

 

… Fortsetzung folgt

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