Wenn Worte meine Sprache wären…

von Natalie Meyer

… meiner Meinung nach eine der wenigen ansprechenden Textzeilen des Popsternchens Tim Bendzko. Ich dachte eigentlich immer, dass Worte meine Sprache wären. Schließlich schreibe ich ständig – für die Uni, für die Literalisten, für Zeitungen und natürlich für mich selbst. Was es aber wirklich bedeutet, wenn Worte meine Sprache wären, das erfahre ich in diesen Tagen zum ersten Mal. Denn ich habe eine Kehlkopfentzündung. Zugegebenermaßen: Ich bin selbst dran schuld, habe bei einem Konzert am Freitag meine sowieso schon angeschlagene Stimme überfordert. Und es war leider geil.

Jetzt ist es allerdings nicht mehr so geil, denn ich darf seit Samstag kein Wort sprechen. Ich kommunziere nur noch über Worte. Meistens schriftlich hingekrakelte Notizen auf einem Block – praktischer als Handy oder Laptop, aber nicht wirklich schneller. Worte sind jetzt meine Sprache. Ich fühle mich ein bisschen wie Arielle, denn auch sie hatte ja keine Stimme, nachdem die böse Seehexe Ursula sie ihr im Deal gegen Beine genommen hatte. Nur der „Kuss der wahren Liebe“ konnte sie befreien. Hoffen wir mal, dass das bei mir nicht auch nötig sein wird.

Man nimmt seine Umwelt jedenfalls viel bewusster war, wenn Worte die einzige mögliche Sprache sind. Ich überlege jedesmal auf den Punkt genau, was ich überhaupt sagen will. In größeren Runden kann ich meistens nicht schnell genug folgen, sodass meine Kommentare meistens ein bis zwei Minuten zu spät kommen. Ich bin beeinträchtigt, kann nicht mithalten. Gleichzeitig bin ich ständig auf die Hilfe anderer angewiesen oder vielmehr auf die Aufmerksamkeit anderer. Man muss sich nun mit mir Zeit nehmen, auf mich eingehen. Gleichzeitig muss ich nicht mehr jedem meine Aufmerksamkeit schenken. Kassiererinnen lächle ich nur an – die dann doch etwas verdutzt schauen, wenn das freundlich-aggressive „Guten Morgen“ oder „Danke“ oder „Auf Wiedersehen“ nicht erwidert wird. Auch auf der Straße bin ich keiner Gefahr ausgesetzt. Keiner kann mir was, ein gequälter Blick und die Hand auf den mit Schal bedeckten Hals reichen. Als mich heute morgen ein älteres Ehepaar nach dem Weg zum Siegener Bahnhof fragt, und ich wie eben beschrieben reagiere, bekomme ich sogar Mitleid. „Och Hermann, das arme Ding hat ja gar keine Stimme“. Der allerschönste Vorteil ist aber: Ich kann keine Sprachnachrichten mehr auf Whatsapp verschicken. Stattdessen schicke ich auf jede Sprachnachricht einen gewaltigen Berg an Lettern zurück. Das ist zwar weniger nerviger, weil ich nicht ständig mit mir selbst reden muss, aber es macht mich auch melancholisch, ständig die Stimmen von anderen  zu hören. Die haben noch eine.

Ohne Stimme macht nichts mehr Spaß. Ich kann nicht mehr singen, ich kann keine Witze mehr reißen – selbst das Lachen fällt schwer und beansprucht die Stimmbänder.

Weil Worte meine Sprache sind, ist meist nur das Kratzen des Kugelschreibers auf Papier zu hören. Manchmal setze ich Smileys dahinter, manchmal zeige ich meinen „Gesprächspartner“ das Aufgeschriebene und verforme mein Gesicht zum entsprechenden Smiley.

Wie es wohl wäre, mein gesamtes restliches Leben zu verbringen? Mit Worten als einzig mögliche Sprache? Ich kann es mir nicht vorstellen. Oder um es mit Bendzkos Worten zu sagen:

 „Ich bin ohne Worte ich – finde die Worte nicht. Ich hab keine Worte für dich.“

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *