Der Einparkkönig als Held des Lokaljournalismus

Im zweiten Teil des Interviews von Nicole Schwertner verrät André Schweins, Chef der „Westfalenpost“-Lokalredaktionen, wie seine Zeitung auf die Konkurrenz aus dem Internet reagiert.

Wie sieht Ihre Zielgruppe aus? Haben Sie speziell etwas für junge Leute entwickelt?
Klar, wir fangen ganz jung an. Wir haben jeden Tag eine Kinderseite im Blatt, die „Kinderpost“. Wir haben im Lokalteil die Seite „Junge WP“, die ganz unterschiedlich bespielt wird. Diese Seiten sind auch stark bei älteren Menschen nachgefragt, wie wir herausgefunden haben. Umgekehrt machen wir keine extra Seniorenseite. Es ist richtig: Je älter unsere Leser sind, desto mehr hat man das Gefühl, dass sie unsere Zeitung intensiv und detailliert lesen und diese zu rezipieren wissen. Aber wir merken genauso, dass junge Leute uns wahrnehmen.

Was tun Sie dafür, die Leser aktiv einzubinden?
Wir binden die Leser auf verschiedenen Ebenen ein. Wir haben im Print jeden Tag im überregionalen Teil eine „Frage des Tages“. Dazu sind immer vier Köpfe mit vier Meinungen gefordert. Zum Beispiel zur Frage: „Kann man die Tour de France ohne Doping überstehen?“ Wir walzen das gerade auf Social Media aus. Wir sind bislang mit vier Lokalredaktionen bei Facebook unterwegs. Facebook kann man unter anderem dazu nutzen, eine schnelle Umfrage zu machen. Diese Facebook-Aktivitäten generieren natürlich auch Geschichten.

Welche zum Beispiel?
Bei Ihnen an der Uni haben der Einparkkönig und seine Kritikerin für unheimlichen Wirbel gesorgt. Das ist bei Facebook gestartet, wir haben es in Print und online gespielt. Wir hatten 48.000 PI (Page Impressions) binnen weniger Stunden. Unsere Regio-Onliner aus Essen sagen, es gibt nur ganz wenige Geschichten in den vergangenen sechs bis sieben Jahren, die so schnell so viele Page Impressions generiert haben.

Was sind die Funktionen des Lokaljournalismus?
Wir haben uns quasi eine eigene DNA für unsere Zeitung gegeben, weil wir in ländlichen Räumen unterwegs sind. Da liegen die Einwohnerzahlen bei maximal 60.000 – Hagen und Siegen sind da ein Stück weit außen vor. Wir setzen auf Werte, ohne konservativ zu sein. Das Schützenfest ist so ein Thema, darüber kann man die Nase rümpfen. Aber es steht für Werte, die einer Region wichtig sind. Wir setzen außerdem auf Anregung. Wir sind stolz auf das, was wir als Region zu leisten im Stande sind. Wir müssen das anregend-aktivierend darstellen. Dialog ist besonders wichtig: Wir müssen Dialog schaffen, Dialog bündeln und Dialogpartner sein.

Was hat sich in den vergangenen zehn Jahren optisch und inhaltlich verändert?
Medien werden heute insgesamt anders konsumiert als früher. Da hat sich schon viel getan, um den Blick abzuwenden von der reinen Nacherzählerei hin zu anderen Erzählformen. Stilmix ist uns sehr wichtig, also Interviews, Kommentare, …

… und Reportagen?
Ja, auch das. Wobei man das immer differenziert sehen muss. Lesegeschichten sind schön und gut und auf Reportagen legen wir sehr großen Wert. Aber weiter vorne lieber Hartes, Relevantes, was wichtig ist für die Menschen an ihrem Standort.

Wie sieht’s aus mit der Konkurrenz durch Heimatblogs oder Portale wie „wirsiegen.de“?
Ja, das gibt es. Das gibt’s in Siegen und auch quer durchs Sauerland. Das gibt’s sogar teilweise schon in Dörfern. Es gibt mitunter sehr gut gemachte Vereinsseiten, die fast schon eine solche Funktion übernehmen. Darauf achten wir sehr genau. Deswegen sind auch wir online unterwegs. Da muss man intelligente Antworten finden. Man muss Themen setzen, wie mit dem Einparker, denn sonst läuft es über Ihre Studentenblogs. Wir müssen uns dort tummeln, da führt kein Weg dran vorbei. Wir können nicht sagen: Das ist aber blöd, da machen wir jetzt nicht mit. Wir würden die Meinungsführerschaft verlieren. Diesen Bereich der Diskussion, die wir ja anregen und mit den Menschen aus der Region führen wollen.

Wie sieht Ihr Online-Auftritt aus?
Wir haben einen Auftritt: www.westfalenpost.de. Der hat eine Dachseite, die von zentraler Stelle mit nationalen Nachrichten bespielt wird. Und wir haben dann für jeden unserer Standorte eine eigene Seite.

Seit wann sind Sie online?
Ende 2004 haben wir in Menden und Meschede eine Pilotphase mit zwei Redaktionen der „Westfalenpost“ gestartet. Das war Pionierarbeit. Wir haben das dann ausgeweitet auf alle Redaktionen der „Westfalenpost“.

Worin liegt die Chance für den Lokaljournalismus?
Wie gesagt: Was wir können, können nur wir! Das klingt erst mal plump, naiv und eindimensional. Die Chance für den Lokaljournalismus besteht darin, relevante Nachrichten aus der Umgebung zu generieren und solche zu publizieren, die ein bisschen mehr als den eigenen Gartenzaun im Fokus haben. Die müssen dann so gut sein, dass sich die Menschen dafür interessieren. Unsere Gesellschaft hat sich so gewandelt, dass mich erst mal mein Leben bis zum Gartenzaun interessiert – und dann noch das bis zur Straßenecke …

Ihre Zukunftsprognose für die Lokalzeitung?
Die Relevanz der Nachricht bestimmt die Qualität einer Zeitung. Relevanz heißt nicht nur harte Nachricht. Relevanz heißt auch Lesegeschichte oder Reportage. Es gilt in meinem Bereich, in meiner Stadt, wo meine Ausgabe erscheint, das Gefühl zu erzeugen: Ich muss diese Zeitung lesen – auf welcher Ausspielform auch immer –, um zu wissen, was hier los ist und wie es einzuordnen ist. Dann werde ich als Lokaljournalist, als regionale Tageszeitung Erfolg haben. Hänge ich nur dem Verlautbarungsjournalismus nach, wird das nicht funktionieren. Ich werde bei Unfällen sofort an alle Ausspielungskanäle denken müssen. Wir müssen bei Ihnen im Kopf sein. Das ist sicherlich eine Herkules-Aufgabe. Aber sie ist zu bewältigen. Und sie macht unendlich Spaß!

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