Die Formel stimmt – und ist doch nicht richtig…

von Lisa Maria Pilhofer

Vergangene Woche hat das Siegener tollMut-Theater Georg Kaisers Stück GAS aufgeführt. Mit der Wahl des Vortex als Veranstaltungsort wurde auch die passende Atmosphäre für das Szenario des Theaterstücks geschaffen: enger Raum, schwarze Wände und eine kleine Bühne, die das tollMut-Ensemble voll ausnutzte. Besonders eindrucksvoll und passend war auch die benutzte Technik. Es spielte zwischendurch nicht nur düstere Musik, auch das gedämpfte Licht betonte die dunkle Stimmung des Stücks, aber vor allem der Einsatz von Gas (also ganz ungefährlicher Kunstnebel) unterstütze die bedrückende Atmosphäre, die dem Stück innewohnt. Denn es geht um Gas, um Giftgas, das bei einer Explosion (wunderbar mit einem Knall und sofortiger Dunkelheit im Raum inszeniert) freigesetzt wird, die ganze Umgebung verseucht und tausende Opfer fordert. Ein Horrorszenario, wie man es von Tschernobyl und Fukushima kennt, deren Folgen immer noch nachwirken. Die Situation in GAS ist somit nicht nur realistisch, sondern auch aktuell – und sehr kritisch.

Einerseits steht das Gas für Energie, für Fortschritt, für den Sieg des Menschen über die Natur. Gas schafft Arbeitsplätze und hält das Leben am Laufen. Andererseits steht es auch für die Zerstörung eben dieses Lebens, dem menschlichen Versagen und der Unbändigkeit der Natur.

Und wer ist schuld an der Katastrophe? Wer kann für das zerstörte Gaswerk, der Vernichtung von Menschenleben und der Verschmutzung der Umgebung zur Rechenschaft gezogen werden? Man einigt sich auf den Ingenieur. Doch der beteuert, die Formel stimmte, so eine Explosion konnte nach den genauen Berechnungen gar nicht passieren, war absolut unmöglich. Dennoch ist es geschehen, dennoch war die Formel falsch. Obwohl sie richtig war.

Wie geht man mit den Konsequenzen um? Lernt der Mensch daraus? Der Milliardär, dem die Gaswerke gehören, ist überzeugt: So etwas darf nie wieder passieren! Das Werk muss geschlossen und die Umgebung der Natur überlassen werden. Was sie zurückerobert, muss unterstützt werden mit dem Bauen von Parks und Grünanlagen, dem Pflanzen von Bäumen. Doch er stößt auf Widerstand. Die Menschen, die Arbeiter, sie wollen das Werk zurück, sie wollen das Gas zurück. Gas bedeutet Energie, Gas bedeutet den Erhalt ihres Lebensstandards, Gas bedeutet Arbeit und Einkommen. Trotz der Verluste ist man der Meinung: die Formel stimmt. An der Katastrophe ist der Ingenieur schuld. Und auch der stellt sich quer. Er übernimmt zwar die Verantwortung für die Explosion, weigert sich aber deswegen den Fortschritt aufzugeben. Denn Fortschritt bedeutet Macht und die will man nur ungern wieder hergeben.

Schließlich lassen die Arbeiter den Ingenieur hochleben für seine Forderung, das Werk wiederaufzubauen, und sogar die Regierung sichert dem Milliardär ihre Unterstützung für das neue alte Werk zu. Am Ende sieht man den Milliardär verzweifelt und allein an seinem Tisch sitzen, über Skizzen von Grünflächen gebeugt, traurig und verzweifelt sich die Zukunft vorstellend. Während vorne auf der Bühne, dem Publikum zugewandt, der Ingenieur ein Plädoyer für den Fortschritt gibt.

Zugegeben, der Monolog des Ingenieurs zum Schluss ist schon fast zu lang, aber er fasst die Umstände noch mal gut zusammen. Das Stück stellt die üblichen Fragen, die man sich nach solchen Katastrophen stellt, ohne jedoch konkrete Antworten zu geben. Es endet zwar mit der Entscheidung, das Werk weiterlaufen zu lassen, lässt das Publikum aber auch mit genug Argumenten gegen diese Entscheidung zurück.

Überhaupt wurde das Publikum ins Geschehen miteinbezogen: Der Kunstnebel breitete sich nicht nur auf der Bühne aus, sondern darüber hinaus und umnebelte die Zuschauer. Mangels Bühneneingang und Bühnenfalltür nutzten die Schauspieler den Seiteneingang und sogar die Bodentür unter den Bänken, auf denen die Zuschauer saßen (die dann natürlich aufstehen mussten). Ebenso der Mittelgang zwischen den Sitzreihen wurde als Bühnenverlängerung genutzt – man war also mittendrin. Dialoge wurden teilweise geschrieen, was mitunter etwas anstrengend war, aber nochmals die Hilflosigkeit in der Situation betonte – immerhin ist gerade ein Werk explodiert. Passend war auch die Wahl der Kostüme, die offensichtlich an den so genannten steampunk angelehnt waren.

GAS ist ein gutes Beispiel dafür, dass Theater nicht nur der Unterhaltung dient, sondern auch zum Nachdenken anregen kann. Es zeigt, dass wir immer wieder mit ähnlichen Situationen konfrontiert werden, aber selten aus der Vergangenheit lernen und am Ende doch die falschen Entscheidungen aus vermeintlich guten Gründen treffen.

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