Jack

von Ankay

Als Jack den Raum betrat, schienen alle Gespräche mit einem Mal zu verstummen. Die Jukebox startete „Supermassive Black Hole“ von Muse, als würde sie die Anwesenheit des neuen Gastes spüren und untermalte durch die ersten Klängen des Rocksongs die beiden selbstbewussten Schritte, mit denen er den halben Raum durchmaß.

Seine Füße steckten in schwarzen, fast kniehohen Lederstiefeln, nicht die Cowboyart, sondern solche, die gut in die „Matrix“-Filme gepasst hätten. An jedem Anderen hätten sie vermutlich unpassend oder lächerlich ausgesehen, aber nicht an Jack Wrath.
In den Stiefeln steckte eine ebenfalls schwarze, kaum Raum für Fantasie lassende Lederhose, die von einem dunkelroten Gürtel mehr geziert als gehalten wurde. Jeder Zentimeter des glänzenden Stoffes schien ihm wie auf den Leib geschneidert zu sein, beinahe wie eine zweite Haut.
Der fast bodenlange, selbstverständlich schwarze, Mantel ließ den Körperbau des Mannes nur erahnen. Er war groß, größer wahrscheinlich als jeder Andere in der Bar, sein Rücken war breit, ebenso seine Brust, über die sich ein schwarzes Shirt mit der Aufschrift „Satan’s little helper“ spannte.
Alles an ihm schien groß zu sein – von den Füßen bis zu seinen Händen, die nun, als er sich zur Bar lehnte, um seine Zigarre im Aschenbecher auszudrücken, sichtbar wurden. An seinem linken Mittelfinger glänzte ein goldener Ring mit einem Pentagram-Emblem.
Sein Gesicht lag im Schatten eines breitkrampigen dunkelroten Cowboyhutes und wurde eingerahmt von langem, leicht lockigem schwarzem Haar, das dem Fremden über die Schultern fiel.
Man hätte ihn für gutaussehend, ja sogar attraktiv halten können, wäre da nicht der Moment gewesen, als er mit einer beiläufigen Geste seinen Hut aus dem Gesicht schob und den Kopf hob. Über sein kantiges Gesicht zog sich von der rechten Unterlippe bis zur linken Augenbraue eine tiefe, klaffende Narbe und weder die ausgeprägten hohen Wangenknochen, noch sein eigentlich recht hübsch geschwungener Mund, wenn man von seinem sehr missmutigen Gesichtsausdruck einmal absah, konnten diese Härte kompensieren.
„Was willst du hier?“, fragte der Barmann und man hörte deutlich, wie seine Stimme unsicher zitterte. Jacks Mund verzog sich als Antwort zu einem unverschämt herablassenden Grinsen, das seine überraschend weißen und wie es schien leicht spitzen Zähne entblößte.
Hatte er bisher den Blick beinahe desinteressiert auf einen unbestimmten Punkt an der Wand vor sich gerichtet, sah er nun zu dem jungen blonden Mann hinter der Bar, der sofort zur Salzsäule erstarrte.
Niemand konnte es ihm verübeln, denn das Furchteinflößendste an Jack Wrath war weder die 357er Magnum in seinem Gürtelholster, noch die Narbe auf seinem Gesicht. Sondern seine Augen. Sie waren schwarz, kein beruhigendes dunkles, warmes Braun, sondern tiefschwarz. Schwarz wie die Nächte, an denen sich niemand vor die Tür traut, aus Angst davor, was in der Dunkelheit lauert. So schwarz, dass die Pupille nicht von der Iris zu unterscheiden war. Und diese Augen schienen nur für zwei Arten von Blicken zu existieren: Den Blick, mit dem er dem Barkeeper angesehen hatte und der pure, ungehemmte Abscheu war und den, den er den Frauen schenkte, die er für sich ausgewählt hatte und mit dem er sie in seinen Bann ziehen und dazu bringen konnte, ohne Fragen und Zweifel alles für ihn zu tun.
Dann sprach er und seine dunkle, raue Stimme schien tief aus seinem massigen Körper zu kommen: „Ich suche Samantha.“

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *