Tote und ausgestorbene Helden der 90er Jahre

von Michael Fassel

Manchmal ist ein Besuch bei YouTube wie in einer alten Fotokiste stöbern – man trifft auf teils bekannte und vergessene Gesichter aus der Vergangenheit. Obwohl ich nach etwas anderem gesucht habe, bleibe ich oft bei den Highlights des Kinder- und Jugendprogramms der 90er Jahre hängen. Da flattern die blutdürstenden Mitglieder der Familie Schlotterstein durchs nächtliche Wuppertal, die Angst vor Knoblauch haben und Kruzifixe hassen – ein Statement gegen Gesellschaftskonformität. Ein weiterer Sympathieträger der 90er Jahre ist schweinchenrosa und hat große violette Augen, isst am liebsten Fleischchips und schlägt seinen Vater mit Pfannen und Baseballschlägern k.o. Die anthropomorphe Dinosaurier-Familie war fester Bestandteil des Kinderprogramms. Aber warum finden auch Erwachsene heute noch so viel Interesse daran? Gab es nicht immer ein Happy End in jeder Folge? Auch wenn sich bestimmt jeder an das pfannenschlagende Baby erinnert (und auch hier haben wir es unter der Oberfläche von infantiler Slapstick-Komik möglicherweise mit einem prähistorischen Ödipuskomplex zu tun), steckt für eine Puppenserie zwischen den Dialogzeilen unheimlich viel Sarkasmus und Medien- und Gesellschaftskritik. Dass das Baby in jeder Folge vorm Fernseher hockt und sich mit funkelnden Augen auch mal Gewaltvideos reinzieht, ist bestimmt kein Einzelphänomen, wenn auch überspitzt dargestellt. Ungleichberechtigung zwischen Mann und Frau, Ausbeutung von Arbeitnehmern, Hass auf vierbeinige Dinos, die auf der anderen Seite des Sumpfes bleiben sollen und eine verheerende Klimakatastrophe – die mitunter eines der traurigsten Serienenden einleitet – sind aktuelle Themen, die geschickt in das Gewand einer verrückt erscheinenden Kreidezeit gekleidet sind.

Verblüffend aktuell wirkt heute jene Episode, in der der Oberälteste Dino, der etwas Vergleichbares wie das Amt eines Präsidenten bekleidet, stirbt und ein Nachfolger gewählt werden muss. Da stellt sich der tyrannische Konzernboss Richfield zur Wahl. Um diese zu gewinnen, sucht er sich selbst einen möglichst trotteligen Gegenkandidaten aus, den er in seinem Angestellten Earl Sinclair findet. Bei einem TV-Duell stehen sich die beiden Kontrahenten gegenüber – und ohne es zu beabsichtigen provoziert Earl seinen Chef, der ausflippt und mit Beleidigungen reagiert. Der Moderator seufzt: „Das war ein würdeloses Schauspiel. Die Bürger in diesem Lande haben die Wahl zwischen einem unbeherrschten, blutrünstigen Monster und einem einfältigen, unterbelichteten Schwätzer.“[1]Man hätte es noch weiter zuspitzen können, indem man eine einzige Person alle die Eigenschaften zuschreiben könnte. Aber vielleicht dachten die Macher, dass das etwas zu weit weg von der Realität ist…

[1]Die Dinos, Folge 27 (R: Tom Trbovich, 1992).

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