von Minou Wallesch
Die meisten Flecken auf einem Schal stammen von Kakao. Oder vielleicht von Kaffee. Im Winter vor allem von Kakao. Es passiert, wenn man ihn an einem sehr kalten Wintermorgen noch mal eben stehend in der Küche in sich hineinschüttet, bevor man sich hinaus wagt, um sich behutsam unter die anderen morgendlichen Gestalten zu mischen. Oder es passiert, weil man sich schon hinausgewagt hat und sich ein bisschen Wärme erschlürfen möchte, während man auf eine Bahn wartet.
Flecken im Schal können schlimm sein und erinnern.Beim letzten Besuch bei meiner Mutter habe ich einen blaugemusterten Schal auf dem Weg nach draußen von der Garderobe genommen. Ihn schnell um meinen Hals geschlungen und den rauchigen, leicht süßen Duft nach Moschus und Zigaretten in meine Nase gesaugt. Warm eingepackt von Duft und Schal bin ich dann nach Hause gefahren.Heute tauchen auch Flecken auf meinem blaugemusterten Schal auf. Ab und zu. Von einem Kakao stammen sie nicht. Solche könnten allerdings noch hinzukommen, schließlich halte ich gerade einen Kakao in der Hand. Er dampft noch. Ich werde ihn vorsichtig schlürfen müssen. Vorsichtig und langsam. Ich halte mich hin. Außerhalb ist es schnell und laut und anders- in mir drin ist es nicht wie sonst. Es ist leer und voll gleichermaßen. Eine ängstliche Spannung gemischt unter eine lächerliche Starrheit, die mich hier stehen bleiben lässt. Die Hoffnung ist verflogen.
Gesellschaftlich gestresste Männer in dunklen Anzügen und einem seidigen Schal um den Hals, werden auf den Bahnsteig gespuckt. Statt eines Wollschals für ein bisschen mehr Wärme tragen sie Seidenschals. Neuerdings übernimmt der flatterige, seidige Stoff die Funktion der geraden, festen und leicht glänzenden Krawatten. Die Augen starr auf nichts gerichtet, hasten sie, ohne sich orientieren zu müssen, gleich zum nächsten Zug. Zu stark geschminkte Frauen mit schwarzem oder blondem Bob gehen großschrittig und auffallend aufrecht Treppen hinunter und hinauf. Gerade laufen zwei Jungen gefährlich nahe der Kante an mir vorbei.
Mein Telefon klingelt. Ich zögere. Die Menschen um mich herum schauen zu mir rüber. Das Handy liegt in meiner Hand. Es klingelt weiter. Eine ältere Frau neben mir guckt böse. Sie möchte gerne weiter vor sich hinstarren ohne das nervige Klingeln neben sich. Statt alle anderen und mich von dem Klingeln zu befreien, nippe ich an dem Kakao in meiner Hand und starre ebenfalls vor mich hin. Irgendwann hört es auf.
Ich könnte den heißen Kakao einfach in mich hineinschütten. Dann hätte ich einen erneuten Vorwand, um mich von meinem Sitzplatz auf Bahngleis 13 hin zum Kiosk unten in der Halle zu begeben, um mir eine kühle Flasche Wasser für meinen verbrannten Mund zu besorgen.
Ich blicke in den Zug, der an Gleis 13 gehalten hat. Linie 1. Durch eines der Fenster kann ich eine Frau sehen. Sie liest Die Zeit. Eigentlich ist Die Zeit viel zu groß für die Bahn. Sie verdeckt die Frau und ich verliere sie hinter den wöchentlichen Nachrichten aus den Augen. Nur ihre Löckchen kringeln sich hervor. Ab und zu wenn sie umblättert, sich für etwas neues entscheidet, erlaubt es Die Zeit einen Eindruck von ihrem Gesicht zu bekommen. Für was interessiert sie sich wohl am meisten? Das matte Rot ihrer Locken und die Ungeschminktheit ihrer Lippen lassen mich den Kulturteil vermuten. Wenn sie einen Mann hat, interessiert der sich wahrscheinlich für Wirtschaft. Sie teilen sich Die Zeit auf. In Kultur und Wirtschaft, zu Hause und Arbeit. Die Zeit nur für sie und die Zeit nur für ihn. Zeit für die Familie. Ich hätte heute keinen Kopf für Die Zeit und auch eigentlich keine Zeit. Bei meiner Mutter lag Die Zeit immer ausgebreitet auf dem Tisch. Kultur und Wirtschaftsteil durcheinandergeworfen. In Schnipseln durch die gesamte Wohnung verteilt. Für mich auf dem Flurtisch ein kleiner Stapel interessanter Artikel zum mitnehmen. Der Zug fährt weiter. Wieder einer. Es ist der vierte. Linie 1 kommt im zwanzigminütigen Takt.
Ich fühle mich ein bisschen wie ein Insekt. Eine Motte mit braungrauen Flügel vielleicht. Die puderigen Flügelunterseiten fest an den Körper gepresst. Eingesponnen in ein Netz. Ein Straßenbahnnetz. Ich komme mir wirklich ziemlich verwoben vor. Auf den Linienplänen in den Straßenbahnen finde ich mich meistens weniger zurecht. Ansonsten meistens schon. In letzter Zeit nicht mehr. Meine Spinne braucht sicher noch ein bisschen, bis sie zu mir gekrabbelt ist. Hoffe ich.
Mein Becher hat sich geleert. Aber mein Bauch ist zu leer, um sich ganz füllen zu lassen.
Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig sitzt ein Mann. Er hat eine rote Nase. Sie leuchtet zu mir herüber. Die Nase sieht ein bisschen deplaziert aus. Wie eine rote Clownsnase, nur dass sie dafür nicht rund genug ist. Meine Nase spüre ich nicht mehr seit der letzten Bahn.
Die Bahnsteige leeren sich. Ich wähle die Nummer meiner Mailbox und warte die standardisierte Ansage ab.
„Mari, wo bleibst du? Ich mach mir Sorgen. Hör mal….“ Ich nehme die Stimme von meinem Ohr. Linie 1 wird angekündigt. Ich überlege, es wie die beiden Jungs zu machen, mich nicht an die freundliche Ansagestimme zu halten und statt hinter der weißen Linie zu bleiben ganz nah am einfahrenden Zug zu laufen. Ob sie Angst hätten, ich würde noch einen Schritt weiter gehen?
Ich bin auf halber Treppe runter zur Halle, als ich den Zug halten höre. In der Halle riecht es gut. Sie backen die letzten frischen Brötchen für den Tag. Ich stelle mich gegenüber dem Backautomaten an die Wand. Es ist hier wärmer. Man kann beobachten, wie die Brötchen langsam ein bisschen plusteriger werden und Farbe bekommen. Ich möchte eines haben, warm, innen weich, duftig. Goldstücke steht auf dem Schild hinter dem Verkaufstresen. Als ich eines bestelle, will mir das Mädchen erst eines der kalten, alten Brötchen geben. Ich gucke ein bisschen traurig träumerisch zu den frischen rüber, die sie gerade aus dem Backofen gehoben hat. Sie versteht.
Das dritte Goldstück schafft es endlich, das leere Gefühl aus meinem Magen zu verdrängen. Meine Hände sind gewärmt und ich spüre meine Nase wieder. Ich stehe gegenüber dem Bäcker und lächle dem Mädchen im Verkaufsraum zu, bevor ich den Platz wechsle und einen erneuten Anlauf auf Gleis 13 nehme. Linie 1 fährt gerade ein. Es ist die letzte für heute. Ich zwinge mich ein bisschen näher zu gehen als zuvor. Die Tür öffnet sich. Es steigen sogar noch andere Leute mit mir ein, nachdem wir die Ankommenden haben aussteigen lassen, wie es sich gehört. Ich suche mir einen Platz am Fenster und hoffe, dass sich niemand zu mir setzt. Oder wenn, jemand mit Zeitung, damit ich einen Teil abhaben kann, um mich abzulenken. Jetzt hätte ich Zeit für Die Zeit. Nur der Kopf dafür würde mir immer noch fehlen. Es setzt sich niemand zu mir. Ich nehme meinen Schal ab und lege ihn neben mich auf die Bank. Es sind ein paar Farbspritzer darauf und Krümel von den Goldstücken. Die wische ich ab. Kakao ist keiner dazu gekommen. Die nassen Tropfen aus meinen Augen versinken schnell im blau gestreiften Stoff. Hinterlassen dunkle Flecken und trocknen wieder, während sich neben ihnen wieder welche kreisrund ausbreitet. Sie sind genauso nervig wie Kakaospritzer. Wenn einem Kakao auf den Schal getropft ist, kann man ihn ein bisschen drehen, dann sieht man die Flecken für den Rest des Tages nicht mehr. Nur irgendwann muss man ihn waschen. Meinen Kopf kann ich drehen, wenden und senken, meine Tränen sieht doch irgendwann wer.
Ich wünsche mir die Frau mit der Zeit in mein Abteil. Vielleicht könnte sie mir den Politikteil abgeben und ich könnte ein bisschen von den anderen Schrecknissen in der Welt lesen. Anderen als meinen eigenen Schrecknissen. Wenn Rena anruft – wenn Rena anruft weiß ich, was passiert ist, ohne, dass ich sie hören muss. Solange ich sie nicht höre, die Mailboxnachricht nicht bis zum Schluss in mein Ohr und von da aus in meinen Kopf dringen lasse, kann ich mich noch mit der Welt beschäftigen.
Solange kann ich sie noch sehen, besser wäre zu sagen: sie erkennen. Die kleinen Dinge, die wunderbaren. Wie das kleine Mädchen, das heute noch bevor der erste Zug ohne mich losgefahren war, mit seiner Mutter über die Straße hopste. Einfach so weil es ein schöner Tag war. Vielleicht waren sie eine Waffel essen gewesen und es hatte dazu einen dampfenden Kakao mit viel matt glänzender Sahne oben drauf bekommen.
Wenn Rena anruft, heißt das, ich werde nie wieder einen Kakao mit meiner Mutter trinken.
Aus dem Zugfenster sehe ich einen Baum im gelblichen Schein einer Straßenlaterne. Als wäre die untergehende Sonne im Lichtkegel der Laterne für die nächtlichen Menschen eingefangen worden. Der Baum hat nur noch wenige Blätter, man erkennt einen Wal. Es scheint, als wolle er noch ein wenig bleiben. An der nächsten Haltestelle steige ich wieder aus und laufe zurück. Neben dem Wal steht ein Stuhl. Ich werde ihm Gesellschaft leisten.