Protokoll einer Peinlichkeit vor großem Publikum

von Andreas Hohmann

– Audiotranskript, anonym eingereicht –

(Der protokollierte Wortlaut des folgenden Auszugs wird von der aufgenommenen Person vehement abgestritten.)

*Man hört den Dozenten reden* … vor diesem Hintergrund kann ich die Einschätzung des Kollegen zur AfD hier nur zurückweisen. *Pause* Ja, ich weiß, wie es Ihnen geht. Selbstverständlich ist es für Anfänger wie Sie zunächst ein kleiner Schock, feststellen zu müssen, dass die Lehrenden an der Universität auf Ihre Fragen durchaus unterschiedliche Antworten geben. Zumal keine dieser Antworten zwangsläufig richtiger ist als die andere. Sie müssen immer berücksichtigen, dass Sie hier nicht in der Schule sind, wo es nur eine richtige Antwort gibt, weil der Lehrer sie bestimmt. Und Sie sind hier auch nicht in den Firmen, in denen Sie später vielleicht angestellt sind, und wo es darum gehen wird, Konkurrenten auszustechen. Hier, liebe Studierende, sind Sie an der Universität. Hier sind Sie an einem Ort, an dem gegensätzliche Meinungen kontrovers diskutiert werden können, dürfen und sollten.

Mal nebenbei gefragt: Haben Sie die Aushänge auf den Gängen gesehen? Ich bin ja am Donnerstag zu einem öffentlichen Streitgespräch eingeladen. Dort werde ich eine Fachdebatte mit Prof. Dr. Hesebeck führen. Kennen Sie den Kollegen? Ja, müssten Sie eigentlich, der war ja auch auf der Erstsemestereinführung … Sie wissen schon, der Inhaber des Lehrstuhls für Gender und Diversity Studies hier an der Hochschule. Die meisten von Ihnen werden es noch nicht wissen, aber wir sind fachlich auf zwei völlig verschiedenen Ebenen unterwegs … was selbstverständlich nicht heißen soll, dass die eine besser ist als die andere. Ich sage immer: Man kann, darf und sollte an der Universität fachlich kontrovers diskutieren, ohne dass das persönlich werden muss. Diskutieren ohne diskriminieren, verstehen Sie?

Dazu fällt mir eine kleine Anekdote ein: Wissen Sie, neulich bin ich vom Campusradio interviewt worden. In diesem Zusammenhang kam unter anderem die Frage auf, ob ich diesem Rededuell mit Unbehagen entgegen sehe, weil Hesebeck überragende Qualifikationen mit dem Anschluss an aktuelle wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Themen verbindet, und ich dagegen nur … Na ja, und auch, weil er mehr Forschungsgelder eingeheimst hat als ich und alle meine wissenschaftlichen Mitarbeiter zusammen – aber das ist, seien Sie dessen versichert, wirklich nur ein unbedeutender Nebenkriegsschauplatz.

Die Antwort auf diese Frage ist mir selbstverständlich nicht schwer gefallen: NEIN! Nein, selbstverständlich nein!

Ja, bitte? Ja, fragen Sie. Dafür sind Sie hier.

Sie wollen wissen warum? Sie möchten wissen, warum ich keine Angst vor diesem Duell habe?

Na, junger Mann, ganz einfach: Weil, ähhhhh … na ja, schon allein deshalb, weil … Wie Sie ja wissen, geht es um eine wissenschaftliche Diskussion, in der es von HÖCHSTER Bedeutung ist, Argumente auszutauschen. Selbstverständlich kann jedes Ressort hier an der Hochschule auf seine Weise einen Beitrag dazu leisten, egal wie … absurd … diese zunächst auch anmuten mögen. Nehmen wir das konkrete Beispiel von Prof. Hesebeck.

Seien Sie versichert, dass ich die Arbeit des Kollegen sehr schätze, und dass auch sein neu geschaffener Lehrstuhl dazu beigetragen hat, die wissenschaftliche Landschaft an dieser Hochschule nachhaltig zu bereichern. Aber … der Lehrstuhl für Gender- und Diversity Studies? ALS MANN???

Also, im Vertrauen kann ich Ihnen sagen: Als der Typ das erste Mal in der Fakultät aufgetaucht ist, dachte ich mir nur so: ‚Ernsthaft? Hat der nichts richtiges gelernt?‘ Ich meine – diese Lehrstühle sind, das werden Sie überall feststellen, innerhalb kürzester Zeit aus dem Boden gestampft worden. Wundert Sie das? Ich meine, irgendwie musste die Hochschulpolitik ja mit der – Och, jetzt gucken Sie mich doch nicht so an! Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!

Ja, auch fachliche Differenzen gibt’s hier an der Uni. Seien Sie still! Sie können überhaupt nicht beurteilen, ob das nun fachlich oder persönlich ist. Ich und Persönlich-was-gegen-den-Kollegen haben! Das ist ja der Gipfel!

Das alles habe ich Ihnen selbstverständlich nur erzählt, damit Sie sehen: Wir müssen einander nicht lieben, um am Donnerstag sachlich miteinander diskutieren und gegenseitige Wertschätzung bewahren zu – Oh nein! Hesebeck!

Professoren-Modus aus! *Er rennt zur anderen Seite des Raums, wo sich eine Glasfront befindet, durch die man direkt auf das Campusgelände blicken kann. Er reißt ein Fenster weit auf und brüllt dem Kollegen Hesebeck, der sich unten auf dem Gelände mit einem Studierenden unterhält, lautstark zu* SIE WERDEN DEINEN ARSCH UNTER QUARANTÄNE STELLEN, WENN ICH MIT DIR FERTIG BIN! *Er schmeißt das Fenster wieder zu, bevor sich der verwirrte Hesebeck zu ihm umdrehen und ihn erkennen kann. Dann wendet er sich wieder seinen Studierenden zu* Selbstverständlich wird Ihnen diese Zwischenepisode nicht in Erinnerung bleiben. Vergessen Sie nicht: Sie wollen noch Kredits von mir haben.

Nein, Frau S., nein! Das war natürlich NICHT ernst gemeint. Diese kleine Demonstration sollte Ihnen nur vor Augen führen, dass persönliche Differenzen keinen Einfluss auf ein fachlich fundiertes, nach fairen Regeln geführtes … Was? Was schauen Sie mich so an? Ich versichere Ihnen, dass das Verhältnis zwischen mir und Prof. Hesebeck absolut professionell –

*Es klopft energisch an der Tür. Er geht hinaus, vergisst dabei aber, die Tür ganz zu schließen. So hört man ihn draußen hastig und in einem merklich kriecherischen Tonfall sagen* Ja, natürlich habe ich das gehört. Ja, wirklich eine absolute Unverschämtheit, hier so einen Zirkus zu veranstalten. Nein, ich kann Ihnen nicht sagen, wer das war. Mein Kurs und ich sind gerade erst in diesen Raum gekommen. Wir waren ja ursprünglich in J 234/5 eingeplant. Jedenfalls, als wir hier reinkamen, rannte dieser Störenfried gerade den Gang runter. Es tut mir leid, ich habe ihn nicht erkennen können. Ja, natürlich ist das entwürdigend. Ich kann Ihnen nur den Rat geben, verehrter Kollege, sich von diesem feigen und hinterhältigen Angriff auf Ihre Professionalität nicht unterkriegen zu lassen.

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