Lasst Bücher wieder Bücher sein

von „Liesel Meminger“

Zum Wandel im Buchhandel

Thalia nimmt jetzt auch Payback-Karten an. Die Ironie an der Sache: Auf Bücher gibt es keine Punkte.
Was so paradox klingt, hat eine einfache Erklärung. Bücher sind anders, lernt schon jeder junge Buchhändler in der Buchhändlerschule. Und auch als Leser merkt man diesen Unterschied instinktiv. Es ist etwas anderes, ein Buch zu kaufen, als ein Stück Käse oder ein T-Shirt. Ein Buch zu kaufen, ist ein Abenteuer und wenn man es richtig machen will, braucht man Zeit dafür.
„Moment mal“, würde der Feinschmecker nun entrüstet rufen, „ich nehme mir auch die Zeit, den perfekten Käse zu finden.“ Dem möchte ich gar nicht widersprechen. Und doch – haben Sie es gemerkt? – klingt es merkwürdiger, nach dem „perfekten Käse“ zu suchen als nach dem „perfekten Buch“.

Dennoch gibt es für dieses vage Gefühl der Andersartigkeit von Büchern auch eine ganz unsentimentale Begründung, für die wir wieder auf unseren jungen Buchhändler zurückkommen – oder unsere junge Buchhändlerin. Dieser junge Mensch lernt also, dass es drei Gründe für die Besonderheit von Büchern im Gegensatz zu anderen Konsumgütern gibt: 1. der ermäßigte Mehrwertsteuersatz (gerademal 7 % anstatt der üblichen 19 %), 2. die ermäßigte Büchersendung (Büchersendung bis 500 g für 1,00 €, statt 4,10 € für ein Päckchen derselben Gewichtsklasse). Schließlich 3. (und das ist der Tod der Payback-Karte) die vieldiskutierte Buchpreisbindung.

Die Buchpreisbindung gewährleistet, dass deutschsprachige Bücher in jeder Buchhandlung für denselben Preis verkauft werden müssen (diverse Sonderregelungen für Buchclubs, Mängelexemplare und Antiquariate wollen wir hier außer Acht lassen). Dies bedeutet konkret: Möchte ich den aktuellen Band von George R. R. Martin kaufen, zahle ich in jedem Fall 16,00 € dafür – ob bei Amazon, Thalia oder dem netten Buchhändler um die Ecke. Das mag zwar eine schlechte Nachricht für Schnäppchenjäger und Preisvergleicher sein, sichert jedoch die Chancengleichheit und Meinungsvielfalt auf dem deutschen Buchmarkt und rechtfertigt sich dadurch, dass Bücher nicht nur als Handelsware (wie Käse oder T-Shirts) gelten, sondern eben auch als Kulturgut. Deutschland, das als einziges Land über eine solche Regelung verfügt, kann sich schließlich nicht umsonst mit der weltweit bestsituierten Buchkultur brüsten.

So weit, so gut – klingt doch erst mal ganz positiv, diese Buchpreisbindung. Bücher sind anders und alle sind zufrieden. Der Einzige, der das nicht wahrhaben will, ist der Buchhändler, zumindest die großen Buchhandelsketten wie Hugendubel oder Thalia. Mag sein, dass Thalia es als Husseltochter und Schwester von Douglas, Christ und AppelrathCüpper besonders schwer auf dem modernen Markt hat – Schokolade, Parfum, Schmuck und Kleidung können die Preisleiter immerhin munter hinauf- und hinunterklettern. Jedenfalls versucht Thalia seit Jahren, den Schutzumschlag der Buchpreisbindung etwas zu lockern. Douglas verteilt 5-€-Online-Gutscheine, die der Parfumliebhaber bei einem Einkauf auf der entsprechenden Internetseite einlösen kann. Kein Problem so weit. Doch Thalia sah, dass es gut war – und wollte es auch. Problem: Buchpreisbindung – kein Rabatt auf Bücher. Was passiert? Thalia verteilt 5-€-Online-Gutscheine, auf deren Rückseite im Kleingedruckten vermerkt werden muss, dass sie nicht für Bestellungen gelten, die preisgebundene Ware (sprich: Bücher) enthalten. Heißt im Klartext: Ich muss auf der Internetseite einer Buchhandlung etwas anderes bestellen als Bücher, damit ich meinen 5-€-Online-Gutschein einlösen kann.

Alle Welt – soll heißen: Aral, REWE, dm usw. – verteilt Payback-Karten und -Punkte. Daran ist nichts auszusetzen. Doch Thalia sah, dass es gut war – und wollte es auch. Problem: schon wieder diese Buchpreisbindung – keine Vergünstigungen, die dem Kauf preisgebundener Ware verdankt werden. So was Ärgerliches aber auch. Was passiert? Thalia nimmt Payback-Karten entgegen, kann die Punkte jedoch nur auf nichtpreisgebundene Ware buchen. Heißt im Klartext: Buchliebhaberin A kauft zehn gebundene Bücher und zückt an der Kasse stolz ihre Payback-Karte. Gutgeschriebene Punkte: 0. Nach ihr kauft eine nette ältere Dame einen kleinen Porzellanhasen aus dem Osterschlussverkauf (für nächstes Jahr, Sie wissen schon, 70 % reduziert und überhaupt). Sie bekommt Punkte gutgeschrieben.

Man könnte nun denken, dass all dies ein schlechtes Licht auf die Buchpreisbindung wirft, die an sich doch etwas Gutes ist. Und warum? Weil Bücher nicht mehr Bücher sein dürfen.

Sehen wir uns das einmal genauer an. Fernsehen, Musik, Computer und Bücher – das sind die Medien, mit denen sich die Leute hauptsächlich die Freizeit vertreiben. Früher war man dafür ans Haus gebunden; Fernseher, Stereoanlage und Computer ließen sich schlecht bis gar nicht in den Urlaub oder zu einem spontanen Picknick in den Park mitnehmen. Glücklicherweise erfand man dann den MP3-Player, das Smartphone, das Tablet und die Probleme lösten sich in Luft auf. Da musste nun auch das Buch als Medium einen neuen, hippen, tragbaren Kanal bekommen und man erfand den E-Book-Reader. Welch revolutionäre Erfindung – endlich konnte man sein Buch überallhin mitnehmen … Wie, das konnte man vorher schon? Was heißt hier Taschenbuch? Na gut, also muss noch eine Neuerung her: Warum nicht auch Musik und Bilder auf den E-Reader laden, nach dem Motto „alles aus einer Hand“? Ja, das ist es, der perfekte Buchersatz mit Nebenfunktionen. (Abgesehen davon, dass sich durch die virtuellen E-Books sogar ein bisschen an der Buchpreisbindung kratzen lässt – nicht viel, nur ein wenig, sodass der Buchmarkt einmal heftig schlucken muss.)

Doch dann das nächste Problem: Die Auflösung des Geräts, die für Bilder und Filme nötig ist, strengt beim Lesen schnell die Augen an. Also Kommando zurück, alles wieder runter. Besinnen wir uns auf den eigentlichen Zweck, das Lesen, das muss angenehm sein. So sieht man es zum Beispiel in der aktuellen Werbung für den Kindle Paperwhite von Amazon: Ein paar „Buchfreunde“ testen den E-Reader in der Kulisse der Frankfurter Buchmesse – und sind hellauf begeistert. „Das ist wirklich wie Papier“, kommentiert entzückt eine junge Frau mit Pferdeschwanz. „Genau als wär’s ein Buch“, fügt ein Mann in blauer Strickjacke ehrfürchtig hinzu. Und man fragt sich: Wann genau spielt dieser Werbespot? Gab es eine weltweite Katastrophe, in der alles Papier und alle Bäume zerstört wurden? Wohl nicht, sonst gäbe es auch die Frankfurter Buchmesse nicht mehr. Man will diesen Leuten zuschreien: „Wenn ihr ein Buch wollt, dann nehmt ein Buch – es gibt sie noch! Dann sieht es nicht nur aus wie Papier – es ist tatsächlich Papier!“

Der sinnvollste, wenn auch leicht pathetische Kommentar ist noch: „Ich kann tausend Bücher tragen“, geäußert von einer Frau mit französischem Akzent, der wohl suggerieren soll, dass sie viel reist. Ja, das ist sicher richtig und sehr praktisch in der Bahn, keine Frage. Aber drehen wir das Blatt einmal um: Welchen Reiz hätte eine Bibliothek, in der es nur noch leere Regale und einen einzigen E-Book-Reader gibt? Vielleicht ist aber auch gerade dies das Ziel: der Imagewandel des Buches. Keine alten, verstaubten Wälzer mehr, sondern modernste Technologie. Von der Haptik zum rein virtuellen Content.

Bücher dürfen keine Bücher mehr sein.

Nun mögen manche Leute der Meinung sein, dass dies einfach der natürlichen Entwicklung geschuldet sei. Dinge verändern sich, gehen mit der Zeit.

Doch es gibt Dinge, die sind gut, so wie sie sind, und brauchen keine künstliche Aufwertung, um modern zu sein. Diese Dinge nennt man zeitlos. Bücher gehören dazu. Mein Vorschlag also: Hört auf, die Welt zu verbessern, wo sie es nicht braucht, und lasst Bücher wieder Bücher sein.

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