Bezahlbares studentisches Wohnen in der Altstadt?

von Jan-Hendrik Schulz

Es nimmt immer weiter Formen an: Hörsäle im Karstadt-Gebäude, ein Studentenwohnheim im alten Kreisklinikum und weitere Immobilien bilden den Altstadt-Campus rund ums untere Schloss, im nächsten Jahr soll studentisches Leben und Arbeiten in die Oberstadt einziehen. Erste Pläne sind bereits fertig und die Arbeiten laufen.

Mehr als 300 Jahre war die als Hospital zum heiligen Geist in der Oberstadt gegründete Klinik für die Siegener ihr Stadtkrankenhaus, obwohl seit Jahrzehnten Kreisklinik. Diese Ära ist jetzt beendet und es beginnt eine neue: Der Altstadt-Campus, die Uni im Zentrum der Stadt nimmt Formen an. Neben Unterem Schloss und Karstadt-Gebäude spielt die Immobilie an der Kohlbettstraße eine zentrale Rolle bei der Umgestaltung der Oberstadt. Neben den vier Haupt-Standorten der Universität ist der Altstadt-Campus der erste, der zu großen Teilen nicht in öffentlichem Eigentum ist.

Zum Wintersemester 2014/15 soll der Lehrbetrieb am Altstadt-Campus aufgenommen werden, die ersten Studenten entsprechend im Sommer davor einziehen. 2000 Quadratmeter werden im alten Stadtkrankenhaus der Uni als Ankermieter für Büro- und Verwaltungsräume zur Verfügung gestellt, weitere 960 als Seminarräume. Für studentische Wohnungen, 47 Apartments an der Zahl, sind 1300 Quadratmeter vorgesehen.

285 Euro kalt
Die alten Patientenzimmer im 1. bis 4. Obergeschoss werden im Grundriss beibehalten und inklusive Nasszelle bezugsfertig umgebaut. Nach Aussage von Marc Christoph, Geschäftsführer der Eigentümergesellschaft SGFA, sind diese Wohneinheiten zwischen 24 und 34 Quadratmetern groß und werden für 9,50 Euro pro Quadratmeter vermietet. Bei 30 Quadratmetern wären das 285 Euro Kaltmiete, die Nebenkosten werden separat abgerechnet. „Wer viel heizt, zahlt viel“, sagt SGFA-Gesellschafter Reinhard Quast.

Laut Auskunft des Deutschen Mieterbunds (DMB) Siegen beträgt der Quadratmeterpreis für diese Lage derzeit 8,50 Euro für Neuvermietungen. Zum Vergleich: Die Mieten des Studentenwerks liegen für ein 25-Quadratmeter-Apartment inklusive Strom, Heizung, Internet und Autostellplatz 350 Euro – allerdings nicht mitten in der City. Die Uni müsse einen „ortsüblichen Preis für Büroflächen“ der Lage entsprechend zahlen, sagt Christoph, der das nicht in Euro und Cent bemessen wollte.

Detlef Rujanski, Geschäftsführer des Studentenwerks, sieht sich unterdessen mit Vorwürfen der Siegener Ratsfraktion der CDU konfrontiert, das Studentenwerk habe bei der Schaffung studentischen Wohnraums versagt. In Bezug auf das ehemalige Klinikum ist ihm definitiv kein Vorwurf zu machen: Das Studentenwerk wollte nicht die ganze Immobilie erwerben, sondern nur das ehemalige Bettenhaus. Außerdem wären dort nach Studentenwerks-Plänen 150 Wohnheimplätze entstanden. „Viele Studierende suchen nicht nach Einzelapartments“, so Rujanski, vielmehr seien Wohngemeinschaften deutlich gefragter. Die Landesregierung verweigerte aber 2,5 Millionen Euro zur Finanzierung, zudem trug der Rat der Stadt Siegen die Nutzungsänderungen des Park-Hotels zum Wohnheim (88 Plätze) und den Kauf der alten Jugendherberge (45 Plätze) nicht mit.

Irgendwann werden die Studis weniger
Jedes Jahr zum Wintersemester erhöht sich die Zahl der Studierenden kräftig. Die für ursprünglich deutlich unter 10.000 Studierende ausgelegte Uni platzt aus allen Nähten, die Verwaltung steuert mit der Errichtung des Altstadt-Campus‘ gegen. Man habe mit Blick auf den doppelten Abiturjahrgang im Vorfeld bereits mehr Erstsemester angenommen als möglich, um von der Welle in kommenden WiSe nicht zu hart getroffen zu werden, begründet das Rektor Holger Burckhart. Peu à peu wurde die Universität an immer mehr Studierende gewöhnt, nur ebbt die Zahl der Studierenden auf absehbare Zeit auch wieder ab. Die geburtenstarken Jahrgänge sind irgendwann durchs System geschleust, der doppelte Jahrgang passé – und was dann? Insofern vielleicht kein schlechter Schachzug, Immobilien in der Oberstadt nicht selbst als Anstalt der öffentlichen Hand zu erwerben, sondern „nur“ als Mieter einzuziehen.

13,5 Millionen Euro steckt die SGFA in die Immobilie, 5 Millionen Kaufpreis, 8,5 Millionen Baubudget. „Seit dem Kauf haben wir umfassende Voruntersuchungen durchgeführt“, so der SGFA-Geschäftsführer, Bauen im Bestand sei ein Mammutobjekt. Bauunternehmer und Anteilseigner Quast lobte die Arbeit der Bauleitung: „Bei jeder Wand und Decke mussten wir überlegen, was uns die Sanierung kostet“. Heizung, Elektro, Lüftung, Fenster und Böden würden von Grund auf saniert.

Weitere Flächen sind für vier rund 70 Quadratmeter große Mietwohnungen, weitere Büros sowie im Erdgeschoss ein medizinisches Versorgungszentrum vorgesehen. Angestrebt wird weiterhin der Kauf des Gebäudes des derzeitigen Gesundheitsamtes gegenüber der Klinik, das ebenfalls nach 2015 universitär genutzt werden soll.

Als eine der wichtigsten Strukturentscheidungen der Stadt seit Gründung der Uni lobten Landrat Paul Breuer und Bürgermeister Steffen Mues den Wandel. „Nicht der Steuerzahler, sondern die Investorengemeinschaft trägt Kosten und Risiko“, so Breuer, man sei froh, dass Akteure privater wie öffentlicher Hand dieses Vorhaben gemeinsam umsetzten. Mues: „Nicht nur die Oberstadt wird stärker vom studentischem Leben auf dem Altstadt-Campus geprägt, sondern die ganze Region.“

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