Erich Kästners Leben kompakt und zum Anfassen

von Lisa Pilhofer

Ich war vor einigen Wochen in Dresden. Da das Wetter nicht gerade zu Außenaktivitäten einlud – es war kalt, windig und regnerisch – verbrachte ich den Sonntag mit einem kleinen Kulturtrip. Ich ging ins Museum.

Aber nicht in irgendein Museum.

Dresden hat ein Erich Kästner Museum!

Und ich, als Student der Literaturwissenschaft und großer Liebhaber von Kästners Büchern, wusste bis dato nichts davon!

Das Erich Kästner Museum ist zudem auch ein besonderes Museum. Es befindet sich am Albert-Platz in der „Villa Augustin“, wo Kästner selbst früher oft verkehrte, da dort die Familie seines Onkels wohnte. Es ist eine recht kleine Villa, umgeben von einem Garten und einer Mauer. Nachdem man seine Kleidung und Taschen bei der Garderobe abgegeben hat, kann man sich aussuchen, ob man sofort die Ausstellung besichtigt oder davor noch eine kleine Einführung in Kästners Biografie und der Hintergrundgeschichte des Museums von den dortigen Ausstellern bekommt. Ich habe mich für letzteres entschieden und wurde nicht enttäuscht: Die Einführung beschränkte sich zunächst nur auf eine knappe Wiedergabe von Kästners Leben in Dresden, illustriert mit eiErichKästnerner kurzen Fotogalerie, die Kästners Haus aus Kindertagen und seine Familie zeigen. Dann wurde das Konzept des Museums vorgestellt. Das Museum selbst besteht nämlich nur aus einem einzigen Raum, in dem sich nichts anderes als schmale Wandregale mit bunten Schubladen befinden. Und dennoch hat Kästners ganzes Leben dort Platz.

Wie kann das funktionieren?

Das Erich Kästner Museum ist ein mobiles und interaktives micromuseum®, erdacht und erbaut von dem irischen Architekten Ruairí O’Brien. Die Wandregale kann man zu einem kompakten Quadrat zusammenstellen, das leicht zu transportieren ist und wenig Platz braucht, ohne die Exponate aus den Schubladen herausnehmen zu müssen. Dieses System ist O’Briens künstlerische Antwort auf die Frage, wie Museen angesichts von „Ressourcenknappheit, Globalisierung, kulturellen Identitätsfragen, generationsübergreifenden Bildungsanforderungen und neuesten wahrnehmungspsychologischen Erkenntnissen“ zukunftsfähig bleiben können. Denn nicht nur die Mobilität und die Kompaktheit des Museums sind innovativ. Es gibt keine festgelegte Reihenfolge, wie man sich die Ausstellung anschauen soll, der Besucher kann selbst entscheiden, wo er anfängt. Eine kleine Orientierungshilfe für die jeweiligen Interessen des Besuchers bieten die farbigen Schubladen: Die grünen Schubladen beinhalten Informationen über Kästners Biografie und seine Heimat, die roten enthalten Material zu Kästners Position in der Gesellschaft, die gelben beschäftigen sich mit Kästners Kinderliteratur und die blauen mit Kästners Verhältnis zu den Medien. Man kann sich also alles anschauen oder auch nur einen Teilbereich.

Beim Öffnen der diversen Schubladen fühlt man sich, als ob man bei Oma und Opa auf dem Dachboden oder im Keller eine alte Truhe mit Erinnerungen gefunden hat, in der man hemmungslos stöbern kann. In den Schubladen findet man Bücher – nicht nur von Kästner, auch von Autoren, die über ihn geschrieben haben und Autoren, die ihn beeinflusst haben –, Übersetzungen von seinen Werken (vor allem ins Japanische), Zeitungsartikel, Zeitschriften, Fotos (alle laminiert), CDs und was mir besonders gefallen hat: kleine Zettel mit Gedichten und Sprüchen von Kästner. Einige Schubladen sind auch leer, was das Stöbern noch spannender macht.

In der Mitte des Raumes steht eine Glasvitrine, die Kästners Mantel und Hut ausstellt sowie diverse andere Gegenstände, die man als einzige nicht anfassen darf. Auf der anderen Seite befindet sich ein Computer, an dem man noch mehr zu Kästner herausfinden und sogar ein Spiel spielen kann. Leider hatte ich dafür keine Zeit mehr gehabt. Denn man kann viel Zeit im Kästner Museum verbringen. Ob man sich nur die Fotos anschaut, die Zeitungsartikel liest oder sich die Hörspiele kurz anhört: Man verliert sich in Kästners Welt. Es ist viel zu lesen, aber ohne, dass es einem langweilig werden würde. Man findet immer wieder etwas Neues, das man noch nicht über Kästner wusste. Man bekommt kleine Einblicke in sein Privatleben, ohne dass es pietätlos erscheint. Und man freut sich besonders, wenn man Sachen liest, die man schon von ihm wusste, vor allem im Zusammenhang mit seinen Kinderbüchern. Kinder waren ihm wichtig und er hat sie stets ernst genommen, ohne zu beurteilen oder zu beschönigen. Und man merkt, wie sehr Menschen wie er unserer Welt fehlen.

Nachdem man sich die Ausstellung angesehen hat, kann man noch im oberen Stockwerk der Villa, wo sich ein kleiner Museums-Laden und ein Lesecafé befinden, etwas lesen, Bücher kaufen, und sich noch einen Kaffee und ein Stück Kuchen genehmigen.

Wenn man wieder geht, fühlt man sich ein bisschen, als ob der Besuch bei den Großeltern vorbei ist. Aber man weiß, dass die Kiste mit den Erinnerungen noch da ist und dass man immer wieder darin kramen kann.

 

Das Erich Kästner Museum befindet sich in der Antonstraße 1 (am Albertplatz), 01097 Dresden, erreichbar mit den Straßenbahnlinien 3, 6, 7, 8 und 11. Öffnungszeiten: Sonntag bis Freitag 10 – 18 Uhr (samstags geschlossen). Eintrittspreise: 4 €; ermäßigt 3 € (Familien, Gruppen und Schulklassen haben andere Preise)

Wer jetzt Lust bekommen hat, mehr über das Museum herauszufinden, der kann entweder sofort hinfahren :-) oder aber auf www.erich-kaestner-museum.de gehen. Für Studenten der Geisteswissenschaften (u.a. Literaturwissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Geschichtswissenschaft etc.) ist auch interessant: Man kann im Erich-Kästner-Museum ein Praktikum machen! Das Museum wird nämlich überwiegend von Praktikanten betreut. Mehr unter http://www.erich-kaestner-museum.de/service/praktikum/.

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