Fortsetzungsroman Kreuzfahrt

Kapitel 5

von Raphael Heumann

„You’re the real thing…“, murmelte Manuel Guitierrez seinem verschwitzten Spiegelbild zu. Er musterte kurz seinen aufgepumpten Körper und hievte die beiden gusseisernen Kurzhanteln wieder auf das Regal neben sich. Noch ein weiterer Blick auf die schwellende Bizepsader, ein weiterer Traubenzucker aus seiner Bauchtasche und es konnte weitergehen. „Even better than the real thing!“ In der Muskelstube seiner dominikanischen Heimatstadt hatten sie ihn zuerst wegen seines ungewöhnlichen Aufputschmittels aufgezogen. Nach ein paar Jahren jedoch hatte er alle überflügelt und seine Trainingskollegen eiferten ihm nach. Sie würden niemals seine Form erreichen, dachte Manuel und begann mit seinen Sit-Ups.

Als sich Eon Reichenbach wiederum im Bett seiner komfortablen Meerblickkabine aufsetzen wollte, gehorchte ihm sein dehydrierter Körper kaum. Als drücke ihn ein Sumo-Ringer mit all seiner Kraft zurück in die Matratze, wollte es dem sonst so aufgeweckten Studenten nicht gelingen aufzustehen. Sein virtuoses Gehirn, das unzählige Partituren von Debussy, Bach, Chopin oder Mozart seit frühester Kindheit abgespeichert hatte, fühlte sich an wie in einen Schraubstock eingeklemmt. Was für ein Mordskater, dachte er, schloss die Augen und bettete seinen dröhnenden Schädel wieder in die weichen Kissen. Dieser müde Entschluss war nicht mehr von Erfolg gekrönt als der Kampf gegen die Schwerkraft. Alles drehte sich. Seine Mundhöhle war staubtrocken. Und auf seiner Zunge brannte ein undefinierbarer bitterer Geschmack. Plötzlich nahm er auch die schaukelnden Bewegungen des Schiffes auf den karibischen Wellen um ein vielfaches deutlicher wahr. Sofort gewann er die Kontrolle über seinen schlaffen Körper zurück und schnellte ins Badezimmer. Gerade noch rechtzeitig. Ein stattlicher Schwall hellroter Klumpmasse verließ seinen geschwächten Organismus auf demselben Weg, den er (allerdings in anderer Konsistenz) gekommen war, und schoss unter einem langen Stöhnen in das weiße Porzellan. Ein paar Mal noch röchelte Eon seinem Mageninhalt hinterher und spie beißende Galle haarscharf an seinen geliebten Rastazöpfen vorbei. Er war ja noch nie wirklich trinkfest gewesen, aber an mehr als zwei Gläser Sekt gestern Abend konnte er sich wirklich nicht erinnern. Einen gegen das Lampenfieber vor seinem Konzert im Ballsaal, einen danach, als ihn die hübsche Brünette an der Bar angelächelt hatte. Hatte er sie angesprochen oder sie ihn? Wie war er in sein Zimmer gekommen? Und warum fühlte er sich, als hätte er statt zwei Gläsern zwei Fässer Sekt getrunken? Ach was soll’s…er spülte ab und betrachtete sein zerknautschtes Gesicht im Spiegel. Sein Blick fiel auf die leuchtend roten Pumps, die hinter ihm in der Kabine auf dem Teppichboden nebeneinander standen. Unweigerlich huschte ein verschmitztes Grinsen über seine ausgetrockneten Lippen. Er hatte also die Nacht nicht allein verbracht.

Auch Manuel Guitierrez war nun nicht mehr der einzige Gast im Fitnessstudio des Luxusdampfers. Seit ein paar Minuten rackerte sich ein schwerfälliger alter Mann mit weißem Haarschopf auf einem Laufband ab. Allmählich brachte der rasselnde Raucheratem dieses Typen ihn aus dem Konzept. Bloß fokussiert bleiben, nicht ablenken lassen. Die letzten Minuten, die ihm bis zum Beginn seiner Mission hier an Bord blieben, wollte er nicht durch Unkonzentriertheit vergeuden. Er rief sich die langen Beine der Señorita vor Augen, die ihr Ticket am ersten Tag der Karibikrundfahrt neben ihm hatte fallen lassen. Wie schamlos sie so getan hatte, als sei das ein Versehen gewesen, und wie süß sie ihn angeschaut hatte, als er ihr den Bordpass zurückgab. Bei ihrer nächsten Begegnung würde er Nägel mit Köpfen machen und sich selber für sein hartes Training belohnen. Claro que si. Diese Art von Motivation ließ ihn wie immer jegliches Nebengeräusch ausblenden. Als aber ein weiterer Herr, merklich jünger und athletischer als der Kerl auf dem Laufband, den Raum betrat und ein Gespräch mit dem röchelnden Jogger anfing, war es mit dem vergnüglichen Teil des Nachmittags vorbei. Vor ein paar Stunden hatte Guitierrez von seinem Boss ein kleines Foto dieses Mannes erhalten. Ihn galt es im Auge zu behalten. Er wusste von dem geplanten Aufeinandertreffen der beiden Landsmänner, die sich nun leise, aber mit einem harten, leicht aggressiven Duktus unterhielten. Das forsche Staccato aus Wörtern mit zu vielen Konsonanten konnte er bald als Deutsch identifizieren. Er hatte zwar ein Faible für Fremdsprachen, aber mit diesem unmelodischen germanischen Geraune hatte er schon immer seine Probleme gehabt. Durch die Abhörfunktion seiner silbernen Kopfhörer war die Unterhaltung glücklicherweise besser zu verstehen. Ohne diesen technischen Kniff wäre die Konversation der beiden Deutschen für ihn eine unentzifferbare Abfolge seltsam klingender Phoneme geblieben. So verstand er sie fast mühelos.

„Hallo, Werner!“

„Jörg! Wurde aber auch Zeit! Ist dir jemand gefolgt?“

„Nee. Aber was ist mit dem Kerl dahinten? Sicher, dass er uns nicht versteht?“

„Joo. Hab ihn eben auf spanisch telefonieren hören. Außerdem hat er Kopfhörer auf.“

„Na dann. Bisher läuft jedenfalls alles nach Plan. Die Kleine wirkte bisschen verwirrt, aber ich denke, sie hat angebissen. Den Rest werde ich ihr später klarmachen.“

„Sauber. Und unser Klavierspieler ist immer noch in seinem Zimmer?“

„Ja, den hat’s ordentlich erwischt.“

„Besser ist das! Wir müssen sicher gehen, dass er nichts bemerkt, bevor wir morgen früh auf Cozumel anlegen. “

„Schon klar. Bis um Mitternacht dann.“

„Bis später.“

Schnaufend taumelte der beleibte Rentner vom Laufband in Richtung Umkleidekabine davon.

Vor dem Treffen mit den Wiedenkamps musste Maria sich unbedingt umziehen. Zwar ging es ihr nach einem kleinen Nickerchen auf dem Sonnendeck schon merklich besser, aber in ihrem Gammellook konnte sie sich dem feschen Paar nicht noch einmal präsentieren. „Keine Ahnung, wie die darauf kommen, dass sie mich vor ein paar Wochen auf dieser Gala gesehen haben. Aber ich werde trotzdem einen guten Eindruck machen. Man weiß ja nie, was es einem noch nützen kann.“ Sie wählte einen dunkelblauen Jumpsuit und Espandrilles in beige aus und frischte mit etwas Schminke den Teint ihrer Wangen auf. Ihr Radiowecker zeigte bereits viertel vor sieben. Sie wurde immer nervöser. Woher kannten diese fremden Leute denn nun ihre Zimmernummer? Was führte bloß der Rentner nebenan im Schilde? Und was zur Hölle war gestern Nacht geschehen? Schwebte sie etwa in Gefahr? Ihr Herz pochte ohrenbetäubend zwischen ihren Schläfen, als es plötzlich dreimal laut an der Tür klopfte. Zehn Minuten zu früh. Mit zitternder Hand drückte sie die Klinke nach unten…

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