Briefkastenfirmen

von Marius Albers

Briefkastenfirmen – seit den Enthüllungen der „Panama Papers“ sind sie in aller Munde. Ich frage mich, wie man dazu kommt, für eine solche Firma zu arbeiten. Was macht eine gute Briefkastenfirma aus? Und wie sieht die Zukunft in dieser Branche aus? Dazu habe ich ein Gespräch mit Thomas Kolbe, dem Geschäftsführer der Max Knobloch GmbH in Döbeln geführt.

Marius Albers: Vorab ein paar organisatorische Fragen:Verwenden Sie ein Pseudonym oder darf ich Ihren richtigen Namen verwenden?

Thomas Kolbe: Das kommt natürlich ganz darauf an, wer fragt. Aber Sie als seriöser Journalist dürfen mich mit meinem richtigen Namen ansprechen.

MA: Vielen Dank, Herr Kolbe. Kann man es sich als Chef einer Briefkastenfirma überhaupt noch erlauben, öffentlich und unter eigenem Namen aufzutreten? Haben Sie nicht Angst, auf der Straße erkannt oder von den Behörden verfolgt zu werden?

TK: Ja, das ist zuweilen schwierig. Wir agieren ohnehin nicht öffentlich. Zuviele Emissionen, wenn Sie wissen, was ich meine. Mit den Behörden haben wir uns arrangiert und bekannt bin ich sicher eher nur in unserer Branche.

MA: Das leuchtet durchaus ein. Gut, dann wollen wir beginnen. Sie sind Chef einer Briefkastenfirma. Wie kommt man an einen solchen Job? Welche Qualifikationen sind erforderlich, gibt es eine spezielle Ausbildung?

TK: Das ist wie in vielen Wirtschaftszweigen. Eine gute wirtschaftliche Ausbildung ist immer von Vorteil. Ich selbst habe ein sehr praxisnahes Studium genossen und konnte danach auch gleich loslegen. Eine spezielle Ausbildung zum Chef einer Briefkastenfirma gibt es nicht, da wächst man eher rein, da es ja doch sehr spezifisch ist.

MA: Was macht eine gute Briefkastenfirma aus? Haben Sie ein Erfolgsrezept?

 TK: Oberstes Gebot ist die Kundenorientierung. Es ist immer wichtig zu wissen, welche Bedürfnisse der Kunde hat und sich danach auszurichten. Flexibilität ist wichtig und natürlich muß auch die Qualität der Angebote stimmen. Schließlich arbeiten auch unsere Kunden gewinnorientiert.

MA: Wie viele Briefkästen setzen Sie am Tag/in der Woche ab? Wer sind Ihre Kunden? Haben Sie eine spezielle Zielgruppe, etwa die oberen Zehntausend?

TK: Zahlen sind natürlich ein Branchengeheimnis. Zumal es für uns auch keine spezielle Statistik gibt. Aber es ist wirklich für jeden Geldbeutel etwas dabei. Man kann schon mit 20 Euro etwas erreichen. Unsere speziellen Angebote treffen aber auch den Geschmack der oberen Zehntausend. Das sind dann besondere Produkte, die kauft nicht jeder.

MA:Gibt es ein besonderes „Erfolgsmodell“ in Ihrem Geschäft? Welcher Briefkasten ist bei Ihnen der Renner?

TK: Besonderes erfolgreich sind wir mit unseren Einzelanfertigungen. Hier modifiziert der Kunde ein Standardmodell oder stellt sich sein Briefkastensystem nach seinen Bedürfnissen selbst zusammen. Das kommt besonders in Deutschland gut an.

MA: Gab es bei Ihnen schon Razzien? Oder Anfragen vom Staatsanwalt?

TK: Glücklicherweise noch nicht und ich hoffe, das bleibt auch so.

MA: Wie kommt es, dass Sie in den aktuellen Berichten gar nicht erwähnt werden? Haben Sie bessere Verschleierungstaktiken als die Kollegen in Panama?

TK: Wahrscheinlich ist unser globales Marketing noch nicht so ausgebaut. Wir konzentrieren uns derzeit auf Mitteleuropa und sind in Übersee eher punktuell aktiv. Damit sind wir wahrscheinlich noch etwas unter dem globalen Radar.

MA: Sie schreiben auf Ihrer Homepage von einem – ich zitiere – „lebendigem Markt“ und einem „Umsatzrekord“. Glauben Sie aufgrund der aktuellen Enthüllungen an einen Absatzeinbruch? Haben Sie eine Strategie für diesen Ernstfall?

 TK: Nein, eher im Gegenteil. Bad newsaregoodnews – wir erhoffen uns eine noch stärkere Nachfrage, nachdem gerade alle Medien aktiv auf uns aufmerksam machen. Natürlich gibt es aber immer eine Strategie für den Worst Case in der Schublade. Am besten bleibt sie da aber auch.

MA: Sigmar Gabriel fordert jetzt, Briekastenfirmen zu verbieten. Was halten Sie davon? Sind bei Ihnen nun Arbeitsplätze in Gefahr? Haben Sie selbst schon an Umschulung gedacht? Oder könnten Sie im Ernstfall Ihre Erfahrungen anderswo gewinnbringend einbringen?

TK: Wir sind mit der Politik schon im Gespräch zu einer Ausnahmeregelung. Das können wir in Deutschland ja ganz gut. Denn einmal Briefkastenfirma, immer Briefkastenfirma. Wir machen das schon seit 1869 und sind damit immer erfolgreicher. Und das soll auch so bleiben. Und ich möchte gern auch weiter Chef einer Briefkastenfirma sein und nirgends anders arbeiten. Wir haben schließlich noch viel vor.

MA: Ich bedanke mich für das Gespräch.

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