Vom Berg angezogen sein

Von Laura Schönwies

„Es ist alles so blass.“
„Es ist alles so verwirrend.“
„Es verläuft sich“, sagen sie.


„Oben hört das Ganze einfach auf. Wir wissen das. Wir kennen die Zahl. Wir kennen die Form. Das bleibt immer gleich und wird sich auch nicht ändern. Die Form engt ein. Man kann gar nichts richtig erkennen. Alles ist so schwammig. Das braucht doch kein Mensch“, sagen sie und lachen. Dann hauen sie ihren Klopper raus. Ein aberwitziges Wortspiel aus „verlieren“ und „siegen“. Es klingt so vorhersehbar und so hohl wie immer.
Mit ein paar Behauptungen scheint alles abgehakt zu sein. Wahrheiten werden aufgestellt und unangetastet auf einem Berg positioniert.
„Wie weit ist es denn noch? Ob es sich lohnt? Sie sagen doch, da kommt nichts mehr, das lohnt sich nicht. Sie sagen, sie wissen das.“
Weiter geht’s!
Ich halte inne: Ahhh, es lohnt sich schon – überall ein frisches Grün, eine herrliche Weite. Von wegen blass!

„Wir können nicht etwa im konservativen Sinne festgebunden sein.“
Paul Bonatz

Der Untergrund nimmt Konturen an. Die Markierungen werden kräftiger und deutlicher je weiter ich nach oben gelange. Ich berühre die weiße Farbe – sie fühlt sich hier ganz anders an als unten, viel fester. Immerhin schon einmal etwas!
Ob SIE das überhaupt auch schon einmal gesehen haben? Überhaupt selbst schon einmal ausprobiert haben? Ihn sich selbst übergezogen haben? Gespürt haben wie weich er ist – auf der eigenen Haut? Wissen sie wirklich wovon sie sprechen?
Ich lass mich nicht aufhalten.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern und verstehe die Freiheit aufzubrechen, wohin er will.
Friedrich Hölderlin

Ich bin gleich da.
Zwei Wege führen wieder nach unten- soll ich rechts oder links abbiegen? Soll ich wirklich aufgeben, alles, was ich bisher erreicht habe? Ist es besser einen Schlussstrich zu ziehen? Die Stimmen werden wieder stärker: „Lass es sein! Er ist viel zu groß für dich! Er passt dir nicht! Er steht dir nicht!“
Unschlüssig bleibe ich stehen und streife über eine Naht … Ich blicke auf:
Ja, ich will mein Ziel erreichen.
Oben angekommen, macht es plötzlich alles Sinn! Wenn die anderen das nur wüssten … Sie sind auch nie selbst bis ganz nach oben an den Ausschnitt gekommen. Was für eine herrliche Aussicht! Wäre ich ihrem Rat gefolgt, ja hätte ich einen der Wege wieder hinab genommen, so wäre ich ins Leere gelaufen! Ich wäre gefallen! Ihre Wege waren hohl. Sie sind wie ein Tunnel, eine Leere, die in einem Loch endet und in den freien Fall mündet.
Aber hier ist es warm. Ich fühle mich geborgen. Die Kälte von außen kann mir nichts anhaben.
„Freiheit ist das Element des Geistes (…)
In der Entscheidung gibt es keine Umwege!“
Adolf Reichwein
„Und, wie interpretieren Sie diesen Pullover?“
„Interpretieren?“
„Ja, die weiße Farbe wird doch nach unten hin immer blasser und die Konturen verschwimmen in der grünen Farbe. Alles endet irgendwo in der Leere und verschwimmt mit seiner Umgebung. Bedeutet das nicht etwa das Ende?“
„Ich lese ihn anders herum: Von unten nach oben!“
Dann breche mit meinem Kopf hindurch und fülle die Leere der Wege. Ich ziehe ihn mir über. Er verwuschelt mir das Haar. Mit einer schnellen Bewegung meiner linken Hand führe ich mir die Strähnen nach hinten über den Kopf und puste ein Haar aus meinem Gesicht. Mit beiden Händen ziehe ich ihn am Saum zurecht und glätte seine Falten. Durch eine komplizierte Verrenkung ziehe ich mir die Kapuze in eine ordentliche Position. Meine Lippen kräuseln sich zu einem Lächeln: „Ich trage ihn voller Stolz!“ Was für ein frisches Grün!

UNIVE
RSITÄ
TSIEG
EN1972

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