Der Morgenmensch

von Marius Albers

„Aussehen wie ein Morgenmensch, auch wenn man es nicht ist“ – mit diesem Slogan wirbt Nivea für das neue Men Sofort-Effekt Gel. Freilich lässt sich über die Wirksamkeit solcher Mittelchen trefflich streiten, überhaupt ist die Kosmetikindustrie sicher ein Feld für allerlei Diskussionswürdiges. Was mir hier jedoch besonders bemerkenswert erscheint ist die Tatsache, dass man überhaupt ein Mittel für den irgendwie absurden Zweck erfindet, wie ein Morgenmensch auszusehen. Denn Menschen sind von Natur aus sehr unterschiedlich was ihre Zeitideale angeht: Frühaufsteher, Morgenmuffel, Langschläfer, Nachtaktive und so weiter. Warum sollte man sich also die Mühe machen, zwanghaft auszusehen wie ein Morgenmensch?  Weiterlesen

… wenn sie der Hafer des Wahnsinns sticht

Siegfried Lenz‘ Roman Der Überläufer (Hoffmann und Campe 2016)

von Marius Albers

Kurz vor seinem Tod im Oktober 2014 vermachte Siegfried Lenz sein persönliches Archiv dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Unter den Dokumenten befand sich auch das Manuskript zu seinem zweiten Roman Der Überläufer aus den 1950er Jahren, den er jedoch aufgrund von Unstimmigkeiten mit Lektor und Verlag nie selbst veröffentlichte. Doch was im ersten Moment klingt wie der angestaubte Archivfund eines berühmten Autors, erweist sich bei der Lektüre als hochaktueller Stoff. Weiterlesen

STOP CETA!

von Marius Albers

STOP CETA Endlos viel ist schon in der TTIP-/CETA-Debatte gesagt und geschrieben worden, über Chlorhühnchen, geheime Verhandlungen mit demokratisch nicht legitimierten Wirtschaftslobbyisten, klagende Unternehmen vor privaten Schiedsgerichten, die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und was der Dinge mehr sind. Statt hier jedoch große Worte zu schwingen und der richtigen der beiden Seiten des Für und Wider eine Stimme zu geben, möchte ich an dieser Stelle einen Diskursbeitrag besonders hervorheben, der einige Originalität besitzt. Weiterlesen

Neulich an der Uni…

  • von Marius Albers

Vielleicht mag es ein wenig voyeuristisch klingen, doch ich kam vor einigen Tagen nicht umhin, ein Gespräch zwischen zwei Studierenden mitanzuhören, die neben mir an einem der Arbeitstische entlang des Weges zur UB saßen. Mit großem Stolz berichtete Person A (ich möchte hier eine explizite Geschlechtsnennung vermeiden), dass sie in ihrem fünften Semester nun endlich ihre Bachelorarbeit schreiben möchte. „Ich hab‘ auch keine Kurse mehr. Was soll ich denn sonst machen?“ Ein neiderfüllter Blick auf der Gegenseite. Wäre man doch selbst auch schon so weit! Ein Dozent übrigens riet dem Vernehmen nach, von diesem frühen Abschluss ab. „Ich hab aber doch schon alle Kurse, was soll ich denn sonst noch machen?“, so die empörte Antwort.

Ist die Uni denn so uninteressant? Bietet sie nicht so viel mehr, wenn man sich nur darauf einlässt? Der Begriff „Universität“ steht für die Gesamtheit, mithin für die Gesamtheit der Wissenschaften, die an diesem Ort gelehrt werden. Und dann soll es im Sinne einer Universität sein, dass man mal eben seine in der Studienordnung festgeschriebenen Kurse abschließt und damit fertig ist, ausstudiert? Das kann sicher nicht im Sinne des Erfinders sein. Humboldt würde sich wohl im Grabe umdrehen, wenn er das hören müsste. Auch dem (ich nehme ein möglicherweise nicht völlig beliebiges Beispiel) angehenden Ökonomen würde es nicht schaden, wenn er mal aus soziologischer Sicht erklärt bekäme, was ein bloß gewinnorientiertes Denken anrichten kann. Die Idee einer universalen Bildung ist jedoch leider völlig ausgestorben. (Ganz zu schweigen vom individuellen Reifeprozess, den ich hier etwas vernachlässige.)

Klar, ich weiß auch, dass Regelstudienzeiten Druck auf die Studierenden ausüben. Es ist zum Stigma geworden, wenn man sich nicht an die vorgegebenen Pläne hält, die jedoch nur für das eigene Fachstudium angelegt sind (und sich selbst dort durch absolute Zeitverknappung auszeichnen). Da bleibt kein Raum für den Blick nach rechts und links, und erst recht keine Zeit zum Denken. Schon Platon hat darauf hingewiesen, dass Geschwindigkeit und Denken nicht recht zueinanderkommen möchten. Die Muße als Tugend, das Nach-Denken, bleibt also im Turbo-Studium auf der Strecke.

„Ich habe schon 115 Punkte gesammelt.“ Punkte, das ist das neue Ziel der universitären Betätigung. Nicht mal mehr die ollen Kompetenzen, die bis vor kurzem noch ein wesentlicher Aspekt waren, sind noch wichtig. Und dass es bei einem universitären Studium längst nicht mehr um (umfassende) Bildung geht, braucht sicherlich kaum noch erwähnt zu werden. Bezeichnend ist folgendes, aus nämlichen Dialog: „Ich habe jetzt zur ersten Sitzung das Protokoll geschrieben, jetzt muss ich gar nicht mehr kommen.“ Was ist denn hier los? Und solche Leute bekommen am Ende als „Belohnung“ einen Universitätsabschluss geschenkt.

Arme Universität! Was wird dir nur angetan?

Ich mag -tage nicht

  • von Marius Albers

Gerade ist er vorbei, der Muttertag. Das bedeutet Entspannung im Mail-Postfach und auf den Straßen vor den Geschäften. Was verrät es über diesen Tag, wenn im Vorfeld per Mail zahlreiche Werbung ankommt? Wenn, ich nehme einfach ein beliebiges Beispiel, auf dem Plakat eines Schmuckherstellers vor einem Ring mit glänzendem Diamanten die einfache, beinahe rein konstative Äußerung „Am 8. Mai ist Muttertag“ prangt?

Wikipedia informiert, dass der Muttertag an der Wende zum 20. Jahrhundert in den USA geschaffen wurde, ursprünglich als Gedenktag und kirchliche Andacht für Mütter. Daraus wurde schließlich 1914 ein nationaler Feiertag in den USA. Die Etablierung des Muttertages in Deutschland geht auf eine Initiative des Verbands Deutscher Blumengeschäftsinhaber im Jahre 1923 zurück – also schon von Grund auf durchkommerzialisert. In der NS-Zeit freilich wurde der Tag aus ideologischen Gründe missbraucht, was aber nicht dazu führte, auf die glänzenden Gewinne an diesem Tag in der Folge zu verzichten. Weiter lernen wir aus dem Artikel, dass der Muttertag nicht gesetzlich verankert ist und Wirtschaftsverbände für das Datum verantwortlich sind: Fällt Pfingsten auf den zweiten Sonntag im Mai, dann kann der Muttertag um eine Woche verschoben werden, da an Pfingsten in einigen Bundesländern keine Läden öffnen dürfen. Da bleibt dann wohl nur noch der Weg zur Tankstelle …

Schön wäre es, den Tag zu Nutzen um ein wenig zur Ruhe zu kommen, doch der Geschenkstress setzt einem vorher schwer zu. An jeder Ecke wird auf die Notwendigkeit eines Präsents hingewiesen. Statt innezuhalten, um in unserer schnelllebigen Welt einmal kurz zu verschnaufen und sich wirklich um diejenigen zu kümmern, die man mit Geschenken abspeist. Die Kommerzialisierung macht vor -tagen nicht halt, und wir gehen fleißig mit. Muttertag, (der etwas unselige) Vatertag, Valentinstag, die Weihnachtstage – immer wieder ein Anlass, in den Laden zu stiefeln und Geld auszugeben.

Vielleicht braucht es gar nicht so viele -tage. Wäre es nicht schön, wenn man auch ohne ein festes Datum mal an seine Mutter denkt? Müssen wir heute noch an diesem Konstrukt festhalten, das der Handel geschaffen hat und das sicherlich keinem anderen Zweck dienen soll, als den Konsum anzukurbeln? Wie gesagt, ich mag -tage nicht.

Spielstraße

von Marius Albers

Wer kennt es nicht, das Zeichen 325.1? Auf dem blauen Grund bringt der Vater dem Sohn die Grundlagen des Dribblings bei, und zwar mitten auf der Straße. Dahinter steht ein Auto und wartet vermutlich, dass der Ball ins Aus in Nachbars Garten fliegt. Klar, jeder kennt das Schild, laut Straßenverkehrsordnung zeigt es den Beginn eines verkehrsberuhigten Bereiches an, oder auch volksmündisch: eine Spielstraße, wie die nette Szenerie illustriert. Die Polizei informiert, was in einer solchen verkehrsberuhigten Zone für Regeln gelten, hier ein paar winzige Ausschnitte für alle Autofahrer, die in der Fahrschule einmal mehr gepennt haben: Weiterlesen

Briefkastenfirmen

von Marius Albers

Briefkastenfirmen – seit den Enthüllungen der „Panama Papers“ sind sie in aller Munde. Ich frage mich, wie man dazu kommt, für eine solche Firma zu arbeiten. Was macht eine gute Briefkastenfirma aus? Und wie sieht die Zukunft in dieser Branche aus? Dazu habe ich ein Gespräch mit Thomas Kolbe, dem Geschäftsführer der Max Knobloch GmbH in Döbeln geführt. Weiterlesen

Wo ist da der Sinn?

von Marius Albers

Der Ökonom Hans-Werner Sinn, gerade in seinen letzten Amtswochen als Leiter des ifo-Instituts (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung) und regelmäßiger publizistischer Beiträger etwa zur Eurokrise, hat nun der Frankfurter Neuen Presse ein Interview zur Flüchtlingssituation gegeben. Was er dabei gesagt hat, sollte in keinem Fall unkommentiert bleiben, gerade auch wegen der großen Popularität des Interviewten und der damit verbundenen Reichweite seiner Äußerungen. Weiterlesen

Kommen Sie nicht nach Europa

– von Marius Albers

Als ich am Freitag beim Frühstück saß und mein morgendliches Müsli mampfte, schlug ich die SZ auf und hätte beinahe den gerade eingenommenen Löffel über die Titelseite gekotzt: „Tusk: ‚Kommen Sie nicht nach Europa‘“, so prangt es auf der ersten Seite. Liest man weiter, bleibt der Brechreiz bestehen. Zwar richtet sich seine Kritik „nur“ an Wirtschaftsflüchtlinge, wie der Artikel gleich mehrfach betont. Aber dennoch: Der offene Appell, nicht nach Europa zu kommen, zeugt von zweierlei: Einmal wird den nationalistischen Strömungen europaweit mittlerweile immer mehr nach dem Mund geredet. Zum anderen zeigt sich die Wahrung des Status Quo als oberstes Ziel. Wir sind die Reichen, uns geht es gut, und wir möchten unseren Wohlstand, obwohl er auf dem Rücken der Armen ausgetragen wird, mit niemandem teilen. Bleiben Sie da, wo Sie sind, und sorgen Sie dort dafür, dass es uns noch besser geht, vielleicht wäre das ein treffender Satz für den EU-Ratspräsidenten Donald Tusk.

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Grenzen

– von Marius Albers

Wenn es um Grenzen geht, dann sind die Deutschen sehr akkurat. Gerade in diesen Zeiten wird das wieder besonders deutlich, das merke ich auch bei meinem Weg durch die verschneiten Straßen. Der Bürgersteig erinnert dabei streckenweise an einen lausig geplanten Zebrastreifen: Dunkles, feuchtes Pflaster wechselt sich in unregelmäßigen Abständen mit weißem, zertrampeltem Schnee ab. Doch eins fällt auf: Die weißen Grenzen sind erstaunlich gerade. Wie an der Schnur gezogen, mit großer fachmännischer Präzision beendet man den erforderlichen Räumdienst an der eigenen Außengrenze. Hausaufgabe erledigt. Doch wohin mit den anfallenden Massen? Am besten schaufelt man sie beim Nachbarn auf die Wiese, soll der zusehen, was er damit macht. Ich bin gespannt, wann die ersten Grenzschützer mit der Schneeschaufel bewaffnet entlang der Schneekante patrouillieren und jede neue Schneeflocke wieder abschieben. Weiterlesen