Fortsetzungsroman Kreuzfahrt

von Christian Bocksch

Das Finale

Manuel war schon lange genug in seiner Branche tätig, um das Geräusch zu erkennen wenn eine Waffe entsichert wurde. Er hielt inne.

„Es tut mir wirklich leid, dass ich dieses junge Glück stören muss, aber wir sind geschäftlich hier“. Der Sprecher stand hinter seinem Rücken, aber da Marie erschrocken hin und her blickte, ging Manuel davon aus, dass zwei Personen da sein mussten. „Werner, darf ich bitten?“ Schwere Schritte nährten sich, Manuel ging seine Möglichkeiten durch, sollte er zu schlagen? Aber da drückte sich bereits die kalte Mündung einer Pistole in seinen Nacken. „Mach jetzt keine Fisimatenten, Bursche“. Er erkannte beide Stimmen, es waren der Rentner und dieser Jörg Wiedenkamp, aber wo war seine Frau? Manuel stand langsam auf, und wurde abgetastet. Seine Pistole hatte Manuel in seiner Kabine gelassen, eine Nachlässigkeit, für die er sich gerne geohrfeigt hätte. Trotzdem fand Werner etwas und hielt es belustigt hoch.

„Wie viel von den Traubenzuckerdingern pfeifst du dir eigentlich am Tag rein Kleiner?“

Er wollte nicht darauf antworten, sondern wandte sich direkt an Jörg, der dieses Duo offensichtlich anführte: „Kann sich Frau Herchenröther wenigstens wieder etwas anziehen, oder wissen sie beide nicht, wie man eine Dame behandelt?“ Die beiden warfen sich spöttische Blicke zu. „Oho, der edle Ritter und das Burgfräulein. Aber keine Sorge, wenn sie beide uns etwas entgegen kommen, können sie ungestört fortfahren“. Jörg richtete seinen Revolver auf Manuel und fügte säuselnd hinzu: „Der Stick- Bitte“, Ruckartig bewegte er den Revolver in Richtung Marie „Oder die Kleine fängt sich was ein“. Manuel und Marie wechselten einen Blick, und ihm fiel auf, dass sie relativ ruhig war. Erstaunlich wie er fand. Er seufzte: „ Der rote Pump da, im Absatz“. Werner steckte seine immer noch gezogene Pistole wieder ein, griff nach dem Schuh und arbeitete sich an dem Objekt ab. Nach einer Weile, die Manuel dafür genutzt hatte, eine Schwachstelle bei seinen Gegnern zu suchen, schaffte es der Mann den Absatz zu lösen. Ratlos schüttelte er es und grunzte: „Nix da“. Sofort richtete sich Jörgs Revolver wieder auf Manuel.

„Dein Arsch hat gleich Kirmes. Junge, ein letztes Mal: Wo ist der Stick“

„Warten Sie….Vielleicht…Vielleicht ist der Stick bei diesem Reichenbach, dafür sind Sie doch auch verantwortlich oder?“ schoss es aus Marie heraus, Manuel war immer überraschter von ihr. Jörg kniff seine Augen zusammen, nahm sein Smartphone aus der Tasche und telefonierte mit jemandem, ohne einen Namen zu nennen. Ein Nicken und er legte auf: „Glück gehabt, die Kleine hat Recht. Werner pass auf die beiden auf, bin gleich wieder da“. Damit verließ er die Kabine, und der andere lehnte sich gegen die Wand. Manuel hatte einen Geistesblitz, wenn…

„Señor, können sie mir den Traubenzucker zurückgeben?“

Zuerst blickte er misstrauisch, dann amüsiert: „Hier, aber nicht das du dir eine Bombe baust MacGywer“, dann prustete er auch schon los.

Sie konnte es nicht glauben, die Wiedenkamps waren Kriminelle. Und der nervige Rentner bedrohte sie mit einer Waffe, während Manuel diese Dextrose futterte. Werner lachte noch immer, wenigstens Einer, dache sie. „Tu so als hättest du einen Magenkrampf“, zischte er plötzlich, und als sie nicht sofort reagierte: „Sofort“. Was soll schon schlimmer werden? Hoffentlich hatte ihr Leidensgenosse einen Plan. Sie war nie eine gute Schauspielerin gewesen, andererseits ging es auch bisher nie um etwas. Sie schrie auf, umklammerte ihren Bauch und warf sich auf dem zerwühlten Bett hin und her. Abrupt hörte Werner auf zu lachen und starrte.

„Na los tun sie was, Hombre!“ rief Manuel. Der Mann wirkte zum ersten Mal verunsichert, steckte dann aber seine Waffe weg und ging in kurzen Schritten zu ihrer Bettseite. Währenddessen musste sie sich anstrengen, selbst nicht lachen zu müssen. Werner beugte sich über sie und versuchte sie festzuhalten. „Heh“, das kam von Manuel, zu dem der Mann jetzt hinüber schaute. Plötzlich schnippte Manuel einen der Drops direkt in das Auge des Älteren. „Arrgh“ er wankte zurück, hielt sich das Auge zu und versuchte mit der freien Hand seine Pistole zu ziehen. Aber Manuel sprang über das Bett und schaltete seinen Gegner mit einem Schlag aus. Er schaute zu Marie: „Weiter geht’s“.

Eon hatte Fifty Shades of Grey gelesen, was er in der Öffentlichkeit immer abstreiten würde. An Fessel spielen hatte er nie etwas Erotisches finden können, und wie er so das saß an den Stuhle gefesselt mit einem Knebel im Mund, ging im einiges durch den Sinn, aber keine schmutzigen Phantasien. Nachdem die beiden Kerle ihn so verpackt und Sarah zum Aufpassen übergeben hatten, waren sie gegangen. Dann hatte Sarah, die gelangweilt auf der Kommode gesessen hatte, einen Anruf von diesem Jörg bekommen, und die SD-Karte gefunden. Als ihr Mann dann gekommen war, um den Datenträger abzuholen und wieder zu verschwinden, hatte sie die Tür geschlossen und ihn angeschaut. „Wir haben jetzt etwas Zeit für uns, Eon“. Mit einigen hüftbetonten Schritten ging sie zu dem Schrank in ihrer Kabine, verschwand kurz darin, nur um dann mit einer schwarzen Reitgerte wieder hervorzukommen.

„Du warst sehr ungezogen, mein Hengst“. Dabei ließ sie ihr Spielzeug laut an den Schrank knallen. Eon hätte jetzt gerne um Hilfe geschrien, versuchte es auch und wippte mit dem Stuhl auf dem er gefesselt war. Die einzige Konsequenz war, dass er umkippte, und er sich noch erbärmlicher fühlte.

„Aber mein Kleiner, nicht dass du dich verletzt“. Sie holte mit ihrer Gerte aus, und Eon versuchte, obwohl ihm die Ausweglosigkeit klar war, mit dem Stuhl irgendwie wegzukommen. Das Türschloss splitterte, die Tür fiel aus den Angeln und ein junger Mann mit schwarzen Haaren stürmte mit einer Pistole im Anschlag. Die Szene verstörte ihn scheinbar, und er verpasste den Moment, Sarah nutze ihn. Blitzschnell schlug sie mit der Gerte zu, und der Mann verlor seine Waffe. Immer wieder schlug sie zu, wie ein Berserker. Er konnte sich nicht anders helfen als mit seinen Armen den Kopf zu schützen. Eon wollte eingreifen, aber er war immer noch gefesselt. Dann hörte das Knallen plötzlich auf, Sarah verdrehte die Augen und kippte vorn über. Marie hatte sich angeschlichen, und dann mit einem schweren Buch zugeschlagen, er fiel vom Glauben ab. Es war seine signierte Ausgabe des Rings der Nibelungen. Ein Buch, dass er immer mit sich führte, und ein Erbstück. Während er noch die Verwendung seines Schatzes bedauerte, wurden seine Fesseln gelöst Schließlich war Eon frei, und genoss es zu sehen wie nun Sarah eingeschnürt wurde.

„Was machen wir jetzt?“ fragte Eon. Die beiden blickten sich zu, dann antwortete der Mann: „Spaß haben“.

Seine Haut brannte noch immer, und seine Arme waren von roten Striemen überzogen. Manuel wusste, dass sein Glücksengel an diesem Abend Überstunden für ein ganzes Leben schob. Erst vergaß er seine Browning, dann ließ er sich von dieser Furie auspeitschen. Jetzt durfte nichts mehr schief gehen. Er stand vor der Kabinentür der Wiedenkamps, direkt hinter ihm waren Marie und der Pianist, beide hatten sich nicht abhalten lassen mitzukommen. Mehrere andere Passagiere die zufällig vorbei kamen, hatten sie vertreiben können. Es reichte, sehr zum Erstaunen Manuels, zu behaupten eine Geburtstagsüberraschung für den Herrn in der Kabine zu planen. Es war Maries Idee gewesen, und sie spielte so überzeugend die harmlose Touristin, dass er Angst vor seiner Zufallskomplizin bekam.

„Alles klar, keiner zu sehen“, flüsterte Eon. Er nahm etwas Abstand, und schien sich noch daran zu erinnern wie seine Kabinentüre aufgebrochen wurde. Manuel atmete einmal tief ein, überlegte kurz ob er die Kosten für zwei Türen auf seine Steuererklärung setzen konnte, und trat dann, als wäre es die Tür des besagten Amtes, zu. Es knirschte und das Holz gab nach. Erschrocken drehte sich Jörg Wiedenkamp von seinem Laptop in Richtung der ehemaligen Tür um, und blickte in den maschinell gezogenen Lauf von Werner Pistole. Ein Stahlstrudel. Nur dass statt seinem Komplizen, Manuel den Abzug kontrollierte.

Jörg lächelte: „Mal wieder zu spät, Junge, du drückst eh nicht ab“. Dann tippte er einmal auf die Tastatur – nichts geschah. Der Schreck ließ ihn die Waffe vergessen und er dreht sich wieder um, und hackte verzweifelt auf den Tasten. Aber keine schien zu reagieren, stattdessen öffnete sich eigenständig ein Internetfenster.

„ Was zum…“, flüsterte Herr Wiedenkamp, als eine Videoverbindung aufgebaut wurde. Ein junger Mann, mit lädiertem Gesicht und verbundenen Armen wurde sichtbar. Trotz der Verletzungen erkannte Manuel seinen Partner Kevin wieder, ein Seitenblick, und an Maries heruntergefallenem Kiefer erkannte er, dass auch sie ihren alten Freund erkannte. Jörg Wiedenkamps Gesicht verzog sich zu einer Fratze der Abscheu. „ DU!“ brüllte er. „Was hast du mit meinem Laptop gemacht?“

„ Ich empfehle Ihnen, sich eine bessere Firewall zu zulegen, Herr Wiedenkamp“, antwortete Kevin.

Langsam fraß sich die Glut durch die vielen Schichten von Blättern. Nivellierte dabei jegliche Strukturen von ausgetrockneten Gefäßen und Zellen, und hinterließ nur gleichförmige Asche. Eon widmete den Zigarre rauchenden und Bermudahemd tragenden Person, seinem örtlichen Kontaktmann, nur einen kurzen Seitenblick. Viel wichtiger war ihm in diesem Moment, sein in mehreren Metern schwebender Flügel. Er wurde gerade von dem Hafenkran ausgeladen. Zentimeter um Zentimeter wurde das wertvolle Instrument herabgelassen, bis es sicher auf der Kaimauer stand. Vorsichtig begutachtete Eon sein Klavier, während der Andere den Zigarrenstummel wegschnippte und näher zu ihm trat.

„Und?“ fragte der Mann als er mit seinen Fingern über die Beine des Flügels strich. Eon verdrehte seine Augen und zog ein kleines Klappmesser, die Ungeduld des Mannes begann seine Nerven zu strapazieren. Die Klinge schnappte mit einem leisen Klacken hervor, und er stach damit langsam in das Bein des Flügels. Nicht tief, sondern nur soweit, bis er ein fingerkuppengroßes Stück herausgeschnitten hatte. Dieses hielt er nun Juan, jedenfalls glaubte Eon das der Mann so hieß, hin. Dieser nahm es, und zerrieb das Stück zwischen seinen Sonnenverbrannten Fingern. Das dabei entstehende Pulver kostete er vorsichtig. Dann nickte er grinsend. „Alles klar, Boss“.

Eon stand auf, strich sich den Staub der weiten Welt von den Hosen, der sich hier auf dem Hafenkai zu sammeln schien. „Hab ich von Anfang an gesagt“.

Mann, dachte Eon während er einen letzten Blick auf das Kreuzfahrtschiff warf, ich werde zu alt für so was.

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