Konsumtradition oder Traditionskonsum?

von Reimund Bayerlein

Weihnachtszeit soll doch die geruhsame Zeit sein, “d’stade Zeit”, wie man im Bayerischen sagt. Manch wahre Genießer interpretieren diese Ruhe-verheißende Phase aber auch als die Halt-deine-scheiß-Fresse-du-Kotze-und-lass-mich-in-Ruhe-mit-deiner-Weihnachtskacke-du-Wixxer-Zeit. Zu welcher Position man sich auch bekennen mag, der traditions-bewusste Abendländer muss sich wie jedes Jahr die Kritik der Weihnachtsmuffel gefallen lassen. Und ich spreche nicht nur von jenen spitzfindigen Besserwissern, die in diesem christlichen Fest eine Ausgrenzung anderer Religionen sehen und unter dem fadenscheinigen Deckmantel integrations-schwangerer Sozialpolitik “Weihnachtsmärkte” in “Wintermärkte” umbenennen wollen. Hätte mich früher solch eine Fehlinterpretation des Integrationsbegriffs wutschäumend auf die Barrikaden gebracht, so entlockt es mir heut nur mehr ein resigniertes Naserümpfen gepaart mit Augenverdrehen und intensivem Kopfschüttlen – gern bis zur Bewusstlosigkeit.

Nein, eigentlich meine ich mit Kritik das berechtigte Ankreiden der Verklärung Jahrhunderte alter traditioneller Abläufe und Gepflogenheiten zum Zwecke konsumorientierter Lebensführung. Alles, was im entferntesten zum Weihnachtsfest hinzugezählt werden kann, wird verkauft. Für teuer Geld. Denn Weihnachten ist nicht mehr nur die Geburt des christlichen Heilands sondern ein Event. Und die Eröffnung des Weihnachtsmarkes ist ein Event (Siehe Nürnberg). Und der Nikolaustag ist ein Event. Und jeder Advent ist ein Event. Ad-vent, E-vent – where’s the difference? Von überall plärren einem seit September nervtötende Christmas-Jingles entgegen und den ersten Glühwein gabs dieses Jahr schon im Oktober. Deutschlands dicke Kinder freuen sich seit Ostern auf ihre sechsunddreißig Geschenke an Heilig-Abend und keiner von ihnen weiß auch nur noch im Ansatz welche der “Traditionen” nun eigentlich wirklich zu Weihnachten gehören und welche nicht und manche wissen gar nicht mal, was und warum man eigentlich feiert.

Und so braucht Jedermann einen Weihnachtsbaum mit achthundert Lichtern und Kugeln und man braucht Kerzen und Figürchen und Fensterschmuck und Schocko-Nikoläuse, Plätzchen, Lebkuchen und Schlag-mich-tot. Hierbei sei erwähnt, dass der Weihnachtsbaum genauso wenig zu Weihnachten im ursprünglichen Sinne gehört, wie der eier-versteckende Hase zu Ostern. Aber es ist eben Tradition, bzw wir haben es zur Tradition gemacht. Und so zählen wir Glühwein, Geschenke, Lichterketten, Weihnachts-Auto-Aufkleber und Christmas-Carrols im Sommer auch zur Tradition. Oder? Oder??

Ich möchte hier kurz einwerfen, dass ich selbst kein religiöser Mensch bin. Ich würde daher genau so über die Kommerzialisierung von Chanukka, Pessachfest oder das Fastenbrechen nach dem Rhamadan herziehen, wenn mir jemand erzählen würde, dass dies in anderen Ländern so stattfindet. Und das Ausschlachten alter Feste und Erfinden neuer “Traditionen” schwappt einmal quer um die Welt und infiziert alle Länder und Kontinente. Verzeihung, natürlich nur die Länder die es sich leisten können. Sorry, Afrika #haternichgesagt. Und jetzt haben wir Halloween. Danke Amerika. Warum nicht mal ne große Feier mit vielen Geschenken am Tag der deutschen Einheit? Das wäre das gesellschaftlich wesentlich wichtigere Fest und man kann mindestens genau so schön über dessen Sinnhaftigkeit und Berechtigung streiten, wie über Weihnachten und alle sind dran beteiligt unabhängig ihrer Religion. Ich sollte mal ne Petition starten…

Zurück zum Thema: Dem Schenk- und Schmück-Zwang sei Dank, verwandelt sich die ruhe-verheißende Vorweihnachtszeit in die wahre Stresshölle des Jahres. Dagegen ist sogar meine eigene Mama nicht gefeit und beginnt ab November mit Planungen, Schmücken, Besorgen, Putzen etc. Es soll ja alles schön sein für das große Fest, welches immer dem gleichen Ablauf folgt: Fressen, Schenken, Saufen, Neujahr. Und seit September suggeriert man uns, dass es das Wert ist? Alles so besonders und einmalig, freudig und geruhsam und zauberhaft? Wochenlanger Stress für ein paar Stunden drückende Stimmung, fettiges Essen und zu viel Schnaps? Danke Weihnachten, du Arschloch.

Verzeihung, ich habe mich gehen lassen. Ich würde mir nur einfach wünschen, dass wir alle mehr dazu in der Lage wären, uns ein klein wenig von dem durch Gesellschaft, Medien und Werbung aufoktroyierten Kauf- und Konsumzwang zu lösen. Und uns ein bisschen zurück zu Besinnen auf den wahren Zauber der Weihnacht: Gemeinsamkeit, Freude schenken und sich ein paar Tage Wohlfühlen um Kreise der Menschen, die man zu seinen Liebsten zählt. Vielleicht ja nächstes Jahr. Aber bitte nicht schon ab September.

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