Prekäre Karrieren: Junge Wissenschaftler an der Uni

von Kathrin Wagner und Jan-Hendrik Schulz

Sie sind jung, sie sind motiviert, hochqualifiziert und sie werden an der kurzen Leine gehalten: Wissenschaftliche Mitarbeiter, wissenschaftliche Hilfskräfte und Lehrkräfte für besondere Aufgaben bilden den sogenannten akademischen Mittelbau, de facto aber das Prekariat der Uni. Alexander Wohnig und Fabian Deus engagieren sich für die Situation ihrer Kollegen.

Festanstellungen sind die Ausnahme, Zeitverträge die Regel, schlechte Bezahlung ist noch ein eher nachrangiges Problem: Obwohl hoch qualifiziert, befinden sich viele akademische Mitarbeiter an Universitäten in einer prekären Arbeitssituation.

Mit „wissenschaftlichem Mittelbau“ wird im Grunde alles zwischen Student und Professor bezeichnet, egal ob Studium gerade beendet oder bereits jahrelange Lehrtätigkeit und Forschungsreputation. Was sie eint, ist die Ungewissheit, ob und wie es nach dem Vertrag weitergeht. Allein an der Fakultät I der Uni Siegen sind das Dutzende Mitarbeiter.

Strukturelle Lücke

Im „Zusammenschluss der Mitglieder des wissenschaftlichen Mittelbaus (ZWM)“, so die offizielle Bezeichnung, sind wissenschaftliche Mitarbeiter, Lehrkräfte für besondere Aufgaben sowie wissenschaftliche Hilfskräfte organisiert, wie Fabian Deus und Alexander Wohnig erklären, die Sprecher des kürzlich gegründeten ZWM der Fakultät I. Wissenschaftliche Hilfskräfte sind im Unterschied zu wissenschaftlichen Mitarbeitern vorwiegend für Hilfstätigkeiten beschäftigt, Verwaltungsarbeit oder Studienberatung. Wissenschaftliche Mitarbeiter haben 30 Prozent Qualifikationsanteil, also forschen selbst, Lehrkräfte sind – wie der Name schon sagt – vor allem für die Lehre zuständig.

„Es gibt zwar Mittelbauvertreter auf Fakultätsebene, aber bisher bei uns kein eigenes Gremium, das Beschlüsse fasst oder berät“, erklärt Wohnig. „Wir wählen einen Interessenvertreter in den Fakultätsrat, aber es gab das Bedürfnis, sich darüber hinaus einzumischen, Einfluss auszuüben und wo es uns betrifft in die Uni-Politik einzugreifen.“ Es habe schlicht eine strukturelle Lücke gegeben, dauernd wurde etwas beschlossen, das den Mittelbau direkt betraf.

Im September noch keine Perspektive für Oktober

Als Gremium kann man bündeln und mehr Wirkung zeigen als ein Einzelkämpfer, so Deus. Hadern tun die meisten mit den Zeitverträgen: „Viele werden nur semesterweise verlängert“, sagt Wohnig. Im Grunde kann man sich dann noch nicht mal eine Wohnung nehmen und zum Pendeln vom bevorzugten Wohnort zur Uni reicht das karge Gehalt mitunter nicht. Mancher weiß im September noch nicht, ob er im Oktober weiter lehren darf.

Ein Problem für jüngere Wissenschaftler: Tätigkeiten, für die sie nicht angestellt sind. Je nach Anstellung hat man laut Wissenschaftszeitvertrag drei bis sechs Jahre Zeit zu promovieren, etwa ein Drittel der Tätigkeit ist der eigenen Doktorarbeit gewidmet. Im Alltag werden aber auch hoch qualifizierte Mitarbeiter für Verwaltungsaufgaben eingesetzt, die Uhr tickt trotzdem. Fabian Deus ergänzt: „Dauerstellen in der Lehre sind oft genug mit Leuten besetzt, die sich in ihrer Qualifikationsphase befinden.“ Durchaus möglich, weil die Unis nicht das „Risiko“ eingehen wollen, sich Lehrkräfte länger ans Bein zu binden und das Problem auf diese Weise von der Institution Uni hin zu den Nachwuchswissenschaftlern auslagern.

Paradoxerweise schrecken diese Aussichten den Nachwuchs nicht ab, im Gegenteil: „In bestimmten Fächern, Soziologie etwa, gibt es nur wenige Alternativen zur wissenschaftlichen Laufbahn“, weiß Wohnig. Die Reservearmee sei groß. „Unsere Hauptmotivation als Zusammenschluss des Mittelbaus ist die prekäre Beschäftigung“, bekräftigt Deus. Gerade auf den tieferen Levels gebe es kaum Aussicht auf dauerhafte Anstellung. Deus, Wohnig und ihre Mitstreiter wollen, dass Stellen für eine Daueraufgabe wie beispielsweise die Betreuung recht konstanter Studierendenzahlen auch dauerhaft besetzt werden. Bei sechs Seminaren pro Semester und Lehrkraft müssen 300 Studenten eine Leistung erbringen. Also müssen Prüfungen und Klausuren erstellt, durchgeführt und bewertet werden – und die Zahl der Studierenden sinkt keineswegs.

Studierende finden keine ihnen bekannten Dozenten mehr

Außerdem strebt die Politik mehr Promotionen an – bei gleicher Stellenzahl. „Wenn ich die Leute für eine Karriere ausbilde, muss ich auch für eine Perspektive sorgen“, so Deus. Denn auch für Studierende ist die ständige Fluktuation beim Lehrpersonal ebenfalls nachteilig: „Bei der Abschlussprüfung sind die Dozenten, deren Seminare man besucht hat, oft genug schon nicht mehr da“, kritisiert Wohnig. Nicht umsonst war eine zentrale Forderung des Bildungsprotests die Festanstellung junger Wissenschaftler.

Die Vollversammlungen des ZWM der Fakultät I werden nach Bedarf einberufen. „Es kann jeder mitarbeiten“, betonen Deus und Wohnig, die mit Daniela Fleiß als Sprecher fungieren. „Wir sind Interessenvertretung, Gesprächsrunde und Informations- und Anlaufstelle.“ Dazu hält die ZWM den Kontakt zu Gremien wie Dekanat und Personalrat und arbeitet mit dem Mittelbau-Vertreter im Fakultätsrat zusammen.

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