Mogador, ein Ort der Träumer und Trinker

von Theresa Müller

Ein junger Mann verlässt fluchtartig seine Heimatstadt Düsseldorf und reist nach Mogador – eine alte Fischerstadt, die heute unter dem Namen Essaouira bekannt ist. Dort angekommen, besucht er ein Dampfbad, in dem er die alte Haut von seinem Körper abreiben lässt und sich einer „Häutung“, sozusagen „Neuschaffung seiner Person“ unterzieht. Damit beginnt der Roman Mogador von Martin Mosebach, in dem Patrick Elff, Investmentbanker, im Glaube an der Veruntreuung von millionenhohen Geldbeträgen beteiligt zu sein, vor den Gesetzeshütern wegläuft. Zwar steht zu Beginn der Kriminalfall im Fokus des Romans, doch einmal in Mogador ankommen, verschwindet dieser in den Tiefen des Meeres und es zeigt sich eine fernöstliche Stadt, die in einem mystischen Nebel zu verschwinden scheint.

Martin Mosebach, der 2007 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, zeigt in Mogador erneut seine stilistische Sicherheit auf, die bereits Bücher wie  Westend oder Eine lange Nacht auszeichneten. Seine Sätze sind stets wohlgeformt, rhythmisch und tragen etwas  Theatralisches in sich. So gelingt es ihm, in seinem neuen Roman ein allzu vertrautes Naturereignis wie das Prallen der Meereswellen gegen die Klippen, über mehrere Seiten hinweg lyrisch anmutend zu beschreiben. Doch gerade in dieser Sprachgewalt liegt die Stärke wie auch die Schwäche Mogadors, denn wie Patrick Elff, ist der Leser dazu angehalten zu Warten und sich dabei den ausufernden Beschreibungen anzunehmen. Der Roman kann für den einen dabei als sprachlich und geistig bereichernd, für den anderen schlichtweg als langwierig und ermüdend empfunden werden kann.

Die Geschichte Mogador fängt mit dem Besuch des Monsieur Pereira an, ein machtvoller Geschäftsmann aus dem Maghreb, der Patrick überzeugt, ihm zwölf Millionen Euro in bar auszuzahlen. Nach dem Selbstmord eines Geschäftskollegen stößt die Polizei auf Ungereimtheiten einiger Bankgeschäfte und Patrick ergreift im wahrsten Sinne des Wortes panisch die Flucht – er steigt aus dem Fenster des Polizeipräsidiums, ein Bild, das an einen 100Jährigen aus einem aktuell bekannten Roman erinnert – ohne dass jedoch ein Verdacht gegen ihn ausgesprochen wird. Das Wegrennen und die Angst um einen Kontrollverlust sind immer wiederkehrende Muster, die in dem Roman anhand verschiedener Personen in den Fokus treten.

Martin Mosebach zeichnet in Mogador sehr eigene Charaktere ab, wie Karim, der versucht sich von seiner sehr traditionsbewussten Familie abzukapseln und Fragen stellt, die er eigentlich nicht beantwortet haben will. Khadija, deren Ehemänner das Meer verschluckte und die sich zu einer erfolgreichen Bordellbesitzerin hochgearbeitet hat. Oder Khadijas schweigsamer Sohn, dessen Hauptbeschäftigung darin liegt, sich selbst zu fesseln. Auf diese Charaktere trifft Patrick, dem es selbst an reflektierendem Auseinandersetzungsvermögen fehlt. So findet er in anderen stets einen Schuldigen seiner Taten wie in seiner wohlhabenden Ehefrau, der er immer nur gerecht werden wollte. Vor was er wegrennt, vor der Polizei oder seinem Lebensentwurf als solchen, bleibt in dem Roman letztlich offen. „Mogador, die Stadt der Huren und Trinker“, wie es im Buch heißt, wird für Patrick vor allem zu einem Ort des Wartens und einem Raum der Reflektion.

Während Patrick zum Verweilen zurückgelassen wird, erfährt man von Khadijas Leben. Davon, dass sie, seit sie als Kind eine Katze in den Ofen geschleudert hat, mit dem Dschnunat, einem Dämon, verbündet ist, der ihr visionäre Kräfte verleiht. Durch ihn gewann sie Selbstbewusstsein und somit auch Macht, was sich in einem starken Verlangen nach Kontrolle äußert. Und es wird erzählt, wie sie sich von ganz unten nach oben gearbeitet hat, sowohl finanziell wie auch ideell. Nach einem ausgiebigen Ausflug in Khadijas Leben wendet sich der Roman wieder Patrick zu, der darauf wartet Monsieur Pereiras Aufmerksamkeit zu erhalten. „Er faßte den Entschluß, die Wartezeit als Buße anzunehmen“, heißt es irgendwann und leider nehmen auch viele für die Handlung unnötige Beschreibungen einen zu großen Anteil des Romans ein, wie beispielsweise der Besuch Patricks am Friedhof und der Auflistung der in den letzten rund 100 Jahren Verstorbenen, was schließlich wie eine erzwungene Verlängerung des Romans wirkt.

Gegen Ende wird über die Stadt geschrieben: „In Mogador konnten auch an trockenen Tagen die Kanäle überlaufen, sprudelte es lange ungehemmt aus geplatzten Rohren, und in der Nähe der Stadtmauer glänzte die Straße von der im Rhythmus des Wogenpralls auf sie herniedergehenden Gischtwolke. Mogador, keine Stadt für Bücher.“ Mogador skizziert eine abergläubische Gesellschaft, die sich an Mythen festzuhalten versucht und von den europäischen Werten wie auch der Globalisierung eigentlich Garnichts wissen will. Eine Gesellschaft, die sich vielleicht auch mal einer „Häutung“ unterziehen könnte. Man könnte wohl eher schreiben: Mogador, eine Stadt für antiquierte Bücher.

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